2017 Miami Open – Day 7

Miami Open: Bye-bye Key Biscayne

Das beherrschende Thema hinter den Kulissen der Miami Open ist nicht, ob in Abwesenheit von Andy Murray und Novak Djokovic der Schweizer Roger Federer oder der Mallorquiner Rafael Nadal in Südflorida siegen, sondern: Wie sieht die Zukunft des Turniers aus?

Indian Wells hat Miami abgelöst

Gerüchte gibt es einige. Das Thema ist nicht neu. Schon im letzten Jahr wurde heiß diskutiert, wie die Zukunft der Miami Open aussieht. Es begann vor rund zwei Jahren damit, dass das Turnier wachsen wollte. Räumlich. Larry Ellison, der Besitzer des Masters 1000-Turniers in Indian Wells hatte neue Maßstäbe gesetzt. Anders formuliert: Indian Wells hatte Miami überholt. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis auch in den Köpfen der globalen Tennis-Community klar war: Der sogenannte fünfte Slam hinter Melbourne, Paris, Wimbledon und New York heißt längst nicht mehr Miami, sondern Indian Wells. Wenn man ehrlich ist, hat Indian Wells in Sachen Infrastruktur und Zuschauer-Auflauf sogar die French Open überholt. Dort in der Wüste gibt es etwas, dass es auf der anderen Seite der US-Küste in Miami nicht gibt. Zum einen Platz ohne Ende, zum anderen einen Investor (Larry Ellison), bei dem Geld keine Rolle spielt. Und weil der Mann Tennisfan ist, war klar: Indian Wells, rund zwei Autostunden von L.A. gelegen, wächst und wächst und wächst. Und in Miami herrscht Stagnation. Geld wäre auch dort da – IMG gehört das Turnier –, und wer einmal zu Gast in der IMG Academy, früher besser bekannt als Nick Bollettieri Academy, war, der kann sich vom Wohlstand des Marketingriesen überzeugen.

Larry Ellison ist Gründer der US-Softwarefirma Oracle und Investor beim Turnier in Indian Wells.

Turnier darf nicht ausgebaut werden

In Bradenton hat man rund 200 Millionen Dollar investiert – für neue Baseball-, Leichtathletik und Football-Arenen. Das Fitness-Centre auf der riesigen Anlage dürfte eines der besten der Welt sein. Es gibt allein 17 Fußballfelder. Um es kurz zu machen: IMG würde auch gerne Geld in das Turnier in Miami, genauer gesagt auf der Millionärsinsel Key Biscayne, pumpen. Da aber ein einflussreicher Mann einen Streit vor Gericht gewonnen hat, darf das Turnier nicht ausgebaut werden. „50 Millionen Dollar“, hat mir ein IMG-Mann erzählt, „liegen da, um investiert zu werden, aber es geht nicht.“

Stadien nicht mehr modern

Die Anlage der Miami Open ist in die Jahre gekommen. Ein Szene-Kenner formuliert es so: „Wenn du aus Indian Wells kommst, denkst du, du bist bei einem Challengerturnier.“ Was Quatsch ist: die Miami Open haben ihre Reize, eine Lage, die einmalig auf der Welt ist. Man muss nur ein paar Minuten zu Fuß gehen und man befindet sich an einem Traumstrand. Die Vegetation ist so üppig, dass man das Gefühl hat, im Urwald zu sein. Und vom Rickenbacker Causeway, der Brücke die den Stadtteil Brickell mit Key Biscayne verbindet, hat man einen Blick auf Downtown Miami, den Hafen mit seinen XXL-Kreuzfahrtschiffen, das grün-blau-türkis schimmernde Meer und weiße Luxusyachten, der unbezahlbar ist. Aber genau an dieser traumhaften Brücke liegt auch ein Problem: Wenn das Turnier läuft, staut sich der Verkehr auf Kilometer. Dutzende von Polizeiautos patrollieren, aber auch sie bekommen das Chaos nicht immer in den Griff. Und: Auf der Insel gibt es zu wenig Parkplätze. Viele der von Indian Wells verwöhnten Profis meinen außerdem, dass die Organisation nicht die beste sei, die Stadien nicht mehr modern genug.

Die Stadien bei den Miami Open sollen nicht modern genug sein. Spieler sehen auch bei der Organisation einen Nachteil gegenüber Indian Wells.

Rechte nach Fernost verkaufen?

Das alles weiß man in Miami und so gibt es Gedankenspiele. Ein Szenario scheint vom Tisch: Nach Orlando, in den USTA National Campus, das neue „Home of American Tennis“ mit seinen hundert Plätzen, wird man wohl nicht umziehen. Dann hätte man auch anders geplant. Es gibt in Orlando nur zwei sogenannte Championship-Courts – für je 500 Zuschauer. Lächerlich. Auch heißt es vor Ort: Nein, wir werden nicht der Ausrichter des Turniers. Ein anderes Szenario sah vor, die Rechte von Miami nach Fernost zu verkaufen. Wer sich im Crandon Park umgehört hat, muss zu dem Schluss kommen, auch dieser Plan ist vom Tisch. Die wahrscheinlichste Variante: Das Turnier bleibt in Miami, aber es verschwindet aus dem Crandon Park. Bye-bye Key Biscayne – dafür spricht mittlerweile einiges: der Fakt, dass man mit anderen großen Turnieren nicht mehr mithalten, weil man schlicht nicht ausbauen kann. Der Stress mit den Entscheidungsträgern auf dem Eiland, die sich Naturschutz auf die Fahnen geschrieben haben. Und die Tatsache, dass die Zeichen im Profi-Tennis weiterhin stark auf Wachstum stehen. Da wirkt das Turnier fast Retro – Urlaubsflair hin oder her. Eine fast 30-jährige Tradition? Geschenkt.

Key Biscayne kann man nicht kopieren

Interesse am Tennis in Miami soll der Besitzer des Football Clubs Miami Dolphins haben, ein ziemlich vermögender Mann, wenn auch nicht halb so reich wie Larry Ellison. Das Hard Rock Stadium der „Delfine“ befindet sich im Norden von Miami. Bis Fort Lauderdale sind es nur ein paar Meilen. Und die für die Spieler so attraktiven Strände im Norden Miami Beachs und Dutzende von Luxushotels sind auch nicht weit. „Die würden die neue Anlage in einem Jahr hochziehen“, sagt ein Szenekenner. Es gäbe Raum für 80.000 Parkplätze. 2018 wird die Tour neu organisiert, alle Events stehen auf dem Prüfstand. 2018 könnte auch die letzte Auflage in Key Biscayne sein. Es gibt sogar Befürworter der These: 2017 gab es die letzte Auflage. Der Vorteil des wohl wahrscheinlichsten Szenarios: Miami würde Miami bleiben. Aber klar ist auch und das müssen die Entscheidungsträger wissen: Den besonderen Reiz von Key Biscayne kann man nicht kopieren.

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  1. Gerd Bruder

    Großen Dank für diesen informativen und aufschlussreichen Hintergrundbericht von Andrej Antic sowie auch für die gesamte Reportage über seinen Roadtrip durch die Tenniszene Floridas. Man darf gespannt sein, ob und wie es mit Key Biscayne weitergeht. Richtig ist: dessen trotz aller Mängel unvergleichliches Flair wird man wohl kaum auf’s Festland north of Miami weitertransportieren können. Nur ist „Flair“ leider ein weicher Faktor, der es zukünftig wohl immer schwerer haben wird in seiner Gewichtung gegenüber den wirklich entscheidenden Kriterien. Und die drehen sich nunmal – wie sollte es anders sein – am Ende des Tages ausschließlich um eins: Money. Auch der Rothenbaum in Hamburg ist seinerzeit daran gescheitert.

    Noch ein Wort zu Indian Wells: eine gigantische Tennis-Infrastruktur nach dem Motto „Größer, moderner, perfekter“ kann man auch am Persischen Golf in die Wüste stellen, wenn Geld denn überhaupt keine Rolle mehr spielt. Da könnte dann sogar der gute Larry Ellison irgendwann nicht mehr mithalten. Aber wird ein groß aufgezogenes Turnier dadurch besser, indem es sich geografisch immer weiter von den Ballungszentren der jeweiligen Zielgruppe, dem interessierten (und solventen) Tennispublikum in Europa und den USA, entfernt? Denn dort spielt nach wie vor die Musik, und bevor in Asien eine ähnlich große, organisch gewachsene Tennisszene entsteht, die dann wahlweise an den Golf oder nach Australien (oder irgendwann vielleicht sogar in China/Japan selbst?) zu den entsprechenden großen Events pendelt, dürften noch etliche Jahrzehnte vergehen. Money allein macht’s eben doch auch nicht.


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