2020 ATP Cup – Sydney: Day 10

ATP Cup: Es kann nur einen geben

42 Tage lagen zwischen dem reformierten Davis Cup und dem neuen ATP Cup. Einen großen Unterschied konnte man bei den Teamwettbewerben nicht beobachten. Braucht die Tenniswelt beide Turniere? Nein! Weil Alleinstellungsmerkmale in einer immer komplizierter scheinenden Welt immer wichtiger werden.

Ein Kommentar von Andrej Antic

Als ich vor etwas mehr als einem Jahr Boris Becker zum Interview in London traf, ging es um Alexander Zverev (der ein paar Tage später Weltmeister werden sollte), aber es ging auch um die Zukunft der Tour. Becker sagte aus heutiger Sicht interessante Dinge: „Es muss künftig eine andere Marketingstrategie geben. Wie man etwa ein Match Zverev-Tsitsipas in Zukunft moderiert und wie man das promotet, weil die Zuschauer erstmal nicht wissen, wer die sind. Wie die Lösung heißt, weiß ich noch nicht, aber es muss eine andere Marketingstrategie sein als die bis jetzt, weil die zwei bekanntesten Profis Selbstläufer waren. Federer und Nadal muss man nicht vermarkten. Es wird eine Herausforderung für die ATP  sein, aber auch für die ITF, die Zeichen der Zeit zu erkennen und eine adäquate Strategie für die jüngeren Spieler zu finden. Ich glaube, das ist noch nicht passiert.“

Nach dem Davis Cup, den Ende November Spanien gewann, und dem ATP Cup, den jetzt Serbien im Finale gegen Spanien holte, ist man etwas schlauer. Andererseits: Das, was Becker, der beim ATP Cup in Australien als deutscher Teamkapitän fungierte, sagte, gilt noch immer: Eine Strategie gibt es nicht.

ATP Cup: Eine neue Strategie? Nein!

Die Tour ist im Umbruch, auch wenn Djokovic und Nadal nach wie vor die alles überragenden Spieler sind. Die Kräfte verschieben sich langsamer als erwartet. Tsitispas, Medvedev, Shapovalov kommen den Großen immer näher, aber zur Machtübernahme ist es noch ein gutes Stück. Bei Alexander Zverev hat man den Eindruck, die Wegstrecke ist noch länger als bei den anderen vielversprechenden Youngster.

Die Architektur der weltumspannenden Tour wirkt – zumindest gegen Ende 2019 und zu Beginn 2020 – wenig durchdacht. Das Konstrukt gleicht eher einem großen Laboratorium, bei dem noch keiner der Verantwortlichen weiß, was dabei herauskommt. Nach dem Motto: Wir probieren mal etwas aus und schauen, was passiert. Noch einmal Becker anno 2018 auf die Frage nach dem Kampf zwischen ATP und ITF: „Jeder will auf den nächsten Zug aufspringen. Jeder möchte das beste Konzept für die Zukunft des Tennis haben.“

Ob das zielführend ist? Als ich die Bilder von den siegreichen Serben sah, ging mir kurz durch den Kopf: Mensch, Djokovic & Co. haben den Davis Cup gewonnen! Und dann: Ach nein, es war ja der ATP Cup.

Für die Fans, die nicht in den Stadien in Madrid, Brisbane, Perth und Sydney saßen, waren beide Wettbewerbe zum Verwechseln ähnlich. Eine neue Strategie? Nein!

ATP und ITF müssen einen gemeinsamen Wurf hinlegen

Es kann nur einen geben. Also Davis Cup oder ATP Cup. Im Grunde gibt es den Davis Cup schon gar nicht mehr. Es ist das Format, das auch in der Unterzeile des Titels steht: „The World Cup of Tennis.“ Erinnern Sie sich noch, wie das Vorbild des ATP Cups hieß? Genau: World Team Cup. Gespielt wurde er in Düsseldorf. Das, was jetzt innerhalb von sechs Wochen in Spanien und Australien stattfand, ist der gleiche Wein in fast den gleichen Schläuchen. Die Konsequenz: Die Herrentour ATP und der Weltverband ITF müssen einen gemeinsamen Wurf hinlegen.

Novak Djokovic, der smarte Serbe, hat das erkannt. Beide Turniere müssen zusammengelegt werden, fordert er. Was logisch ist. Weil Alleinstellungsmerkmale in einer  komplizierten Welt immer wichtiger werden – außerhalb der weißen Linien, aber auch innerhalb des Gevierts. Damit sich der Fan orientieren kann.

Es spricht noch etwas dafür, dass weniger möglicherweise mehr ist: Nadal hat gesagt, er habe das Gefühl gehabt, ohne Pause durchgespielt zu haben. Seit Jahren klagen die Profis über eine zu lange Saison. Es wird interessant zu beobachten sein, ob es nach zwei Mammut-Teamveranstaltungen beim ein oder anderen Verschleißerscheinungen gibt. Dass Roger Federer daraus Profit schlägt, glaube ich übrigens nicht. Auf der anderen Seite kann kein Mensch prognostizieren, wozu der 38-Jährige noch fähig ist. Ob er vielleicht sogar noch einmal Wimbledon gewinnt.

Federer verzichtet auf ATP Cup

Der Schweizer blieb übrigens beiden Turnieren fern. Für den Davis Cup war die Schweiz nicht qualifiziert (Federer hätte auch im Falle einer erfolgreichen Qualifikation nicht gespielt) und den ATP Cup sagte er mit der Begründung ab, er wolle Zeit mit seiner Familie verbringen, was insofern etwas merkwürdig wirkte, weil er nach seiner Südamerika-Tournee mit Zverev (parallel zum Davis Cup) auch noch ein Showevent mit seinem deutschen Klienten in China nach Weihnachten spielte. Für astronomische Gagen versteht sich.

Ach ja: Ich freue mich nach diesen etwas unübersichtlichen Teamwettbewerben auf Melbourne. Das Grand Slam-Turnier beginnt am 20. Januar. In den Einzelkonkurrenzen spielen 128 Damen und 128 Herren. Am Ende stemmen eine Dame und ein Herr je eine Trophäe und nennen sich Australian Open-Sieger. Alles ganz einfach.