Nitto ATP Finals – Day Five

Machtkampf um Djokovic: Der Fall Chris Kermode

Der Vertrag von ATP-Chef Chris Kermode läuft zum Jahresende aus. Verlängert wird er nicht. Glaubt man der Presseabteilung der ATP, war der 54-jährige Engländer unglaublich erfolgreich. Seine Kritiker sehen das anders. Am Ende geht es um – Geld, Macht und Eitelkeiten.

Als Chris Kermode, CEO der ATP, gemeinsam mit Craig Tiley, CEO von Tennis Australia, im November letzten Jahres die Pläne für den neuen ATP Cup in einem Kino in der O2-Arena in London präsentierte, war auch die Nummer 1 der Welt, Novak Djokovic, dabei. Von den gemütlichen Plätzen im Saal 10 sah es aus, als passe zwischen Djokovic und Kermode kein Blatt Papier. Zwei, die für die gleiche Sache kämpfen, so schien es.

Inzwischen ist klar, dass Djokovic eine der treibenden Kräfte war bei der bevorstehenden Demission Kermodes. Wobei: Er wird nicht abgewählt, er tritt nicht zurück, sein Vertrag wird schlicht nicht verlängert.

Kampfabstimmung um Kermode bringt keine Entscheidung

Am vergangenen Donnerstag fand ein sogenanntes Board Meeting in Indian Wells statt. Unter anderem ging es um die Vertragsverlängerung Kermodes, dessen Dreijahres-Kontrakt 2019 ausläuft. Es stimmten sechs Personen ab – je drei Repräsentanten der Turniere und der Spieler. Am Ende, so heißt es, habe es 3:3 gestanden. Alle drei Spielervertreter hatten gegen Kermode votiert. Die Folge: keine Vertragsverlängerung für den 54-jährigen Engländer.

Erstaunlich war, dass die ATP-Pressemitteilung nach diesem mittleren sportpolitischen Erdbeben innerhalb von ein paar Stunden um den Globus gebeamt wurde. Ging es so schnell, weil Kermode schon spätestens seit den Australian Open in Melbourne wusste, dass er auf der Abschussliste stand? Weil der smarte Brite stets unterrichtet war, wie es gerade um seine Personalie steht?

Chris Kermodes Ende: Wie passen Erfolg und Sturz zusammen?

Liest man den Pressetext, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass diejenigen, die Kermode stürzten, nicht ganz bei Trost sein können. Die Verdienste Kermodes: Wachstum von Preisgeld und Kommerz, mehr Zuschauer bei den Turnieren und vor den Fernsehern, zudem die Einführung der NextGen-Finals und des ATP Cups.

Die Frage ist: Wie passt das zusammen? Da ist einer überaus erfolgreich und wird vom Hof gejagt. Liest man die Kommentare der Spieler in den sozialen Netzwerken – von denen, die sich aus der Anonymität wagen – , kommt man zu dem Schluss, dass viele Ältere wie Stan Wawrinka pro Kermode waren, jüngere wie etwa Vasek Pospisil gegen den ATP-Chef.

Schon in Melbourne kam es zur Probeabstimmung im zehnköpfigen Spielerrat, dessen Präsident Novak Djokovic ist. Ergebnis: ziemlicher Gleichstand zwischen Anhängern und Kritikern.

Kritik an Kermode: Es kommt zu wenig Geld bei Spielern an

Was man dem ATP-Spitzenmann vorwirft: Er setze sich zu wenig für die Spieler ein. Nur 15 Prozent der Einnahmen landen bei den aktiven Profis. In anderen Sportarten wie beim Basketball in der NBA oder beim Football in der NFL sind es rund 50 Prozent.

Es geht also ums Geld. Und um die Macht. Das ist nichts Neues in der Wirtschaft. Und auch nichts Neues im Tennis. Turnierveranstalter und Spieler kämpfen um Bares. Wenn man ehrlich ist, hat noch kein CEO durchgesetzt, dass die Spieler mehr bekommen. Beurteilt man den Fakt fair, dann haben die Spieler sogar noch nie so viel bekommen wie unter Kermode – zumindest die, die an den Hauptfuttertrögen hängen. Anders formuliert: Bei den Grand Slam-Turnieren wird am meisten ausgeschüttet, aber darauf wiederum hat ein ATP-Boss nur geringen Einfluss.

Chris Kermode: Die Rolle von Justin Gimelstob

Es ist also davon auszugehen, dass noch eine Komponente hinzukommt – verletzte Eitelkeiten. Nimmt Djokovic dem ATP-Chef übel, dass er, der Serbe, weniger hofiert wird als Federer und Nadal? Mag sein. Vertrauen viele Spieler Kermode nicht, weil sie nicht das Gefühl haben, er setze sich für sie ein? Gut möglich. Und mag der einflussreiche Justin Gimelstob, Ex-Profi, einer von drei Spielerrepräsentaten und aktuell als neuer ATP-Boss gehandelt, Kermode überhaupt nicht? Das dürfte definitiv so sein.

Als ein Ausraster Gimelstob, der sich aktuell wegen Körperverletzung in Los Angeles vor Gericht verantworten muss, Ende November publik wurde, standen am selben Tag gleich drei entsprechende Storys in der britischen Presse. Kolportiert wird, dass Kermode das forciert habe. Wenn das stimmt, dann deshalb, weil Kermode möglicherweise den potenziellen Kandidaten Gimelstob für sein Amt verhindern wollte. „Er hat seinen Atem im Nacken gespürt“, sagt einer, der der ATP nahesteht.

Chris Kermode: Gehalt und Unterstützer

Es gibt viele Legenden. Eine geht auch so, dass sich Kermode in den einflussreichen Ex-Stars Carlos Moyà, Lleyton Hewitt und John McEnroe Unterstützer suchte, um sich im Amt zu halten. Dass er um des Machterhalts Politik betreibe. Immerhin geht es um ein geschätztes Jahresgehalt von 1,3 Millionen Dollar.

Wird Gimelstob der nächste ATP-Chef? Möglich, aber unwahrscheinlich. Keiner der Turnierrepräsentanten würde wohl für den mitunter arrogant auftretenden Amerikaner stimmen. Wird es Craig Tiley, der Turnierdirektor von Melbourne? Ein Szenekenner: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einer von den beiden wird. Die Emotionen kochen derzeit hoch hinter den Kulissen. Da sind alle beschädigt.“

Apropos Schaden: Das Verhältnis zwischen Djokovic auf der einen Seite sowie Federer und Nadal auf der anderen Seite dürfte der Fall Kermode auch nicht verbessert haben (lesen Sie HIER mehr). Es wird spannend zu beobachten, wie die Begegnungen der Superstars künftig auf dem Platz verlaufen.



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