Roland Garros – ein Highlight, Jahr für Jahr
Smash-Kolumnist Marco Chiudinelli schreibt über seine Erlebnisse in Roland Garros.
Erschienen in den Smash 3/2025
Roland Garros ist mein Grand Slam-Highlight.» Diesen Satz höre ich oft von Schweizer Tennisfans, aber auch von Schweizer Profis.
Zurecht? Auf jeden Fall gibt es dafür mehrere Gründe – und ich spreche dabei nicht nur aus Fan-, sondern auch aus Spielersicht. Zunächst einmal: Paris ist nah. In weniger als vier Stunden ist man mit dem TGV vor Ort, kein anderes Grand Slam ist für uns geographisch so einfach erreichbar. Ein verlängertes Wochenende in Paris, kombiniert mit Roland Garros-Tickets – das ist für zahlreiche Schweizer Tennisfans ein alljährlicher Fixpunkt im Kalender. Damit ist auch dafür gesorgt, dass bei allen Matches von Schweizer Tennisprofis immer Landsleute im Publikum sitzen, die unsere Profis lautstark unterstützen.
Genau diese geographische Nähe hatte mir 2002 meine Premiere in Paris ermöglicht: Ein Bekannter rief mich am Vorabend des Qualifikationsturniers von Paris aus an und fragte mich, wo ich mich denn gerade aufhalte. Ich antwortete mit «St. Gallen» und er erzählte mir vom Gerücht von mehreren angeschlagenen Spielern, die am kommenden Tag wahrscheinlich nicht zu ihrem Match antreten werden. Dies würde es Spielern wie mir, deren Klassierung für eine Aufnahme ins Qualifikationstableau knapp nicht gereicht hatte, ermöglichen, als sogenannte «Alternates» nachzurücken.
Voraussetzung war allerdings, dass man sich spätestens um 09:30 Uhr in der Früh persönlich auf der Anlage in Paris mit seiner Unterschrift in eine Liste einträgt. Ich setzte sofort alle Hebel in Bewegung, um es über Nacht noch rechtzeitig nach Paris zu schaffen, was mir schliesslich mit einem Nachtzug gelang. Tatsächlich rutschte ich dann für einen verletzten Spieler ins Tableau, feierte noch am Ankunftstag meine Grand Slam-Feuertaufe und schlug mich rückblickend ganz wacker, dafür dass ich im Zug vor lauter Aufregung kein Auge zugedrückt bekommen hatte: knappe Dreisatz-Niederlage gegen den Australier Peter Luczak.
Die enthusiastischen Fans in Roland Garros
Ein weiteres Highlight in Roland Garros sind die französischen Fans. Diese fielen mir bereits damals, obwohl «nur» in der Qualifikation, auf. Oftmals laut, manchmal auch kritisch und an der Grenze der Fairness, aber immer enthusiastisch. Mein stärkstes und emotionalstes Erlebnis mit dem Pariser Publikum erlebte ich 2010, während meiner Erstrundenpartie gegen den Inder Somdev Devvarman, als die Zuschauermenge, gespickt mit zahlreichen Schweizer Fans und solchen aus aller Welt, von Satz zu Satz lauter und engagierter wurde.
Überall sah ich Schweizer Fahnen, T-Shirts mit Schweizerkreuz und auch viele bekannte Gesichter – das gab mir einerseits Auftrieb und die benötigte Energie, das Match unter Krämpfen erfolgreich in fünf Sätzen zu beenden und andererseits auch das Gefühl von einem Stück Heimat mitten im Pariser Grand Slam. Ein absolut inspirierendes Erlebnis!
Ein weiterer Punkt, der mich ab meiner ersten Teilnahme in den Bann gezogen hat, ist das Zusammenkommen der gesamten weltweiten Tenniselite. Alle Topspieler sind da, trainieren mit- und nebeneinander, verpflegen sich im selben Spielerrestaurant, tauschen sich untereinander aus und messen sich schliesslich in umkämpften Matches auf den 16 Matchplätzen derselben Tennisanlage. Dieses Gefühl und diesen Zusammenhalt, trotz der Konkurrenz untereinander, habe ich immer sehr genossen und rückblickend denke ich sehr gerne an diese fantastische Zeit zurück, als ich mit meiner Spielerakkreditierung Zutritt zu fast allen Winkeln der gesamten Anlage hatte.
TGV-Fahrten, Eisbäder und fast überall Zutritt in Roland Garros
Auch für die Fans ist diese Ansammlung von Tennisstars ein Highlight, selbst ohne Zutritt zu allen Stadien und Matches. Denn zahlreiche Stars, deren Matches man während einem Besuch in Paris vielleicht nicht live beiwohnen kann, spulen ihre Trainingseinheiten an matchfreien Tagen auf der Anlage ab, wie etwa Carlos Alcaraz. So haben alle Zuschauer, unabhängig ob ausgerüstet mit Center Court-, Suzanne Lenglen- oder einfach Ground Access-Tickets die Möglichkeit, so einen Spieler hautnah beim Training zu erleben. Vorausgesetzt, man ist rechtzeitig vor Ort, um sich einen der wenigen Plätze zu sichern.
Zurück zum Eingangs-Statement: Mein persönliches Grand Slam-Highlight war Paris aufgrund der Sandunterlage nicht. Aber: Meine Teilnahmen in Roland Garros, verbunden mit den Zugfahrten im TGV, dem Einchecken im gleichen Hotel, den Mittagessen im Spielerrestaurant, den Eisbädern nach intensiven Matches und das Spielen vor dem Pariser Publikum bleiben mir in bester Erinnerung und so freue ich mich auch heute als Fan und Tennis-Analyst jedes Jahr aufs Neue auf den Höhepunkt der Sandsaison und kann jedem Schweizer Tennisfan, der Roland Garros noch nie live vor Ort miterlebt hat, eine Reise nach Paris nur wärmstens empfehlen.

Marco Chiudinelli war 18 Jahre Profi und die Nummer 52 der Welt. 2014 gewann er mit der Schweiz den Davis Cup. Heute arbeitet er als Tennisexperte und veranstaltet Camps.Bild: Dominik Plüss
