Carina Witthöft

Carina Witthöft im Interview: „Ich nehme mir die Zeit, die ich brauche”

Wie geht es weiter mit Carina Witthöft? Die 24-Jährige galt als größte Hoffnung nach der Generation Kerber, Görges & Co. Im Interview mit tennis MAGAZIN spricht sie über ihre sportliche Auszeit, die Kritik von Barbara Rittner und die mögliche Rückkehr auf den Platz.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 10-2019

Frau Witthöft, wie geht es Ihnen körperlich und psychisch? 

Es war eine turbulente Zeit. Körperlich habe ich immer noch ein paar Probleme. Ich bin leider noch nicht bei hundert Prozent. Aber ich würde sagen es ist alles auf einem guten Weg. Psychisch geht es mir auch sehr gut. Die Pause tut mir auf jeden Fall gut.

Wo zwickt es denn?

Es zwickt im linken Fuß, weil ich mir einen Bänderriss zugezogen habe, als ich beim Joggen über eine Baumwurzel gestolpert bin. Das Band war komplett durch. Ich kann trainieren, aber es ist noch nicht wie vorher. 

Was machen Sie derzeit konkret?

Der Sport nimmt immer noch die meiste Zeit des Tages in Anspruch. Ich mache jeden Tag selber etwas für mich. Ich merke sofort, wenn ich den Schläger vier Tage aus der Hand lege, dass ich Lust habe zu spielen. Deswegen spiele ich fast jeden Tag. Sonst trainiere ich viel, um mich fit zu halten. Ich bin nach wie vor in Behandlung, um meinen Körper in Schuss zu halten. Sonst habe ich abgesehen davon viel Zeit für Freunde und Familie, was auch wirklich schön ist. Ich führe auch viele Gespräche, was es für Optionen in der Zukunft gibt. 

Man liest und hört viel über Sie. Ihr Vater hat uns gesagt, dass Sie derzeit mehr Interviews geben als zu Ihrer aktiven Zeit. Wie sieht es aus mit der Profispielerin Carina Witthöft? Wird es die nochmal geben?

Das ist schwierig zu beantworten, weil ich keine Versprechungen machen möchte. Fakt ist, dass es weder in die eine noch in die andere Richtung beschlossen ist. Es ist definitiv nicht so, dass ich sage, ich werde nie wieder Profiturniere spielen. Es ist aber auch noch nicht so, dass ich mich bereit fühle, auf ein nächstes Turnier hinzuarbeiten. Ich nehme mir die Zeit, die ich brauche. 

Vermissen Sie irgendwas, wenn Sie im Fernsehen Tennis sehen?

Auf jeden Fall. Besonders, wenn die Grand Slam-Turniere laufen. Bei den US Open wäre ich gerne dabei gewesen. 

Ihre Eltern sind beide Tennistrainer und haben viel für Ihre Karriere getan? Wie haben die beiden Ihre Entscheidung aufgefasst, eine Pause einzulegen? 

Sie standen komplett dahinter. Natürlich war es meine Entscheidung, aber sie haben auch gesehen, wie es mir ging und in welche Richtung es bei mir lief. Sie sehen das als Eltern aus einer anderen Perspektive als ein Trainer und als Außenstehende. Meine Mutter meinte: „Carina, leg den Schläger einfach aus der Hand!“

Sind Sie nun glücklicher? 

Ich bin befreiter. Seit der Pause geht es mir viel besser. Das war definitiv die richtige Entscheidung. Es wäre Quatsch gewesen, auf Krampf noch weiter zu spielen, weil das jeder von einem erwartet. 

Können Sie diese Drucksituation näher erklären? 

Es gibt die Drucksituation von außen und diejenige, die man sich selber macht. Manche sind da so resistent, dass sie selbst sagen: „Mir ist das völlig egal, was irgendjemand von mir denkt und was jemand schreibt.“ Da ist jeder anders. Ich bin diesbezüglich anscheinend ein bisschen softer. 

Haben Sie die Artikel und Kommentare über sich gelesen?

Ich habe versucht, relativ wenig zu lesen. Aber es ist unmöglich, das auszublenden. Dann gibt es noch die Leute, die auf einen zukommen und Dinge erzählen. Hinzukommt die eigene Erwartungshaltung. Ich bin viel zu streng mit mir. Ich kann nicht „Schnipp“ machen und mir sagen, dass es egal ist, wenn ich verliere und schlecht spiele. 

Es prasselte viel Kritik auf Sie ein, als Bilder von Ihnen bei Instagram auftauchten. War die Kritik teilweise berechtigt? Sagen Sie sich das ein oder andere Foto zu posten, war nicht klug oder sagen Sie: Das ist mein Privatleben. Ich habe bestimmte Dinge gemacht, die junge Frauen machen und auf der anderen Seite habe ich total professionell trainiert. Ich denke, jeder sollte seinen Freiraum haben. Das ist typisch, dass sich Leute auf irgendwas stürzen, wenn etwas nicht so gut läuft. Wenn ich weiter gut gespielt hätte oder noch besser als vorher, dann hätte kein Mensch etwas zu den Instagram-Fotos gesagt. 

Man öffnet den Kritikern die Tür.

Das stimmt, dessen war ich mir bewusst. Wenn ich etwas machen möchte, Spaß daran habe und dahinterstehe, dann mache ich das auch. Ich sehe nicht ein, dass ich es dann lasse, nur für den Fall, dass jemand Kritik üben könnte. 

Ist man ernüchtert, wenn man die Glitzerwelt der Grand Slam-Turniere sieht und dann merkt, dass es doch nicht ganz so toll ist?

In die Richtung geht es. Es ist aber nicht der Grund, warum ich nicht mehr spiele. Junge Spielerinnen, die Tennis im Fernsehen verfolgen, denken sich, es wäre das Leben schlechthin, überall hinzukommen. Es hat auch Kehrseiten.

Können Sie Beispiele nennen?

Es ist der ganze Druck und enorme Stress, dass man jede Woche in den Flieger steigen muss. Das klingt zunächst super, dass man die ganze Welt sieht. Ich will überhaupt nichts rückgängig machen, was ich erlebt habe, aber es ist schon stressig. Ich bin sehr heimatverbunden. Manche können das ganze Leben mit dem Flieger durch die Welt tingeln und fühlen sich wohl dabei. Ich bin nicht so. 

Hatten Sie Heimweh?

Heimweh teilweise, wenn man so lange unterwegs war. Ich bin ein Mensch, der sich wohlfühlen muss. Diese Drucksituationen sieht man von außen nicht direkt, wie es in Wirklichkeit ist. Jeder gibt einem Ratschläge, die vielleicht gar nicht gut sind. Und dann wird einem vorgeworfen: „Warum machst du das nicht?“ Es sind viele Sachen, die man als Außenstehender gar nicht sieht.

Auch auf Ihr Spiel bezogen?

Ja. 

Also Äußerungen von den Eltern, Trainern oder der Bundestrainerin?

(lacht) Ist das ein Schritt in die nächste Frage hinein?

Konkret: Es gab viel öffentliche Kritik von Barbara Rittner, der Head of Women‘s Tennis im DTB. Wie sind Sie damit umgegangen? 

Die Enttäuschung war groß. Das brauche ich auch nicht schönzureden. Barbara war eine Vertrauensperson für mich. Ich habe ihr vieles anvertraut. Aber aus solchen Sachen lernt man. 

Also lernen im Sinne von, sich nicht zu sehr zu öffnen?

Auf jeden Fall. Sich nur Menschen zu öffnen, die wirklich nahe dran sind. Ich würde das definitiv nicht noch mal so machen. Ich habe das nicht erwartet, wie es in den letzten anderthalb Jahren abgelaufen ist. 

Was hat Sie besonders gestört an den Aussagen von Barbara Rittner? 

Ich möchte mich nicht weiter zu dem Thema äußern. Das gehört der Vergangenheit an.

Trotzdem noch mal die Nachfrage: Gab es noch einen Kontaktversuch von Seiten Barbara Rittner? 

Da ist gar nichts passiert und ich sehe mich nicht in der Pflicht, dass ich etwas ansprechen sollte.

Ihnen wurde nicht nur von Rittner vorgeschlagen, in eine Akademie zu gehen oder sich von Ihrem Elternhaus zu lösen.

Ich habe zwölf Turniere gewonnen. Bei elf davon war meine Mutter an meiner Seite. Wie kann man dann sagen, dass ich mich von ihr lösen soll? Weil ich so nie erfolgreich sein kann und weil das unprofessionell ist? Dann gewinne ich halt unprofessionell meine Turniere. 

Haben sich Spielerkolleginnen bei Ihnen erkundigt, was bei Ihnen los ist?

Mona Barthel, Laura Siegemund und Antonia Lottner haben mir geschrieben, was mich sehr gefreut hat. Sie meinten, dass sie sich freuen würden, wenn wir uns bald mal auf einem Turnier wiedersehen.

Es gab die Aktion im Witthöft-Tenniscenter „Trainieren mit Carina“. Wie viele Trainerstunden haben Sie gegeben? 

Ich habe die nicht gezählt. Es war tatsächlich genauso, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich hatte meine Zweifel, ob das richtig ist und wie das ankommt. Aber ich hatte von Anfang an gesagt, dass ich auf keinen Fall ein paar Stunden am Tag geben möchte, sondern wirklich nur ein paar in der Woche. Ich hatte einige Spieler, denen ich technisch am meisten helfen konnte. Es hat Spaß gemacht zu sehen, wie schnell die Spieler sich verbessern können. 

Die Aktion mit den Trainerstunden bekam  einen negativen Touch. Haben Sie sich überlegt, es besser nicht zu kommunizieren? 

Ich habe es nicht kommuniziert. Es war nur ein einziges Plakat, was in unserem Tenniscenter in Hamburg hing. Abends bin ich essen gegangen mit meiner Familie und scrollte durch meine Timeline bei Twitter und Facebook. Ich habe es dann gesehen. Eigentlich wusste ich schon vorher, was auf mich zukommt. Es ging dann aber alles ziemlich schnell, obwohl nur ein einziges Plakat hing. Es hat sich dann ins Positive entwickelt. Die Leute, die sich gemeldet haben, waren sehr herzlich und haben mir Blumen und Karten mitgebracht. Die haben das anerkannt und wertgeschätzt. 

Wäre Tennistrainerin ein Beruf für Sie?

Derzeit kommt es für mich nicht in Frage. Ich stand so viel in meinem Leben auf dem Platz und werde vielleicht noch zurückkehren.

Es heißt immer wieder, dass Sie sehr modeaffin sind. Gibt es Pläne in Richtung Mode? 

Ich habe eine Nähmaschine zu Hause und habe schon zwei Mäntel selber genäht. Der eine, den kann ich nur zu Hause tragen, weil der ein bisschen schief und krumm geworden ist. Der andere gefällt mir richtig gut. Den trage ich auch, wenn ich in die Stadt gehe. Mode ist auf jeden Fall ein spannendes Thema. 

Wo steht Carina Witthöft in fünf Jahren?

Entweder stehe ich auf dem Tennisplatz bei Turnieren oder ich mache etwas Eigenes, in Richtung Mode oder Tennisakademie. Eine Familie zu gründen, dafür habe ich dann später noch Zeit. 

Carina Witthöft

Talk über die Karriere: Carina Witthöft sprach mit tM-Chefredakteur Andrej Antic (re.) und Christian Albrecht Barschel in Hamburg.