Tennis

Tennis für Jugendliche im Wachstum: Spiel, Satz und Spaß

Darüber können sich Eltern freuen: Tennis ist für Kinder und Jugendliche gesund, stärkt Körper und Psyche gleichermaßen. Doch Knochen und Gelenke sollten im Wachstum nicht überlastet werden.

Text: Gabriele Hellwig
Beitragsbild: iStock

Früh übt sich, wer ein Meister werden will: Mit nur drei Jahren nahm Steffi Graf 1973 zum ersten Mal einen Schläger in die Hand. Schon zwei Jahre später gewann sie das traditionelle „Nationale Jüngsten-Turnier“, das damals noch in München ausgetragen wurde. Als Elfjährige startete sie bei den Deutschen Hallenmeisterschaften der Erwachsenen. Fortan galt sie als „Wunderkind“. Nicht weniger beeindruckend verlief die sportliche Karriere von Boris Becker: Schon mit sechs Jahren trat er 1974 in den Tennisclub ein. Als Neunjähriger gewann er die Süddeutschen Jugend-Meisterschaften und das Jüngsten-Turnier. 

Was in den 1970er-Jahren funktionierte, gilt beim Tennissport auch heute noch: Angelique Kerber spielt seit ihrem dritten Lebensjahr Tennis. Und Alexander Zverev hat auch schon als Kleinkind einen Tennisschläger in die Hand genommen – Mama und Papa sind schließlich Tennistrainer. 

Tennis schult Konzentration und Reaktionsfähigkeit

Tatsächlich ist Tennis eine erstklassige Sportart für Mädchen und Jungen – unabhängig davon, ob sie Ambitionen à la Steffi Graf haben oder einfach nur aus Spaß ­spielen. „Tennis schult Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Schnelligkeit und Koordination gleichermaßen und ist damit eine sehr ausgewogene Sportart“, sagt Johannes Holz, Orthopäde und Sportmediziner im OrthoCentrum in Hamburg. „Ich kann daher Tennis als Sport für Kinder und Jugendliche sehr empfehlen.“  

Doch nicht nur körperlich profitieren die Nachwuchsspieler: Tennis schult auch die Konzentration und verbessert die Reaktionsfähigkeit. „Die Persönlichkeit reift, die Kinder entwickeln Disziplin, das Selbstbewusstsein steigt“, sagt Holz. Ein weiteres Plus: Tennis ist eine Outdoor-Sportart, die Mädchen und Jungen verbringen viel Zeit an der frischen Luft. Das stärkt das Immunsystem, die ­Sonne setzt Glückshormone frei und fördert den ­Vitamin D-Stoffwechsel.

Ob drei, elf oder 16 Jahre – grundsätzlich können Kinder und Jugendliche in jedem Alter Tennis spielen. Experten warnen jedoch vor starken Überlastungen und Folgeschäden für Knochen und Gelenke durch Leistungssport. Doch auch im Breitensport ist Vorsicht geboten. Experte Holz: „Kinder und Jugendliche befinden sich im Knochenwachstum, anders als Erwachsene. Außerdem sind ihre Gelenke sehr beweglich, die Bänder elastisch. Diese Hypermobilität führt dazu, dass die Gelenke und Wirbelsäule etwas instabiler sind.“ 

Schonende Schlagtechniken sind wichtig

Probleme können vor allem im Bereich der sogenannten Wachstumsfugen entstehen, wenn man sich verletzt. Da der Körper junger Menschen noch wachsen muss, besteht jedes Knochenende aus einer knorpeligen Gewebe­schicht. „Verletzungen dieser empfindlichen Bereiche können ein Fehlwachstum des Knochens bewirken“, mahnt Holz. Bei Mädchen ist der Wachstumsschub zwischen zwölf und 13 Jahren am stärksten, in dieser Zeit sind sie besonders gefährdet. Jungen wachsen in der Regel am stärksten zwischen 13 und 14 Jahren. Im Allgemeinen ist das körperliche Längenwachstum bei den meisten Menschen mit etwa 18 Jahren abgeschlossen. Dann verknöchert die Wachstumsfuge.

Gut zu wissen: Vorbeugen ist möglich. „Ein ausgewogenes Training, das Schnelligkeit, Kraft, Koordination und Ausdauer gleichermaßen berücksichtigt, ist eine der besten Maßnahmen zur Vorbeugung von Verletzungen“, sagt Holz. Wichtig sei daher, dass das Training von qualifizierten Tennislehrern geleitet wird. Sie werden die Kinder altersgerecht und abwechslungsreich trainieren. Außerdem achten professionell ausgebildete Trainer darauf, dass die Mädchen und Jungen ihren Körper beim Tennis nicht falsch belasten und schonende Schlagtechniken erlernen. Auch die Freude am Spiel wird vermittelt. 

Eine gute Tennisausrüstung gehört ebenfalls zur Prophylaxe. Der Tennisschläger darf nicht zu schwer oder zu groß sein. Eine bedeutende Rolle spielen auch die Tennisschuhe. Sie müssen gut sitzen und das Sprunggelenk optimal stützen. „Viele Kinder und Jugendliche haben Fußfehlstellungen wie zum Beispiel einen Knickfuß. In diesem Fall sind individuell angepasste Sporteinlagen für die Tennis­schuhe wichtig, um den Fuß zu stabilisieren“, rät Holz.

Häufige Verletzungen im Wachstumsalter sind:

Umknicken. Die Bänder des Sprunggelenks sind bei Kindern und Jugendlichen sehr instabil, folglich knicken sie leichter um. Mediziner nennen dies „Umknicktrauma“ oder auch „Distorsionsverletzung“. Die akute Therapie sollte schon am Unfallort nach dem PECH-Schema erfolgen: Pause, Eisanwendung, C(K)ompression, Hochlagerung. Sportmediziner Holz: „Um auszuschließen, dass bei dem Kind oder Jugendlichen die Wachstumsfuge verletzt ist, führen wir eine MRT durch. Ist der Knochen nicht verletzt, reichen für die Behandlung in der Regel eine Sportpause, komprimierende und stabilisierende Tape-Verbände, gefolgt von einer Orthese/Bandage für vier bis sechs Wochen und Physiotherapie. Ist die Wachstumsfuge verletzt, muss eine konsequente Ruhigstellung in gipsähnlichen Orthesen (Rangewalker) oder in seltenen Fällen eine operative Behandlung erfolgen.“

Knieschmerzen. Eine häufige Ursache von vorderen Knieschmerzen bei Kindern und Jugendlichen im Wachstum ist „Morbus Osgood-Schlatter“. Es handelt sich hierbei um eine Entzündung am Ansatz der Kniescheibensehne. „Ursache für Morbus Osgood-Schlatter ist meistens eine Überlastung. Durch sie wird die Sehne an der Wachstumsfuge chronisch gereizt, es kommt zu trainingsbedingten Mikroverletzungen“, erläutert Holz. Um die Schmerzen zu lindern, haben sich vor allem Ruhe sowie eine Anpassung der sportlichen Aktivität bewährt. Verletzungen der Kreuzbänder – mitunter sogar Risse des Kreuzbandes – können ebenfalls schon im Wachstumsalter auftreten. Holz: „Aufgrund der Wachstumsfuge im Kniegelenk müssen Kreuzbandrisse bei Kindern und Jugendlichen sehr schonend operiert werden. Hier verwenden wir spezielle OP-Techniken, die den Erhalt des eigenen Kreuzbandes als Ziel haben.“

Schulterinstabilität. Der Oberarmkopf wird bei Kindern und Jugendlichen dynamisch durch Bänder und Muskeln in der Gelenkpfanne stabilisiert. „Wird beim Tennis auf Dauer die Schulter einseitig belastet, kommt es zu schmerzhaften Reizungen der stabilisierenden Schultermuskulatur, die den Oberarmkopf optimal in der Gelenkpfanne hält. Dadurch kann sich der Oberarmkopf immer mehr nach oben gegen Strukturen des Schulterdachs schieben und hier zu einem schmerzhaften Einklemmphänomen, dem sogenannten Impingementsyndrom, führen“, erklärt Holz. Bei hochgradiger Instabilität des Schultergelenks besteht ein erhöhtes Risiko für eine Teilausrenkung oder komplette Ausrenkung der Schulter (Luxation), häufig begleitet durch angeborene Kofaktoren. Die Instabilität der Schulter wird vor allem mit Krankengymnastik behandelt. Ist die Schulter tatsächlich ausgerenkt, muss der Arzt sie wieder einrenken und eine operative, arthroskopische Schulterstabilisierung durchführen.

Unser Experte

Dr. Johannes Holz ist Orthopäde und Sport­mediziner im OrthoCentrum in Hamburg, das direkt neben dem Tenniskomplex am ­Rothenbaum liegt. Er hat sich vor allem auf die ­Behandlung von Verletzungen und Erkrankungen der Knie und des Sprunggelenks spezialisiert. In seiner Freizeit spielt er selbst regel­mäßig und begeistert Tennis.