Naomi Osaka

Waskes Welt: Damentennis ist nicht in der Krise

Ist das Damentennis in der Krise? Darüber scheiden sich die Geister. Fakt ist, dass man vor den meisten Turnieren nicht weiß, wer gewinnen könnte. Unser Kolumnist Alexander Waske findet das gut.

Eines vorweg: Ich gehöre nicht zu der Fraktion, die das Damentennis verteufelt, weil man heute nicht weiß, wer morgen gewinnt. Ich finde es nicht schlimm, dass es aktuell keine dominierende Spielerin gibt. Es macht für mich sogar die Würze aus, wenn ein Grand Slam-Turnier startet und es wahrscheinlich 15 Spielerinnen gibt, die gewinnen können. Was die Qualität der Matches und die Professionalität angeht, ist das Damentennis heute in einem besseren Zustand als je zuvor. Unter den Top 100 sind im Schnitt alle Spielerinnen besser als vor zehn Jahren. Die Nummer 70 der Welt kann eine Top Ten-Spielerin schlagen. Es gibt bei den Grand Slam-Turnieren in den ersten Runden Überraschungen und Favoritenstürze, die früher undenkbar waren.

Damentennis: Bei Steffi Graf schaute man nur auf die Uhr

Ja, es gibt keine totale Dominanz. Es gibt längst nicht mehr die Favoritensiege wie früher bei Steffi Graf. Da schaute man nur nach der Uhr. Wie lange wird es dauern, bis sie die Gegnerin 0 und 1 oder 1 und 2 schlägt? Zumindest in den ersten drei Runden war das so. Aber man muss gar nicht so weit in die Vergangenheit zurückblicken. Serena Williams ist das beste Beispiel. Zwei Jahrzehnte hat sie das Damentennis dominiert, war weit weg von allen anderen Spielerinnen. Jetzt ist sie schlagbar. Die Fitness schwindet und sie bewegt sich schlechter. Was bei Babypause und im Alter von 37 Jahren auch niemanden verwundern sollte.

Ich weiß noch, wie viele sich beklagt haben, weil die Seriensiegerin Serena hieß. Die einzige Frage auf der WTA-Tour lautete: Kann jemand Serena schlagen? Ich sehe es eher so: Martina Navratilova, Steffi Graf, Monica Seles, Martina Hingis, Serena Williams – das waren Ausnahmeerscheinungen. Es gibt sie im Moment nicht. Von einem Vakuum im Damentennis zu sprechen, klingt mir zu negativ. Es ist eine spannende Zeit, in der Maria Sharapova nach ihrer Dopingsperre nicht zurück in die Spur findet. In der Victoria Azarenka nach ihrer Babypause oft ihrer Form hinterherläuft. Vielleicht muss man sich an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen: Hat es ein Roger Federer als Vater nicht ungleich leichter als eine Azarenka als Mutter?

Ähnliche Phase im Herrentennis wie derzeit im Damentennis

Als Frau Topleistungen abzuliefern, wenn die Tochter ihre Mama braucht, dürfte ziemlich schwierg sein. Garbine Muguruza wurde schon als eine der neuen Königinnen gefeiert. Aber ihre Leistungen sind viel zu schwankend. Das liegt auch daran, dass der Hype um die Wimbledonsiegerin von 2017 immer noch groß ist. Sie macht eine TV-Show nach der anderen. Die Spanierin mag nicht zur Leaderin geboren sein. Aber noch einmal: Serena & Co. sind die Ausnahmen. Auch bei den Männern gab es vor Federer eine Phase, in der die Weltranglistenersten häufig wechselten, in der es nicht den Überspieler gab. Aktuell wird viel über Naomi Osaka diskutiert. Sie hat mit New York und Melbourne zwei Grand Slam-Turniere in Folge gewonnen. Kann sie die neue Serena werden?

Kann sie zehn, 15 oder 20 Majors gewinnen? Warum nicht? Sie hat eine strahlende Perspektive. Sie hat ein tolles Spiel. Sie hat alle Möglichkeiten. Dass sie in den Wochen nach ihrem Triumph bei den Australian Open schwächelte, hat mich nicht verwundert. Die Trennung von ihrem Coach, der Rummel um ihre Person – das muss man erstmal wegstecken. In Tokio kann sie keinen Fuß auf die Straße setzen angesichts ihrer Erfolge. Es ist interessant zu beobachten, wie es mit den jungen Talenten weitergeht. Mit Marta Kostyuk (16), mit Amanda Anisimova (17) oder mit Bianca Andreescu (18). Ich finde das Damentennis 2019 gut. Weil es in der Breite so professionell ist, wie es noch nie war.