Auch auf Rasen erfolgreich? Krawietz und Mies

Geplättet: Mies und Krawietz verzaubern die deutsche Tenniswelt

Das haut selbst die ­coolsten Jungs um: ­Andreas Mies und ­Kevin Krawietz ­gewinnen das Doppel der French Open aus dem Nichts. Das deutsche Duo ­überraschte mit ­seiner Unbeschwertheit, ­großem Spielwitz und ­ausufernder Feierlaune.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 7/2020

Sie kamen als nette Mitläufer und gingen als gefeierte Champions:  Als das deutsche Doppel Andreas Mies und Kevin Krawietz am ersten Turnierdienstag auf Außenplatz acht gegen das französische Duo Arthur Rinderknech und Maurice Guinard zu ihrem Erstrundenmatch antrat, nahm davon kaum jemand Notiz. 

Elf Tage später: Das Finale im Herrendoppel auf dem Court Philippe Chatrier ist gerade zu Ende gegangen. Auf dem Platz liegen sie, die beiden Deutschen, und strecken alle Viere von sich. Der 6:2, 7:6-Finalsieg gegen die Franzosen Jeremy Chardy und Fabrice Martin hatte sie einfach umgehauen. Plötzlich French Open-Champions. Auf einmal Major-Sieger – als erstes deutsches Duo in der Open Era. Was für eine irre Story!

Krawietz & Mies: Von Mitläufern zu gefeierten Champions

Seit anderthalb Jahren bilden Mies und Krawietz ein festes Doppel, bislang hauptsächlich bei zweitklassigen Challenger-Events. 2018 qualifizierten sie sich für das Hauptfeld in Wimbledon und verloren dort im Achtelfinale gegen das Top-Duo Jack Sock und Mike Bryan in fünf Sätzen. Zwei Matchbälle vergaben die beiden Deutschen. Es war ein erstes Ausrufezeichen, das aber nur in der Doppelszene, einem eigenen Mikrokosmos der Tour, Beachtung fand. Im Februar 2019 folgte ihr erster ATP-Titel beim Turnier in New York. Die Deutschen nahmen Kurs auf die Top 50 der Doppel-Weltrangliste. 

Umso erstaunlicher war es, wie gelassen, selbstbewusst und entschlossen die beiden dann das Finale in Roland Garros nach Hause brachten. Keine Wackler, keine Schwächen – nichts. Sie waren einfach deutlich besser. 

„Ihr Triumph hatte nichts mit Glück oder einem Traumlauf zu tun“, analysiert Alex­ander Waske. Der ehemalige Davis Cup-Spieler, der heute die Tennis-University in Offenbach leitet, stand 2006 mit Andrei ­Pavel aus Rumänien im Doppel-Halbfinale der French Open. „Die beiden passen perfekt zusammen – spielerisch, aber auch menschlich.“ Was Waske beeindruckte: Die Return-Konstanz von Krawietz („Der spielt ja fast jeden Aufschlag zurück!“) und die Konsequenz, mit der Mies am Netz agierte („Der räumt da vorne alles ab!“).

Krawietz & Mies: Ein guter Mix

Hinzukommt, dass die beiden unterschiedliche Typen seien, was für ein erfolgreiches Doppel oft ausschlaggebend ist: „Kevin kann enge Matches ruhig halten, Andy gibt auch emotional gerne Vollgas. Das ist ein guter Mix“, erklärt Waske. Die Gefahr, dass Mies und Krawietz nur von einer Erfolgswelle getragen wurden und ihr Triumph ein „One Hit Wunder“ bleibt, sieht Waske nicht: „Es war ja nicht so, dass sie in Paris reihenweise die Linien trafen. Nein, sie spielen sehr clever zusammen und sie haben noch große Möglichkeiten, sich individuell und als Doppelpaar zu verbessern. Sie sind erst Ende 20 – das ist für Doppelspieler noch relativ jung.“ 

Was sich in Zukunft für die Beiden allerdings ändern wird, ist ihr Status in der Szene. „Sie sind jetzt keine Underdogs mehr. ­Andere Duos werden ihre Spielzüge genau analysieren“, sagt Waske. Ob sie ihre spielerische Leichtigkeit und ihre mentale Unbeschwertheit dann noch bewahren können, wird sich zeigen. Spätestens in Wimbledon werden sie voll im Fokus der Öffentlichkeit stehen. 

Andreas Mies: „Der totale Wahnsinn“

„Für uns ist das eine Extra-­Motivation und keine zusätzliche Last. Es ist doch etwas Positives, wenn unsere Gegner uns nun mit noch mehr Respekt begegnen“, versichert ­Andreas Mies im Telefon-Interview mit ­tennis MAGAZIN. Drei Tage nach dem Paris-Titel benutzt er noch oft Ausdrücke wie „verrückt“, „der totale Wahnsinn“ oder „manchmal kann ich es nicht fassen“. Ein Grand Slam-Titel gibt der eigenen Karriere eine neue Richtung – auch als Doppelspieler.  

Seine Stimme klingt noch etwas angeschlagen. Mies gab am Vormittag schon einige Radio-Interviews. Zu hören sind aber auch die Nachwehen einer langen Partynacht nach dem Paris-Finale. „Ich trinke eigentlich nie Alkohol. Aber ich habe immer gesagt: Wenn ich mit Kevin etwas richtig Großes gewinne, mache ich eine Ausnahme. Es ist dann völlig eskaliert. Ich habe mich richtig abgeschossen und muss mich immer noch erholen“, erzählt Mies und muss laut lachen. 

Andreas Mies: „Wir gleichen uns gut aus“

Am Sonntag nach der Partynacht ist Mies nach Köln geflogen, für Krawietz ging es mit der Bahn nach München. Vermisst man sich dann, nachdem man zwei intensive Wochen miteinander verbracht hat? „Nein, eigentlich nicht“, sagt Mies. „Wir sehen uns auf das ganze Jahr bezogen wirklich viel, bestimmt knapp 30 Wochen. Ich denke, Kevin sieht mich häufiger als seine Freundin“, witzelt Mies. Auch in Paris wohnten die beiden nicht zusammen, sie verbrachten auch nicht jeden Abend miteinander. „Natürlich sind wir gut befreundet, aber wir müssen nicht ständig ­alles zusammen machen“, relativiert Mies. Sie trainieren auch viel allein, wenn beide in ihrer Heimat sind. Gemeinsame Trainigs­einheiten gibt es nur bei den Turnieren. 

Kevin Krawietz, Andreas Mies

ZWEI WIE FEUER UND EIS: Andreas Mies (re.) ist ein Energiebündel, der seinen Emotionen oft freien Lauf lässt. Kevin Krawietz ist der Gelassenere, der selbst im dicksten Trubel Ruhe ausstrahlt.

Wie erklärt sich denn nun der große Sieg in Paris? „Es ist vor allem unsere Kontinuität als Doppelpaarung. Dass wir nun schon so lange zusammenspielen, macht sich bezahlt. Es herrscht ein blindes Verständnis zwischen uns. Ich weiß genau, wohin Kevin läuft oder welche Schläge er macht. Umgekehrt ist es genauso. Ein konstanter Partner, mit dem man sich gut versteht, ist das Wichtigste, um im Doppel erfolgreich zu sein“, erklärt Mies. Hilfreich ist es auch, dass er und Krawietz unterschiedliche Charaktere sind. „Ich kann Kevin mitreißen und ihn pushen, wenn ich voll mit Adrenalin bin. Dafür kann er mich zur Ruhe bringen, wenn ich zu emotional werde. Wir gleichen uns gut aus“, sagt Mies. 

Wie unbekümmert und beschwingt sie auf dem Platz sind, sah man selbst im Finale von Paris. Zu Beginn des Tiebreaks im zweiten Satz hatten beide ein Lächeln auf den Lippen – als ob sie sich gerade einen Witz erzählt hätten. Dieses Spielgefühl wollen sie nun mit in die nächsten Wochen nehmen. Das Tolle für Krawietz/Mies: Sie kommen jetzt überall in die Hauptfelder der großen Events und sind als Major-Sieger so gut wie sicher beim ATP-Finale in London dabei. „Das ist echt total abgefahren“, sagt Mies zum Abschluss. 

Kevin Krawietz & Andreas Mies – Der Weg zum Titel

Runde 1:
Guinard/Rinderknech (WC) 7:5, 6:4

Runde 2:
Mahut/Melzer (13) 6:4, 6:4

Runde 3:
Marach/Pavic (4) 5:7, 6:3, 7:5

Viertelfinale:
Lajovic/Tipsarevic
6:1, 6:7, 7:6

Halbfinale:
Pella/Schwartzman
7:5, 6:3

Finale:
Chardy/Martin 6:2, 7:6