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Der Fall Djokovic – das kollektive Versagen

Wie ist die Posse in Australien rund um Novak Djokovic zu bewerten? tM-Chefredakteur Andrej Antic suchte nach Antworten, fand dabei noch viele offene Fragen und vor allem: eine Menge Verlierer.

Ich kenne Novak Djokovic seit 2006. Wir trafen uns in einem Hamburger Hotel. Auf die Minute pünktlich öffnete sich die Tür des Fahrstuhls, mit dem er in die Lobby fuhr. Das anschließende Gespräch: sehr angenehm. Wie auch die vielen anderen Treffen in den folgenden Jahren. Djokovic hat die Gabe – wenn er will – , Menschen das Gefühl zu geben, dass er sie wertschätzt. Er formuliert vernünftig, wägt ab, was er sagt, hinterfragt sich. Er ist extrem intelligent. Das deckt sich auch mit dem Gesprächsprotokoll bei seiner Einreise nach Australien, das am Montag die Runde machte. Trotz der nächtlichen Befragung blieb er stets höflich (die Beamten bei der Immigration aber auch). Ihn als Idioten zu bezeichnen, wie das jetzt viele tun, greift zu kurz. Die Thematik ist so komplex und wirft nach wie vor so viele Fragen auf, dass eine Schwarz-weiß-Betrachtung fehl am Platz ist.

Aus der Sicht von Djokovic

Versetzt man sich zunächst in die Lage von Djokovic, dann ergibt sich folgendes Bild: Er möchte unbedingt in Melbourne antreten, seinen zehnten Australian Open-Titel gewinnen, den 21. Grand Slam-Titel insgesamt. Djokovic ist getrieben davon, Rekorde zu brechen. Er will nicht nur als bester Tennisspieler in die Geschichte eingehen, sondern auch – wie es am Montag sein Vater formuliert hat – als bester Athlet in der Geschichte des Planeten. Sein Problem: Er ist nicht geimpft. Und er will sich auch nicht impfen lassen, weil dies allem widerspricht, wofür er mit seinem Verständnis von seinem Körper (und seiner Seele, wenn man so will) steht. Wenn die unsägliche Posse um seine Einreise etwas ans Tageslicht gefördert hat, dann ist es der Impfstatus, den Djokovic nicht preisgeben wollte – und den jetzt jeder weiß.

Die Frage, die sich für ihn stellte: Wie komme ich ungeimpft nach Australien? Normalerweise muss man doppelt geimpft sein um einzureisen. Aber es gibt medizinische Ausnahmeregelungen, wie wir gelernt haben. Djokovic bekam sie, hatte also die Papiere, die für die Einreise in Absprache mit den Australian Open und dem Bundesstaat Victoria notwendig waren. Er fliegt also mit Flug EK408 von Dubai nach Melbourne. Er fühlt sich sicher – und fällt aus allen Wolken, als ihm ein Grenzbeamter nach mehrstündigem Verhör sagt: „Basierend auf den Informationen, die Sie uns zu unserer Hilfe zur Verfügung gestellt haben, werde ich Ihnen jetzt eine Erklärung verlesen, die sich auf die Erwägung der Aufhebung Ihres Visums bezieht.“ Im Klartext: Dein Visum ist ungültig, flieg nach Hause.

Der Fall Djokovic: Es gibt keine einheitliche Antwort

Begegnet man Djokovic wohlwollend, hat er das eingereicht, was verlangt war. Folgt man dieser Logik entstand die chaotische Situation – die Menschenaufläufe in der Innenstadt von Melbourne, der Pfefferspray-Einsatz durch die Polizei, die digitale und mediale Schlacht zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern –, weil die Maßnahmen der australischen Regierung, des Bundesstaates Victoria und der Veranstalter der Australian Open mit dem inzwischen in Ungnade gefallenen Turnierchef Craig Tiley nicht abgestimmt waren. Wie gehen wir mit dem Fall Djokovic um? Darauf gab es keine einheitliche Antwort. Der Interessenkonflikt ist evident: Das Grand Slam-Turnier wollte die Nummer eins dabei haben, um sich mit dem Rekordmann zu schmücken.

Die australische Regierung wollte auch im Hinblick auf Wahlen und öffentlichen Druck aus der Bevölkerung ein Exempel statuieren, in dem man einen Topprominenten (zunächst) nicht einreisen ließ. Was grandios schief lief, wie das Gerichtsurteil am 10. Januar zeigte, das zudem ein absurdes Nachspiel in Belgrad hatte. Die Pressekonferenz der Familie Djokovic nach dem Urteilsspruch in der serbischen Hauptstadt war ein groteskes Schauspiel. Den Freispruch des Bruders, Sohns und Neffen als Sieg „größer als jeder Grand Slam-Titel“ zu bejubeln, zeugt von einer merkwürdigen Sichtweise.

Djokovic-Fans marschieren durch die Straßeen von Melbourne und protestieren für die Freilassung des Serben. 📸: Getty Images

Hat die Gerechtigkeit gesiegt? Nein!

Parallel postete Djokovic ein Bild von ihm und seinem Team gegen Mitternacht in der Rod Laver Arena. Die Botschaft: Ich bin angekommen in meinem Wohnzimmer. Und aus dem wird mich niemand mehr vertreiben. Hat die Gerechtigkeit gesiegt, wie es der Djokovic-Clan sieht? Nein! Mitnichten! Es gibt nach wie vor viele unbeantwortete Fragen: Was wäre passiert, wenn Djokovic am 16. Dezember nicht positiv getestet worden wäre? Ist der Test überhaupt gültig? Mehrere Medien berichten, dass der dazugehörige QR-Code mal ein positives und mal ein negatives Ergebnis anzeigt. Warum begab er sich nach dem positiven PCR-Test nicht in Quarantäne, sondern ließ sich am Tag darauf mit 60 Kindern in seiner Akademie fotografieren? Warum verschwieg er den Einwanderungsbehörden, dass er vor Melbourne noch nach Spanien reiste? Warum hielt er die Deadline (10. Dezember) nicht ein, zu der er spätestens die medizinische Ausnahmeregelung bei den Australian Open vorlegen musste? Und warum ließ der Veranstalter ihm das durchgehen?

Erstes Training: Novak Djokovic mit seinem Team in der Rod Laver Arena. 📸: Getty Images

Es gibt nur Verlierer

Am Ende muss man attestieren: Es gibt in dieser Posse – die weltweit Schlagzeilen produziert hat, die, um es etwas höher aufzuhängen, zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft beigetragen hat, die Milliarden Menschen, die sich mit Anstand an Regeln halten, vor den Kopf stößt – nur Verlierer: die Veranstalter der Australian Open, die das Thema miserabel gemanagt und es unterschätzt haben, obwohl es seit Jahren bei Djokovic schwelte. Der australische Staat, der vom Gerichtsurteil düpiert wurde. Die Familie Djokovic, deren Hybris sich als unerträglich erwies. Und Djokovic selbst. Im besten Fall hat er sein Image ramponiert – bei der Mehrheit der Menschen, die Impfen für vernünftig halten, die Impfskeptiker respektieren (wenn sie sich an die Regeln halten), die nichts von Djokovics kruden Thesen halten und von den zuweilen zwielichtigen Menschen, mit denen er sich umgibt.

Im schlimmsten Fall hat er bei der Einreise betrogen.

So oder so: Die Kratzer sind massiv.