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Djokovic vs. Medvedev: Die Analyse vor dem Showdown

Unser Gastautor Philipp Heger mit einer Einstimmung auf das Finale der Australian Open, in dem der 8-fache Champion Novak Djokovic gegen Daniil Medvedev antritt. Über den Russen sagte Djokovic selbst: „Er ist der Mann, den es zu schlagen gilt.“

Wenn am großen Finaltag der Australian Open das letzte Match des Turniers gespielt wird, treffen folgerichtig auch die beiden besten Spieler dieses Turniers aufeinander. Es ist vielleicht nicht das Traumfinale vieler Fans, denn sowohl Novak Djokovic als auch Daniil Medvedev sind Spieler, die polarisieren und nicht bei jedermann beliebt sind. Aber zweifelsohne sind es auf Hartplatz momentan die mit Abstand besten Spieler. Beide Protagonisten sind 2021 noch ungeschlagen, Herausforderer Medvedev jahresübergreifend gar seit 20 Matches! Ein Favorit ist schwer auszumachen. Auch die Buchmacher sehen das Spiel sehr ausgeglichen und geben beiden Spielern 50 Prozent Siegchance. Da ergibt es Sinn, sich die Statistiken beider Spieler einmal näher zu betrachten.

Djokovic ist derjenige der mehr Zeit auf dem Platz verbringen musste und dessen Weg ins Endspiel sich als deutlich schwieriger herausstellte. Lediglich in der ersten Runde gegen Chardy und im Halbfinale gegen Karatsev konnte Djokovic klare und verhältnismäßig einfache Siege einfahren. Die restlichen Matches waren umkämpft und Djokovics Gegner konnten sich zumindest zeitweise Hoffnung auf einen Triumph über den Weltranglistenersten machen. Insgesamt musste Djokovic bereits 1402 Punkte im Turnier bestreiten. Medvedev dagegen hatte kaum Probleme. Lediglich im Drittrundenmatch gegen Djokovics Landsmann Krajinovic musste er nach einer schwachen Phase zwei Sätze abgeben, konnte aber im fünften Satz ein klares 6-0 herausspielen. Alle anderen Matches gestaltete er souverän und konnte jeweils in drei Sätzen triumphieren. Medvedev musste bis dato nur 1071 Punkte spielen. Er geht daher deutlich ausgeruhter in sein zweites Grand Slam-Finale. Wobei Djokovic einen Tag länger Pause hatte, was kein Vorteil sein muss, weil man die Spannung länger hochhalten muss.

Ausgeglichene Aufschlagquote

Worauf aber wird es im Endspiel ankommen? Ganz wichtig wird die Aufschlagquote von Medvedev sein. Denn Medvedev ist ein Spieler, der grundsätzlich keine sehr hohe Aufschlagquote hat. In seiner gesamten Karriere hat er 60% seiner ersten Aufschläge im Feld untergebracht. Jetzt in seinen sechs Matches in Australien immerhin durchschnittlich 62%. Im Vergleich dazu steht Djokovic in seiner Karriere bei 65% und in seinen Matches in Melbourne bei 68%. Allerdings ist es so, dass Medvedev sehr erfolgreich ist, wenn sein erster Aufschlag im Feld landet. Denn dann punktete er bisher in Melbourne zu 81% (Djokovic 77%). Mit dem zweiten Aufschlag hingegen ist Djokovic besser (55% zu 54%). Dies ist im Übrigen nicht nur in Melbourne so, sondern war auch schon im letzten Jahr so. Zuweilen schwächelt Medvedev mit dem zweiten Aufschlag  etwas. Dies lässt sich auch gut an den Geschwindigkeiten der Aufschläge ablesen. So schlägt Medvedev den ersten Aufschlag mit durchschnittlich 197 km/h, während Djokovic fünf Stundenkilometer pro Stunde langsamer aufschlägt, nämlich 192 km/h. Dafür ist Djokovic mit 160 km/h im Durchschnitt mit dem zweiten Service schneller gegenüber Medvedev mit 153 km/h. Beide Spieler sind ansonsten was den Aufschlag anbetrifft auf Augenhöhe. Beide servieren durchschnittlich alle sieben Aufschläge ein Ass.

Auch in puncto Return nehmen sich beide nicht viel. Djokovic gilt allgemein ja als der beste Returnspieler der Tour. In Australien hat er aktuell etwas geschwächelt, eventuell auch bedingt durch seine Bauchmuskelverletzung, die ihn wohl vor allem in den Matches gegen Fritz und Raonic beim Return behindert hatte. Allerdings scheint er sich dahingehend wieder gefangen zu haben. Insgesamt hat Medvedev 35 Breaks im Laufe des Turniers erzielt und Djokovic immerhin auch 30 Breaks geschafft. Von der Ausrichtung ist Djokovic sicher der aggressivere Returnspieler, da er die Bälle früher annimmt und dadurch mehr Druck erzeugen kann. Medvedevs Hauptziel ist es hingegen, über Schlaglänge gut in den Ballwechsel zu kommen. Seine Returnposition ist stets weit hinter der Grundlinie.

Kommt es zum Ballwechsel, was man wohl aufgrund der hohen Returnqualität beider Spieler im Finale häufiger erleben wird, agieren beide Spieler in langen Ballwechseln sehr stark. Dauert die Rally länger als acht Schläge, punktete Medvedev im Turnierverlauf zu 59% und Djokovic zu 58%. Beide begehen sehr wenige leichte Fehler. Sowohl Djokovic als auch Medvedev produzieren nur alle sieben Punkte einen Unforced Error. Auch schlagen beide deutlich mehr Winner, als dass sie Unforced Errors begehen. Jeden fünften Punkt schließen die beiden Finalisten mit einem Gewinnschlag ab, wobei Medvedev hier die Nase vorne hat.

Wer ist der Favorit?

Wer ist aber nun der Favorit? Ein Favorit ist kaum auszumachen. Die Verletzung Djokovics scheint ihm inzwischen kaum noch Probleme zu bereiten. Gegen Zverev und Karatsev spielte er schon wieder auf sehr hohem Niveau und bewegte sich bis auf die Anfangsphase im Zverev-Match frei und natürlich. Für Djokovic spricht seine immense Erfahrung und auch, dass er über den zweiten Aufschlag stärker ist, sowie, dass er wahrscheinlich wieder mehr erste Aufschläge im Feld unterbringen wird als sein Gegner. Für Medvedev spricht, dass er einen unglaublichen Lauf und massives Selbstvertrauen hat. Außerdem, dass sein erster Aufschlag stärker ist, wenn er kommt. Auch ist die Unberechenbarkeit seines Spiels ein möglicher Aspekt für einen Triumph des Russen. Mental ist Medvedev äußerst stabil. Er weiß, dass er Djokovic schlagen kann und er weiß auch, wie er mit Djokovics „Mätzchen“ umzugehen hat. Denn Medvedev selbst ist auch ein Spieler, der provoziert (wie man bei den US Open 2019 sehen konnte) und der sämtliche Tricks im mentalen Bereich drauf hat.

Fazit

Man kann sich vermutlich auf ein längeres Match einstellen. Beides sind Spieler, die sehr komplett und variabel sind und beide stehen hochverdient im Endspiel. Die beiden Finalisten sind überragend in ihren Grundschlägen und verfügen über hervorragende Returns, was im Spitzentennis oftmals den Unterschied ausmacht. Beide sind aber nicht nur schlagtechnisch gut, sondern auch im mentalen Bereich aktuell die Besten. Ein ganz wichtiger Faktor wird (vor allem für Medvedev) die Aufschlagquote an ersten Aufschlägen im Feld sein. Über erste Aufschläge haben beide Spieler die Möglichkeit, freie Punkte zu erzielen oder sich früh im Ballwechsel in eine gute Position zu bringen. Dies kann entscheidend für ein erfolgreiches Match sein.

Für Djokovic spricht die grandiose Bilanz von acht Melbourne-Siegen, für Medvedev, dass er aktuell fast unschlagbar zu sein scheint. Das hat er im Halbfinale bei seinem Dreisatzsieg gegen Tsitsipas eindrucksvoll gezeigt.