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Davis Cup in Portugal: Showdown im Schmuckkästchen

Fotos: Fernando Correia



Die Davis Cup-Relegation zwischen Portugal und Deutschland hat schon vor Beginn ihren Star: den herrlichen Centre Court von Oeiras, genannt „Centralito“. Auch wenn er so einladend wirkt: Ein Spaziergang wird die deutschen Spieler hier nicht erwarten.

Die Briten haben den heiligen Centre Court von Wimbledon, die Franzosen den imposanten Court Philippe Chatrier in Paris, die Deutschen das geschichtsträchtige Rothenbaum-Stadion in Hamburg – und die Portugiesen, Gegner der Deutschen in der Davis Cup-Relegation an diesem Wochenende? Schon klar: Portugal ist keine große Tennisnation. Warum sollte man dort einen speziellen Platz kennen? Weil Portugal einen der schönsten Courts Europas hat, auf dem sie die Deutschen empfangen werden.

Allein der verniedlichende Name: „Centralito“! Klingt wunderbar. Frei übersetzt bedeutet es: kleiner Centre Court. Tatsächlich ist der Platz, der Ende des Zweiten Weltkriegs für nur 1.260 Zuschauer gebaut wurde, nicht vergleichbar mit den monströsen Tennisarenen dieser Welt. Ihn umweht der Hauch einer antiken Wettkampfstätte vergangener Epochen, weil er architektonisch einzigartig ist. Er ist angelegt wie ein nobler Arkadenhof. Rundherum, an allen vier Seiten, umgeben ihn Bogengänge, die zur Courtseite hin offen sind. Im Anschluss daran senken sich steile Steintribünen hinab zum roten Sandplatz.

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BAUKUNST: Portugals Prachtplatz wirkt wie aus der Zeit gefallen. Der „Centralito“ fasst nur 2.000 Fans, gilt aber als einer der schönsten Turnierplätze Europas.

„Der Centralito ist das Herz unseres Tennis“, sagt Miguel Seabra, der die großen Turniere beim portugiesischen Ableger von Eurosport kommentiert. Seabra ist ein Szenekenner und gut vernetzt mit vielen Profis. „Jeder, der mal auf dem Centralito gespielt hat, schwärmt von ihm“, behauptet er.

Drei Punkte Holen – darum geht es

Ob Portugals Prachtplatz im deutschen Team einen derartig prägenden Eindruck hinterlassen wird, ist angesichts der sportlichen Aufgabe zunächst zweitrangig. „Bei allem Respekt für diesen Court: Mir ist es ziemlich egal, ob er schön ist oder nicht. Wir müssen dort drei Punkte holen – nichts anderes zählt“, sagt der deutsche Teamchef Michael Kohlmann, der in seiner aktiven Laufbahn nie auf dem Centralito spielte.

Deutschland geht auch nach den Absagen der Zverev-Brüder und von Philipp Kohlschreiber als Favorit in die Partie gegen Portugal, doch mit diesem Status machte die Mannschaft zuletzt schlechte Erfahrungen. Kurz zur Erinnerung: Als Kohlmanns Team Anfang Februar in Frankfurt auf Belgien traf und der beste Mann der Gäste, David Goffin, kurzfristig absagte, vermuteten viele einen langweiligen deutschen Durchmarsch – doch das Gegenteil trat ein, Deutschland verlor 1:4. In DTB-Kreisen sprachen einige von einem „Schock“, Teamchef Kohlmann fand die Woche, in die er voller Zuversicht gestartet war, am Ende nur noch „ernüchternd“. Und Alexander Zverev, der in drei Partien einen Punkt holte, konstatierte: „Ich war am Sonntag einfach zu müde.“

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SCHMIEDEKUNST: An den Eingängen zum Court zieren gußeiserne Tennisspieler die Türen.

Jetzt also wieder Relegation – genauso wie 2016 (gegen Polen) und 2015 (in der Dominikanischen Republik). Portugal reiht sich ein in die Liste eher zweitklassiger Gegner, aber davon will Kohlmann nichts hören. „Belgien war eine Warnung für uns alle. Ich lasse mich nicht mehr von etwas unbekannteren Namen im gegnerischen Team blenden“, mahnt er.

Wobei: Portugals Topspieler Joao Sousa ist gar nicht mehr so unbekannt. Der 28-Jährige stand 2016 in den Top 30 und gewann schon zwei ATP-Titel (Kuala Lumpur 2013, Valencia 2015). Im Herrentennis seines Landes brach er sämtliche Rekorde: 2013 stand er als erster Portugiese überhaupt in den Top 50 der Weltrangliste; 2014 war er der erste Portugiese, der bei einem Grand Slam-Turnier, den US Open, gesetzt wurde. Weil Sousa soviel Neuland betritt, wird er in der Heimat gerne als „Conquistador“ bezeichnet – der Eroberer. Passend dazu: Sousa stammt aus der nord-portugisieschen Stadt Guimarães, in der auch König Afonso I., der erste König Portugals, zur Welt gekommen sein soll. Sousa begann in seiner Heimat mit dem Tennissport, ging aber schon mit 15 Jahren nach Barcelona, um sich an der BTT Tennis Academy von Francisco Roig, dem „Zweit-Coach“ von Rafael Nadal, zum Profi ausbilden zu lassen. Dort lebt und trainiert Sousa noch heute.

Mit Sousa traut es sich Portugal zu, nun den ganz großen Schritt zu gehen: Noch nie zählte das portugiesische Davis Cup-Team zu den 16 besten Mannschaften der sogenannten Weltgruppe. Erst einmal, 1994, hatten die Portugiesen überhaupt die Chance, ins Oberhaus aufzusteigen, aber sie verloren 1:4 gegen Kroatien. „Es ist unser großer Traum, den Aufstieg dieses Mal zu schaffen – auch wenn Deutschland natürlich der Favorit ist“, wird Sousa in einheimischen Medien zitiert.

Größes Spiel Seit Jahrzehnten

„Für uns in Portugal ist es das größte Spiel seit Jahrzehnten“, versichert TV-Kommentator Seabra. Dass diese Partie auch noch auf dem Centralito stattfindet, ist für ihn, den einheimischen Verband und die Tennisfans in Portugal die absolute Krönung. Dabei stand aber erst nicht fest, ob Portugals Schmuckkästchen den Anforderungen des Tennis- Weltverbandes ITF für eine Davis Cup-Relegation überhaupt gerecht werden kann. Denn die ITF verlangt mindestens 4.000 Sitzplätze. Die Portugiesen erhielten jedoch eine Sondergenehmigung und werden die Kapazität des Courts mit Zusatztribünen auf 2.000 erhöhen. „Es ist eine bedeutende Spielstätte – deswegen lassen wir sie zu“, gab die ITF bekannt.

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GÄNGE ZUM LUSTWANDELN: Die Arkaden sind das Alleinstellungsmerkmal vom „Centralito“.

Bedeutend ist vor allem die Geschichte des Centralitos. Er wurde gut einen Monat nach Ende des Zweiten Weltkriegs, am 10. Juni 1945, mit viel Tamtam eröffnet. Internationale Tennisstars wie Yvon Petra, der ein Jahr später seinen zweiten French Open-Titel holen sollte, flog man ein. Wenige Monate danach traten Donald Budge, der 1938 als erster Spieler alle vier Grand Slam-Turniere in einem Jahr gewann, und Bobby Riggs, der später durch die „Battle of Sexes“ berühmt wurde, zu einem Showmatch auf dem Centralito an. 1974, als die Nelkenrevolution linke Aufständische in Portugal an die Macht brachte, sollte er in ein Basket- und Volleyballfeld umgebaut werden. Tennis war der neuen Regierung zu elitär.

Doch der Centralito überstand diese Phase. Zwischen 1990 und 2014 wurde er durch das ATP-Event der „Estoril Open“ in der Szene bekannt. Da das Turnier aber seit 2015 im 15 Kilometer entfernten Tennisclub von Estoril ausgetragen wird, geriet der Centralito in Vergessenheit. Die Davis Cup-Partie Portugal gegen Deutschland wird ihn nun wieder zum neuen Leben erwecken.

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