Krawietz (l.) und Mies (r.) starten in Hamburg

Andreas Mies im Interview: „Kevin und ich haben einen starken Glauben an uns”

Heute vor einem Jahr haben Andreas Mies und Kevin Krawietz die French Open gewonnen. Es war der erste Grand Slam-Sieg eines deutschen Doppels, seit Gottfried von Cramm und Henner Henkel 1937 den Titel in Paris holten. Nie zuvor hatte es deutsche Sieger gegeben.

Auf tennismagazin.de sagt Andreas Mies exklusiv, was die Partnerschaft mit Krawietz ausmacht.

Herr Mies, wie bewerten Sie nach einem Jahr Abstand den Titelgewinn mit Kevin Krawietz bei den French Open 2019?

Der Titel in Roland Garros ist mit Abstand das größte Highlight meiner Karriere. So ein Grand Slam-Titel ist etwas ganz Spezielles, größer geht es nicht im Tennis. Ich erinnere mich oft an diesen Moment, als wir den Matchball verwandelt haben, auf dem Boden lagen und wie wir die Trophäe in die Höhe gehalten haben. 

Andreas Mies: „Man kann es mit einer Beziehung vergleichen”

Nach dem großen Erfolg in Paris sind Sie mit Kevin Krawietz durch Höhen und Tiefen gegangen. Hat Sie das noch näher zusammengebracht?

Ja, auf jeden Fall. Das ist eine Partnerschaft im Doppel, die man eigentlich ein bisschen mit einer Beziehung vergleichen kann. Man macht in jeder Beziehung, auch in den Doppel-Beziehungen, Höhen und Tiefen durch. Das geht jedem Team so und nicht nur uns. Das Wichtige ist einfach, dass man auch, wenn es mal nicht so gut läuft, zusammenhält. Das macht die besten Teams aus, die zusammenstehen und zusammen überlegen, woran es liegt, dass man mal nicht so gut spielt und was man verbessern kann. Man muss zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen.

Andreas Mies und Kevin Krawietz

Andreas Mies und Kevin Krawietz: Ein eingespieltes Team.

Das klingt einfach.

Nein, ist es überhaupt nicht. Viele Teams brechen dann auseinander, weil sie über mehrere Wochen in der ersten Runde verloren haben und den Glauben an das Team schnell verlieren. Kevin und ich haben einen starken Glauben an uns und unser Team. Wir sind davon überzeugt, dass wir zu den besten Teams der Welt gehören und uns da oben festbeißen und etablieren wollen. Nur weil wir mal ein paar schlechtere Ergebnisse hatten, lassen wir uns da nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Wir wissen genau, woran es lag und konnten uns zum Beispiel erklären, warum wir zu Beginn des Jahres in Australien nicht so gut gespielt haben.

Andreas Mies: „Wir haben uns zu sehr unter Druck gesetzt”

Warum nicht?

Es war gelegentlich so, dass wenn wir gut gespielt haben, danach eine schlechtere Phase hatten, das war in den vergangenen zwei Jahren öfter so, dass wir uns in der schlechteren viel zu sehr unter Druck gesetzt haben. Weil es vorher gut lief, wollten wir unbedingt, dass es weiterhin gut läuft. Dadurch haben wir verkrampft.

Ist es die Bürde des Favoriten?

Wahrscheinlich. Weil wir die French Open gewonnen haben, dachten wir auch weiterhin, dass wir Favoriten sind und in den Turnieren weit kommen müssen. Das, was uns immer so stark gemacht hat, unsere Leichtigkeit, dass wir befreit gespielt haben, relaxt waren, Spaß hatten und auf dem Platz gelacht haben, das ist uns danach jedes Mal abhandengekommen.

Krawietz Mies

Guter Jahresabschluss 2019: Mies & Krawietz erkämpften den Titel in Antwerpen, spielten im Halbfinale von Paris Bercy und qualifizierten sich für die ATP Finals in London.

Andreas Mies: „Wir waren echt müde”

Wie finden Sie dann wieder zu alter Stärke?

In jeder schlechten Phase haben wir uns daran erinnert, dass wir zu den alten Tugenden, zu dem was uns stark gemacht hat, zurückkehren müssen. Danach lief es auch wieder. Aber häufig haben wir uns dann wieder sehr unter Druck gesetzt. Man lernt aus seinen Fehlern und manchmal muss man eben diese Fehler immer und immer wieder machen. Das ist auch nicht die Garantie dafür, dass wir immer gut spielen. In Australien ist uns das leider wieder passiert. Nachdem wir ein gutes Jahresende hatten, als wir in Antwerpen gewonnen haben, in Paris-Bercy im Halbfinale standen, bei den ATP-Finals gut gespielt haben und in Madrid dabei waren, waren wir auch echt müde. Wir hatten am Ende des Jahres wenig Urlaub und wenig Training. Deshalb war auch unsere Form ein wenig unten. Hinzu kam, dass wir uns dann zu sehr unter Druck gesetzt haben.

Frühes Aus: Bei den Australian Open 2020 war in der ersten Runde Schluss.

Wie lief in diesen Zeiten die Kommunikation?

Nach Australien haben wir uns darüber ausgetauscht und überlegt woran es lag. Ich habe Kevin auch ehrlich gesagt, dass ich total müde und mental ausgelaugt war. Kevin hat sich ähnlich gefühlt. Wir hatten nur zehn Tage Urlaub und zwei Wochen Vorbereitung, bis es wieder losging. Ich habe mich überhaupt nicht erholt. Fakt ist, wir machen das alles das erste Mal durch und lernen dabei viel. Wichtig ist einfach, in guten wie in schlechten Phasen, ruhig zu bleiben, die Tour und das Leben zu genießen. Dann werden wir auch konstant gute Ergebnisse einfahren. Das ist unser Ziel.

Aktuell steht die Tour still. Wie verbringen Sie die Tage während der Corona-Pandemie?

Ehrlich gesagt ist mir nicht wirklich langweilig. Ich trainiere drei- bis viermal die Woche Tennis und Fitness, um gut in Form zu bleiben. Außerdem verbringe ich viel Zeit mit meiner Familie und Freunden. Nebenher kann ich mich um andere Projekte kümmern. Ich bin zum Beispiel seit vergangenem Jahr Tennis-Botschafter für die Special Olympics in Nordrhein-Westfalen und da habe ich vor Kurzem noch ein Webinar gegeben für Athleten mit geistiger Behinderung.

Wie muss man sich das vorstellen?

Ich habe ihnen per Webcam Tennisübungen gezeigt und anschließend Fragen beantwortet. Wir haben uns alle gegenseitig via Kamera gesehen. Das hat richtig Spaß gemacht!

Wie halten Sie Kontakt zu Ihrem Doppelpartner Kevin Krawietz?

Ich bin mit Kevin regelmäßig in Kontakt, aber er lebt in München und ich wohne in Köln. Da sieht man sich aktuell leider nicht. Normal sind wir ja ständig gemeinsam auf Turnieren und trainieren dort. Wenn wir dann mal eine Woche kein Turnier spielen und uns nicht sehen, stört uns das nicht und ist auch eher gut, damit wir uns nicht irgendwann auf die Nerven gehen. Wir freuen uns dann immer wieder aufeinander. Jetzt ist die Pause natürlich sehr lang. Sollte sich die Pause noch länger ziehen, werden wir uns auf jeden Fall trotzdem bald mal treffen.

Das Gespräch führte Andrej Antic