Stefan Edberg, Roger Federer

Stefan Edberg im Interview: „Roger ist total zeitlos”

Die ehemalige Nummer eins Stefan Edberg im Gespräch über Roger Federer, den nach ihm benannten Fairness-Award, Serve-and-Volley und Regeländerungen. 



Herr Edberg, Sie sind 52 Jahre alt, aber es sieht so aus, als ob Sie nicht altern. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis.

Da gibt es kein Geheimnis. Ich lebe entspannt. Ich versuche, mich gesund zu ernähren, mache viel Sport. Ich glaube, ich habe Glück mit meinen Genen. Aber es stimmt schon: Ich bin in besserer Form als die meisten Leute in meinem Alter.

Sie waren bekannt für Ihre Fairness auf dem Platz. Der Sportsmanship Award der ATP ist nach Ihnen benannt. Roger Federer hat ihn nun schon 13-mal gewonnen. Sollte er umbenannt werden, wenn Federer seine Karriere beendet?

Das habe ich mich bereits auch gefragt. Er hat den Award nun mehr als doppelt so oft wie ich erhalten. Es war schon etwas als seltsam, als ich 30 Jahre alt war und der Preis nach mir benannt wurde. Aber nun mit mehr als 50 Jahren wäre es schön, wenn er weiter nach mir benannt werden würde, weil es ein wichtiger Preis für mich ist. Andererseits: Roger hätte die Umbenennung verdient, keine Frage.

Sie waren zwei Jahre lang als Trainer an der Seite von Federer. Hätten Sie jemals gedacht, dass sich seine Karriere mit Mitte 30 noch einmal so entwickeln würde?

Als ich 2015 zu seinem Team stieß, habe ich im Training schnell gespürt, dass er ein weiteres Grand Slam-Turnier gewinnen kann. Er hätte einen Titel 2014 und 2015 verdient, aber Novak Djokovic war immer einen kleinen Tick besser. Mit zunehmenden Alter wird ein Grand Slam-Titel natürlich schwierig. Aber Roger ist total zeitlos. Was er in den vergangenen Jahren erreicht hat, ist nicht zu fassen. Vor zwei, drei Jahren hatte er ein wenig Pech bei den Majors. Bei den Australian Open 2017 kam das nötige Glück dazu. Die Bälle, die zuvor knapp im Aus landeten, fielen auf die Linien. Dadurch hat er Selbstvertrauen getankt und schließlich auch Wimbledon und erneut die Australian Open gewonnen. Ich glaube nicht, dass jemand diese Entwicklung in diesem Alter für möglich gehalten hätte. Vielleicht hat er auch seine Erwartungen etwas nach unten geschraubt, sodass er entspannter an die Sache heranging. Roger ist einzigartig in vielerlei Hinsicht – auf dem Platz, aber auch im Umgang mit den Medien und den Fans.

Sie gaben 1996, zum Ende Ihrer Karriere, eine Abschiedstour, die ein Jahr dauerte. Würden Sie das Federer auch empfehlen?

Nein, das war ungewöhnlich und ich würde es keinem empfehlen, weil es zusätzlichen Druck erzeugte.

Bereuen Sie die Abschiedstour?

Nein, ich bereue es nicht. Es war ein tolles Jahr. Ich wurde überall nett empfangen. Die Leute haben meine Erfolge gewürdigt. Jeder sollte seinen eigenen Weg finden, die Karriere zu beendet. Nur eines sollte man nicht tun: sein letztes Turnier zu lange im Voraus anzukündigen. Was Federers Karriereende angeht: Niemand kann es voraussagen.

Schweden hat einige Dekaden das Herrentennis dominiert mit Spielern wie Björn Borg, Mats Wilander und Ihnen. Seit einigen Jahren gibt es keinen Top 100-Spieler. Haben Sie eine Erklärung für den Niedergang?

Es ist schon seltsam. Während der Achtziger wurde ich ständig gefragt, warum das schwedische Herrentennis so erfolgreich ist. Nun ist es das Gegenteil. Ich habe keine passende Antworten darauf. Die Zeiten haben sich geändert. Seitdem Tennis wieder olympisch ist, gibt es mehr Wettbewerb. Viele Verbände haben mehr Geld zur Verfügung. Vielleicht haben wir in Schweden auch etwas an Expertise verloren. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir wieder einen Spitzenspieler haben.

Sehen Sie jemanden, der in Ihre Fußstapfen treten könnte?

Die Ymer-Brüder, Elias und Mikael, haben sehr viel Talent. Aber die Zeit läuft. Es gibt einige vielversprechende Spieler bei den U14, die in Europa vorne stehen. Es ist allerdings ein langer Weg.

In Deutschland haben wir mit Alexander Zverev einen absoluten Topspieler. Was halten Sie von ihm?

Er hatte 2017 seinen großen Durchbruch mit einigen Turniersiegen. Jeder wird zustimmen, wenn ich sage, dass er die Waffen und Schläge hat, um große Titel zu gewinnen. Er wird ein Grand Slam gewinnen – es ist nur eine Frage der Zeit. Ob es dieses Jahr, nächstes Jahr oder in zwei Jahren sein wird, ist schwer vorauszusagen. Es wäre aus vielerlei Gründen nicht nur für das deutsche Tennis, sondern auch allgemein fürs Tennis gut, wenn er den Durchbruch bei den Grand Slams schafft.

Zverevs Schwäche ist das Volleyspiel. Haben Sie als Serve-and-Volley-Spezialist einen Ratschlag für ihn?

Er ist immer noch sehr jung. Er wird sein Volleyspiel verbessern. Aber es reicht nicht, es im Training zu praktizieren, er muss es im Match tun. Es läuft so ab: scheitern, wieder scheitern, Erfolg haben, scheitern, Erfolg haben. Und dann wird er es eines Tages verinnerlicht haben.

Diese Gabe ist also nicht angeboren?

Nicht unbedingt. Du must deine Stärken nutzen und an ihnen arbeiten. Viele Leute fokussieren sich auf ihre Schwächen, anstatt an den Dingen zu feilen, die sie richtig gut können. Wenn du an deinen Stärken arbeitest, verbesserst du automatisch deine Schwächen.

Glauben Sie, dass es in näherer Zukunft wieder einen Serve-and-Volley-Spieler gibt, der ein Grand Slam-Turnier gewinnt?

Wenn das bedeutet, dass jemand im Match mehr als 50 Prozent Serve-and-Volley spielt, dann wird es lange Zeit keinen Grand Slam-Sieger geben. Das Spiel verändert sich aber gerade wieder in Richtung Offensivtennis. Vor fünf Jahren wurde weit hinter der Grundlinie agiert. Die Plätze sind mittlerweile schneller. Ich sehe vermehrt Spieler, die variieren und öfter ans Netz vorrücken. Das tut dem Spiel gut.

Die ATP denkt offensiv über Regeländerungen nach. Was halten Sie von den Regeln, die bei den NextGen ATP Finals getestet wurden? Braucht Tennis eine Frischzellenkur?

Es ist lohnenswert, das auszuprobieren. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob Tennis großartige Veränderungen benötigt. Tennis ist ein zeitlich aufwendiger Sport. Woran man ansetzen sollte, ist die Zeitspanne zwischen den Ballwechseln zu verkürzen. Das würde ich als Zuschauer sehr begrüßen.

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