Naomi Osaka, Sascha Bajin

Die Trainerfrage im Tennis

Reihenweise feuern Spielerinnen ihre Erfolgscoaches. Das würden die Sandplatzgötter nie tun. Sie vertrauen nur einem: ihrem „Witti“. 

Lange waren die Trainer Randfiguren im Profitennis, wenn es um die mediale Aufmerksamkeit ging. Sicher, man kannte nach 1985 „Günzi“ Bosch. Oder später Nick Bollettieri, der früh erkannte, dass Selbstvermarktung dazu gehört, wenn man eine große Tennisakademie mit zahlungswilligen Schülern füllen will. Aber die Trainer von Lendl, Navratilova oder Evert? Die kannten damals höchstens Nerds, die allerdings noch nicht wussten, dass sie Nerds sind, weil der Begriff noch keine Verbreitung gefunden hatte.

Erklärbären und Taktikfüchse im On-Court-Coaching

Das ist heute anders. Die Tennis-Nerds müssen schon auf Themen wie Paintjobs, Besaitungen und Ausbildungsberufe der Profi-Eltern ausweichen, denn auch der gemeine Tennisfan kennt den jetzt aus der Trainer-Rente agierenden Onkel Toni oder die diversen „Früher-Topspieler-jetzt-Super-Coaches“ der ATP-Tour. Die WTA hat durch die Etablierung des On-Court- Coachings sogar dafür gesorgt, dass auch unbekannte Trainer für den Fan Gesicht und Charakter bekommen. Der dann im Einzelgespräch vor dem TV-Publikum durchaus unterschiedlich rüberkommt. Vom einfühlsamen Erklärbär über den Taktikfuchs bis hin zum bellenden Antreiber ist alles dabei. Wie auch bei den Reaktionen der Spielerinnen, die vom minutenlangen entrückten Blick ins Nirwana über eifriges Kopfnicken bis hin zur äußerst engagierten Gegenrede reichen. Vor allem aber gilt in letzter Zeit für Übungsleiter im Damenbereich: Man sollte sich seines Arbeitsplatzes nicht allzu sicher sein.

Nun ist die grundsätzliche Konstellation kein Garant für eine ewigwährende Anstellung: Denn der Schützling, den man gegebenenfalls auf durchaus unangenehme Art und Weise aus der Komfortzone „heraustrainieren“ muss, ist – anders als in vielen anderen Sportarten – auch gleichzeitig der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin. Neu scheint uns aber der Trend trotz relativ frischer Erfolge, die Zusammenarbeit zu beenden. Drei der vier letzten Grand Slam-Gewinnerinnen (Simona Halep, Angie Kerber, Naomi Osaka) arbeiten aus den unterschiedlichsten

Gründen nicht mehr mit dem Trainer zusammen, mit dem sie die großen Triumphe gefeiert haben. Die vierte – Caroline Wozniacki – hat ihren Coach vermutlich nur deshalb noch, weil ihr Vater im Gegensatz zu den gefühlt dutzenden anderen Trainern, die sie über die Jahre erst hatte und dann schnell nicht mehr hatte, schwierig zu feuern ist. Aber egal, ob der Erfolgstrainer jetzt gehen musste oder wollte: Die Zeit danach kann zumindest kurz- bis mittelfristig durchaus steinig werden.

Aha-Erlebnis nach Trainertipps

Mit Rainer Schüttler als Neu-Trainer legte Angelique Kerber 2019 nach hoffnungsvollem Beginn schon Aufritte hin, die fatal an das „verbotene Jahr“ 2017 erinnerten. Naomi Osaka wirkte nach der überraschenden Trennung von Sascha Bajin zwar nicht wirklich orientierungsloser als zeitweise auch mit ihm, dafür aber zusätzlich – zumindest zunächst – deutlich erfolgloser. Und Simona Halep kam nach vier Jahren zusammen mit Darren Cahill nach einer Woche in Dubai inklusive Finalteilnahme gemeinsam mit ihrem neuen Coach Thierry van Cleemput zu der Überzeugung, dass es keine gute Voraussetzung für eine fruchtbare Zusammenarbeit ist, wenn die Betreute schon in den ersten Tagen alles besser weiß als der Betreuer.

Wir Sandplatzgötter haben im Vergleich eher Treueherzen in der Trainerfrage gesammelt. Trotz einiger Abstecher zu anderen Übungsleitern galt 30 Jahre lang in der Medensaison, dass uns zur Vorbereitung „Witti“ Zander die Bälle zuspielt. Der hat den allermeisten von uns Tennis beigebracht. Und das mit erstaunlich viel Erfolg, wenn man es in Relation zu dem setzt, was wir immer mit hochgradigem Euphemismus als „unser Talent“ bezeichnet haben. Dieses Aha-Erlebnis, wenn der Ball plötzlich bei Einhaltung einiger grundlegender technischer Regeln tatsächlich eine erstaunlich wünschenswerte Flugkurve erhält, haben wir ihm zu verdanken. Aus genau dieser süchtig machenden Erfahrung speisten sich dann lebenslange Bezirksklassen-Karrieren, deren einziges Ziel es ist, diesen Moment wenigstens ein paar Mal pro Medenspiel reproduzieren zu können. Danke dafür, Trainer!

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