2017 Miami Open – Day 7

Angelique Kerber – die große Verunsicherung der Nummer eins

Sonntagnacht, als Angelique Kerber gerade das Finale von Monterrey verloren hatte, setzte Nils Jacobsen einen Tweet ab. Jacobsen ist Wirtschaftsjournalist und bearbeitet gerne Social Media-Themen. Er ist Autor auf der Website „Meedia“, einem Branchendienst der Medienszene. Jacobsen textete: „Nächste Niederlage für #Kerber. 2017 noch KEIN Sieg gegen eine #20-Spielerin! Und das als #1. Für @TennisMagazin sicher trotzdem kein Drama.“

Kerber: „Immer Lächeln für die Werbung“

Hintergrund für den Tweet von Jacobsen war ein Text von ihm über Angelique Kerber, der vergangene Woche auf „Meedia“ erschien. Überschrift: „Immer Lächeln für die Werbung – das angestrengte Instagram-Leben von Tennis-Nummer-eins Angelique Kerber.“ Jacobsen analysiert darin, wie sich Kerber über Instagram von ihren Werbepartnern vereinnahmen lässt. Zitat: „ … die unablässige Social Media-Inszenierung, die die 29-Jährige artig wie ein Zirkuspferd Woche für Woche über sich ergehen lässt.“ Sein Fazit: Kerber spielt ihren Fans auf den Social-Media-Kanälen ein „Gute-Laune-Hochglanz-Leben“ vor, das nicht zu „ihrer sportlichen Tragödie im Tennisjahr 2017“ passt.

Via Twitter erwiderte tennis MAGAZIN daraufhin, dass das Wort „Tragödie“ nicht angemessen sei – „Krise“ würde es besser treffen. Und außerdem: „Vieles, was sie macht auf Instagram & Co., ist vorgegeben: von WTA & Sponsoren. Lust hat sie sicher nicht dazu!“

Für Jacobsen Grund genug, uns als Verteidiger der Deutschen zu sehen, als verblendete Kerber-Fans sozusagen. Deshalb sei es für uns auch kein Drama, dass Kerber in Monterrey das Finale verlor. Womit er, zugegebenermaßen, Recht hat. Ein Drama ist es nicht, was Kerber gerade durchmacht. Auch keine Tragödie, keine Katastrophe. Es ist eine sportliche Krise – Punkt.

Erschreckend schwache Bilanz 2017

Kerber

IRONISCHE GESTE? Kerber nach ihrer Niederlage in Indian Wells gegen die spätere Turniersiegerin Elena Vesnina.

Kerbers Leistungen im ersten Quartal 2017 sind einer aktuellen Nummer 1 nicht würdig – da braucht man gar nicht drumherum zu reden. Kein Turniersieg, erst ein Finale erreicht, nur ein Erfolg gegen eine Top 30-Spielerin: Das ist eine erschreckend schwache Bilanz. Zumal Schwergewichte wie Serena Williams (verletzt), Maria Sharapova (gesperrt) oder Victoria Azarenka (pausiert) derzeit nicht auf der WTA-Tour präsent sind. 2017 verlor sie bisher gegen: Elina Svitolina (zweimal), Daria Kasatkina (auch zweimal), Coco Vandeweghe, Elena Vesnina, Venus Williams und Anastasia Pavlyuchenkova. Es sind Gegnerinnen, gegen die Kerber nicht reihenweise verlieren darf – unabhängig davon, ob sie nun die Nummer eins ist oder nicht.

Wer die 29-Jährige in den letzten Wochen beobachtete und ihr zuweilen etwas näher kam, stellte vor allem eins bei ihr fest: große Verunsicherung. Auch wenn sie immer wieder beteuert, das sei, wie zuletzt in Miami, als sie gegen Venus Williams verlor, „alles kein Drama“. Man nimmt ihr die gespielte Leichtigkeit nicht mehr ab.

So gesehen hat Jacobsen mit seiner Social Media-Kritik sicher recht. Nur: Welcher Profisportler setzt schon selbstkritische Posts ab? Wer will öffentlich als zweifelnde Person in einer Szene wahrgenommen werden, in der letztlich nur die Leistung zählt und bewertet wird? Grundsätzlich ist es gerade im Damentennis so, dass man via Social Media alles dafür tut, die hübsche Fassade aufrecht zu erhalten – egal, wie sehr das Haus dahinter vom Einsturz bedroht ist.

Spiel, Satz, Sieg – großes Tennis hier bei uns im Livescore! Verpasst kein Match! Klickt Euch rein: http://www.tennismagazin.de/livescore/


  1. wfm

    Wer nur ein bisschen die Tennisszene kennt und nicht nur von außen wie Jakobson auf Resultate schielt und keine Ahnung vom Innenleben von Leistungssportlern hat, konnte voraussehen, dass es kein leichtes Jahr für Kerber werden würde.
    Im Unterschied zu Serena Williams hat sie nicht den Nimbus der Unbesiegbarkeit, der dieser lange Zeit vorausging. Die Furcht vor ihrem brachialen Aufschlag führte dazu, dass sie die Spiele oft schon gewonnen hatte, bevor das Match richtig losging. Das gilt für Kerber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Sie muss sich in diesem Jahr ihre Siege noch mehr erarbeiten als zuvor. Der Umstand, dass eine defensive Spielerin wie sie, ohne eine derart tödliche Waffe Nummer 1 der Welt werden konnte, machte keine Angst sondern Mut und spornt ihre Gegnerinnen noch mehr an, die Nummer 1 zu besiegen in der Hoffnung vielleicht sogar selbst an ihre Stelle zu treten. Auch weil unklar ist, wie es bei Serena weitergeht.
    Zudem wird natürlich eine Nummer 1 wie Kerber jetzt noch genauer studiert. Das wiederum nötigt Kerber dazu, ihr Spiel zu verändern. Sie wollten, wie es am Ende der letzten Saison hieß als ihr die langsam die Puste ausging, ihr Spiel effektivieren. Das aber dürfte nicht von heute auf morgen funktionieren und Früchte tragen. Dass sie zudem als Nummer 1 in eine Rolle gedrängt wird, die ihr zusätzliche Verpflichtungen außerhalb des Platzes auferlegt, dürfte die Sache nicht leichter machen. Die Saison ist aber noch nicht zu Ende und in Monterrey hat sie bis zum Finale aufsteigende Form bewiesen. Von daher ist es ganz und gar keine Katastrophe, was mit Kerber passiert. Vielleicht auch nicht einmal eine wirkliche Krise. Obwohl, Krisen haben ja oft etwas Gutes, weil sie auch die Wendung zu etwas Besserem bedeuten können.

  2. Dietmar

    Es ist auffällig, das Kerber häufig, wenn sie hinten liegt eine Verletzungspause nimmt, wie z.B. beim Olympia-finale gegen Monica Puig um den Rhythmus ihrer Gegnerinnen zu brechen. So etwas ist absolut unsportlich. Auch ist sie eine schlechte Verliererin. Wenn sie gewinnt gibt’s eine Umarmung für die Gegnerin, wenn sie verliert kurzer Händedruck und schnell die Bühne verlassen. Ich finde ihr Verhalten äußerst unsympathisch und einer Nummer 1 unwürdig. Auch wenn sie meiner Meinung nach keineswegs die beste Spielerin ist, nur weil sie ein gutes Jahr (2016) hatte.

  3. Stefan Höfel

    Das war bei Steffi Graf ähnlich. Wenn Sie gewonnen hat, war sie beim „Handschlag“ gut drauf. Bei Niederlagen gegen Sanchez-Vicario oder Seles war das nach dem Motto „Ich muss weg!“. Gratulieren sieht anders aus. Seht Euch mal, wenn möglich, Lendls wirklich freundliche Gratulation an Boris nach dem Masters-Finale 1988 an. Hing ja vielleicht auch an dem letzten „ewigen“ Ballwechsel im Tie-Break des 5. Satzes, der mit Netzroller an Boris ging. Dass Kerber häufig Verletzungspausen nimmt, erinnere ich jetzt nicht, aber die meisten ihrer Matches bekommt man ohnehin nicht mehr im TV zu sehen.


Schreibe einen neuen Kommentar