Alexander Zverev, Angelique Kerber

Deutsches Tennis in der Krise?

Deutschland hat mit Alexander Zverev und Angelique Kerber immer noch Topspieler. Aber der Mittelbau fehlt und die Perspektive ist nicht glänzend. Findet unser Kolumnist Alexander Waske. Ein Weckruf.

Am Jahresende ist es immer Zeit, Bilanz zu ziehen. Wenn ich mir nun die deutsche Bilanz und die Perspektiven für die nächsten Jahre ansehe, kann ich nicht zufrieden sein – Corona hin oder her. Klar, es gibt Alexander Zverev, Grand Slam-Finalist bei den US Open. Die Leistung kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Aber nur vier Spieler in den Top 100 – das ist für das deutsche Tennis zu wenig. Bei den Damen sieht es noch schlimmer aus. Nur zwei Spielerinen – Kerber und Siegemund  – zählen noch zu den besten hundert Profis der Welt. Sieht man sich die Felder der Juniorenkonkurrenzen bei den Grand Slam-Turnieren an, ist es ebenfalls mager. Um für die nächsten Jahre auf gute Ergebnisse bei Damen und Herren zu hoffen, müssen wir aber gute Junioren haben.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Dies ist nicht die Anklage des Chefs einer privaten Tennisakademie, der auf den DTB mit dem Finger zeigt. Das Thema betrifft ganz Tennisdeutschland. Da sind alle gefordert. 

Die Masse fehlt

Es geht um die grundsätzliche Entwicklung. Quo vadis deutsches Tennis? Und da muss man feststellen, dass es schlechter als in den letzten Jahren ist. Ich rede nicht von Ausnahmekönnern wie Zverev oder Kerber. Diese Spieler gehen ihren eigenen Weg. Ich rede von guter deutscher Qualitätsarbeit, von einem Pool von Talenten. Ein Verband kann mit guter Jugendarbeit gute Spieler produzieren. Ich rede von soliden Top 100- oder sogar Top 50-Spielern, wie es früher Marc-Kevin Goellner, Hendrik Dreekmann oder David Prinosil waren. Später kamen Daniel Brands, Michael Berrer oder Andi Beck. 2009 in der Ära von Tommy Haas, Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler gab es elf deutsche Profis in den Top 100. Diese Masse fehlt. Das sind Spieler, die für Leistungskader interessant sind und die sich gegenseitig pushen, um dann in der zweiten Woche eines Grand Slam-Turniers aufzutauchen. 

Federer ist nicht das Produkt einer Jugendarbeit, auch wenn er damals im Schweizer Leistungszentrum geschult wurde. Bei Federer gilt die Devise: Der Gott wird geboren. Auch Zverev war schon mit 13 Jahren auf der Tour und der Vater hat ständig erfahrene Spieler angefragt, damit sie mit seinem Sohn trainieren. Um ihn geht es nicht. Wir haben zehn Jahre Entwicklung in der Nachwuchsförderung verpasst. Das liegt auch an unserem Ausbildungssystem mit Bezirks- und Verbandstraining. Ein normaler Clubtrainer kann es sich nicht leisten, mit einem Talent auf Reisen zu gehen, weil da noch 40 andere Kunden sind, die er bedienen muss, um von seinem Beruf zu leben. Er gibt die Spieler in die Bezirke und Verbände ab. Die Mädchen und Jungen haben in kurzer Zeit drei verschiedene Trainer. Am Ende sind Talente wie Antonia Lottner, Katharina Gerlach oder Katharina Hobgarski leider nicht in den Top 100. Auch bei den Herren blieben Rudi Molleker, Marvin Möller und Louis Weßels bislang hinter den Erwartungen zurück.

Bis die Ernte eingefahren wird, kann es Jahre dauern

Länder mit Grand Slam-Turnieren haben einen Riesenvorteil gegenüber uns, weil sie mehr Geld in die Ausbildung stecken können. Aber auch sie haben Probleme – bis auf die  Franzosen, die stets eine große Breite und eine erstklassige Nachwuchsarbeit haben. In Australien wurden alle Trainer entlassen, weil die Verbandsführung mit der Entwicklung ­unzufrieden war.

Es geht um eine moderne Trainings­philosophie mit Datenanalyse, die in Deutschland nicht weit verbreitet ist. Ich glaube aber, dass es unter Herrentennis-Chef Michael Kohlmann, meinem alten Doppelpartner, mittlerweile in die richtige Richtung geht. Mit mehr Turnierbetreuung und mehr Ex-Profis als Coaches wie Philipp Petzschner beim männlichen Nachwuchs oder Jasmin Wöhr bei den Damen. Auch die Turnierlandschaft hat sich in Deutschland verbessert. Was jetzt passieren muss: mehr Junioren in die Hauptfelder von Grand Slams zu bringen. Denn das Jugendtennis hat sich global extrem entwickelt. Bis die Ernte eingefahren wird, kann es aber ein paar Jahre dauern.