BMW Open by FWU 2018 – Day 2

BMW Open: Außenseiter Masur: „Bewusst, dass auf kleineren Turnieren viel gewettet wird“

Daniel Masur liegt momentan mit Platz 389 in der Weltrangliste deutlich unter seinem Karrierehoch. Dennoch hat der 23-Jährige in der Qualifikation der BMW Open ein Ausrufezeichen gesetzt. Vor seinem Hauptrunden-Auftakt gegen Jan-Lennard Struff (Di, ab 11 Uhr) hat der Außenseiter im Hauptfeld mit tM über die Chancen gegen „Struffi“ gesprochen und gab ehrliche Einblicke in den Alltag auf Future- und Challenger-Turnieren.

tennis MAGAZIN: Es ist Ihre dritte Hauptfeldteilnahme bei einem ATP-Turnier überhaupt, das zweite Mal über eine Qualifikation. Fühlt es sich wie ein Meilenstein an?

Masur: Auf jeden Fall. Mit St. Petersburg (das erste Mal, dass er die Qualifikation für ein Hauptfeld bestand Anm d. Red) im vergangenen Jahr habe ich mir selbst bewiesen, dass ich die Qualität dafür habe, mich eigenständig für ein ATP-Hauptfeld zu qualifizieren. Das war auch mein Anspruch hier in München, nachdem ich 2017 eine Wild Card erhalten hatte. Ich glaube auch, dass es eine realistische Zielsetzung war. Zum Glück habe ich das bestätigt.

Zwei Matches gewann Masur in der Qualifikation gegen höher platzierte Spieler.

tennis MAGAZIN: Sie spielen am Dienstag gegen den mehr als 300 Plätze vor Ihnen rangierenden Jan-Lennard Struff. Mit welcher Zielsetzung?

Masur: Vom Gegner unabhängig verspüre ich erstmal ein bisschen weniger Druck dieses Jahr, weil ich mich eigenständig für das Hauptfeld qualifiziert habe. Das war vergangenes Jahr anders und von daher gehe ich mit einer anderen Einstellung in das Match gegen Struffi. Wir haben einen sehr guten Draht zueinander, kennen uns lange. Letztes Jahr haben wir ebenfalls gegeneinander gespielt, damals hatte ich zu viel Respekt. Der menschliche Respekt ist zwar immer noch da, aber ich glaube mich spielerisch etwas angenähert zu haben. Auch wenn das momentane Ranking etwas anderes aussagt.

tennis MAGAZIN: Sie sind auf Rang 389 in der Weltrangliste und waren auch in der Qualifikation Außenseiter.

Masur: Trotzdem habe ich ein Jahr lang Erfahrungen auf für mich sehr hohem Niveau gesammelt und habe deswegen eine andere Erwartungshaltung. Auf der einen Seite wollte ich die Qualifikation in der Heimat genießen, befreit aufspielen. In engen Situationen war ich natürlich trotzdem angespannt. Aber gerade in der Qualifikation habe ich Lösungen und Wege gefunden gut zu spielen.

tennis MAGAZIN: Wie finanzieren Sie sich das Leben als Tennisprofi?

Masur: Zunächst mal habe ich ein tolles Team an der Tennisbase in Oberhaching. Inklusive mir haben sich nicht ohne Grund sechs Spieler für das Hauptfeld qualifiziert, das ist der Wahnsinn. Trainiert werde ich von Lars Uebel und Lukas Wolf, die das etwas aufteilen unter den Spielern und den jeweiligen Turnieren. Ich fühle mich da sehr wohl. Finanziell habe ich einen Sponsor in meiner Heimat, dort spiele ich in Versmold seit Jahren mit guten Freunden in der Liga. Gemeinsam sind wir von der fünften bis in die zweite Liga aufgestiegen. Der Teamspirit ist unbeschreiblich. Mit all diesen Komponenten habe ich ein Konstrukt, das mir professionelle Strukturen ermöglicht für die nächsten Jahre. Hinzu kommen die Preisgelder.

tennis MAGAZIN: Rein von den Preisgeldern und der Weltranglistenposition: Ab wann rechnet es sich finanziell?

Masur: Das startet so um Platz 200 würde ich sagen, da kommt man zumindest über die Runden. In diesen Regionen werden zum einen die Preisgelder etwas höher, aber auch die eigenen Kosten auf den Turnieren sinken. Es gibt Verpflegung, Shuttleservices und Zuschüsse für die Hotels. „Das ist weiter unten nicht der Fall, deswegen bin ich sehr glücklich, in Versmold ein Konzept zu haben, welches für mich optimale Voraussetzungen schafft.“

Tim Pütz, der deutsche Davis Cup-Spieler schlendert, am Tisch vorbei, crasht das Interview und ruft: „Wäre es politisch korrekt zu schreiben, dass Daniel der geilste Typ ist?“ Beide strahlen, es gibt einen Handshake, danach geht es weiter. Man kennt sich, man schätzt sich. Auch Pütz, der hier in der Qualifikation scheiterte und Doppel spielt, ist auf unterklassigen Turnieren Stammgast.

tennis MAGAZIN: Waren Sie vor Ihrem Qualierfolg in München eigentlich positiv gestimmt? Ihre Ergebnisse waren zuletzt sehr durchwachsen, nachdem sie zu Jahresbeginn ein Future-Turnier gewinnen konnten.

Masur: Das stimmt, ich bin sehr gut ins Jahr gestartet, war gut in Form. Dann gab es allerdings private Probleme, meine Beziehung ist zu Ende gegangen und das hat mich zumindest mal zwei Wochen aus der Bahn geworfen mitten in einer Turnierphase. Das hatte Einfluss auf mein Training und die Vor- und Nachbereitung von Turnieren und zeigt eigentlich, dass man als Leistungssportler ein ganz normaler Mensch ist und keine Maschine. Gerade im Tennis, wo es darauf ankommt, sich in gewissen Phasen und Momenten zu konzentrieren. Auch auf Future und Challenger-Turnieren ist das Niveau mittlerweile so hoch. Wer da schlecht spielt und nicht voll bei der Sache ist, verliert schnell gegen die Nummer 600 der Welt. Jeder trainiert stundenlang am Tag. Und für Probleme muss man sich Zeit geben, trotz positivem Umfeld im Training. Es hat mich eine zeitlang daran gehindert, 100 Prozent abzurufen.

tennis MAGAZIN: Sie sprechen es an: Auf den kleineren Turnieren ist längst nicht alles gold was glänzt. Die Bedingungen sind oft fragwürdig und auch Spielmanipulation ist ein Thema. Genießen Sie den Kontrast, den Sie jetzt in München erleben?

Masur: Definitiv. Gerade als deutscher Spieler ist es natürlich total angenehm hier. Ich fühle mich total gut aufgehoben. Hier werden Maßstäbe gesetzt, die Physiotherapeuten sind erstklassig, der Fahrservice nett. Viel besser wird es selbst auf den Grand Slams nicht, da ist es nicht so familiär. Ich möchte es genießen.

tennis MAGAZIN: Auf kleineren Turnieren fällt das oftmals schwerer.

Masur: Der Unterschied zwischen Future- und Challengerturnieren ist sehr groß. Auf Futureturnieren gut zu spielen, ist sehr schwierig, weil die Platzbedingungen oft unwürdig sind. Diese Situation muss man als Spieler mental annehmen. Von den Trainingsplätzen will ich gar nicht erst anfangen, Deutschland mal außen vor gelassen. Aber ich habe die Einstellung, dass ich es mir erarbeiten muss, auf besseren Turnieren zu spielen und ich lasse es auch nicht als Ausrede durchgehen. Langfristig muss sich Qualität immer durchsetzen. Aber leicht ist es vom Kopf her nicht.

tennis MAGAZIN: Zum Thema Spielmanipulation: Was sagt ihr Bauchgefühl auf den kleineren Turnieren? Der kürzlich von der IRU veröffentlichte Report skizziert kein gutes Bild.

Masur: Mir ist schon bewusst, dass auf kleineren Turnieren viel gewettet wird. Warum das Leute tun, dazu kann ich wenig sagen.

tennis MAGAZIN: Die niedrigen Preisgelder werden oft als Grund angeführt.

Masur: Auf Future-Turnieren kann man das noch verstehen, auf Challenger-Ebene geht es meiner Meinung nach bereits vom Geld her und es soll ja auch besser werden. Aber ich wüsste nicht, ob ich schon mal ein Match gesehen habe, wo ich sagen würde: Hier ist etwas krumm. Für mich ist das auf jeden Fall nicht allgegenwertig.