Rogers Cup Montreal – Day 8

Blauer Brief für das deutsche Tennis

Die Saison 2019 steuert seinen letzten Highlights entgegen und die Sandplatzgötter vergeben erste Zwischenzeugnisse fürs deutsche Tennis, die in den meisten Fällen nicht besonders positiv ausfallen.

Überall in Deutschlands Schulen hat es in den letzten Wochen die Zeugnisse gegeben. Jetzt weiß jeder, wo er am Ende des Schuljahres steht. Die Tennissaison ist im Profibereich anders getaktet –  wirklich abgerechnet wird erst im November. Zeit für ein Zwischenzeugnis ist jetzt, bevor es noch in Amerika, Asien und bei den europäischen Hallenturnieren viele Punkte zu ergattern oder zu verteidigen gibt, aber allemal. Und wir fragen uns eh auch allgemein, wo das deutsche Tennis denn steht. Blauer Brief fällig? Versetzung gefährdet?

Gerade die Klassenprimi auf Damen- und Herrenseite aus dem Jahr 2018 schwächeln im Vergleich doch ganz gewaltig. Wir erinnern uns: Im letzten Jahr hatten wir mit Angelique Kerber eine Wimbledonsiegerin und Weltranglistenzweite im Ranzen, sowie mit Alexander Zverev einem Masters-Sieger und Champion bei den Tour-Finals, der zeitweise Weltranglistendritter war und das Jahr auf der Nummer vier abschloss. Beide befinden sich an komplett unterschiedlichen Punkten ihrer Karriere, beide hatten aber ein ähnliches Ziel für die aktuelle Saison: Bei den ganz großen Events – namentlich den Grand-Slams – wollte man es 2019 krachen lassen.

Zverev und Lendl: öffentliche Leistungsbewertung

Das ist bisher recht grandios schief gegangen. Was in beiden Fällen dann der (Tennis-)Lehrer ausbaden musste. Kerbers Trennung von Rainer Schüttler wurde in so zuckersüße Worte gepackt, dass man sich eigentlich fragt, woran man überhaupt den Misserfolg an dieser Zusammenarbeit fest gemacht hat. Bei Zverev dagegen kommt man, nachdem er und Lendl öffentlich dem jeweils anderen eine Leistungsbewertung ausgestellt hatten, eher zu der Frage, warum man überhaupt so lange aneinander festgehalten hat. Wobei in diesem Fall ja schon das ganze Jahr über der Lehrer und nicht der Schüler durch schlichtes Fernbleiben vom Unterricht signalisiert hat, welchen geringen Stellenwert das gemeinsame Projekt für ihn noch hat.

Gemeinsam ist Kerber und Zverev, dass sie bisher keinen echten Ersatz für die vakante Position auserkoren haben. Und auch, dass die Trennung nicht gerade eine Initialzündung für bessere Leistungen war. Kerbers bisher einziges Match seither war genau die für das Jahr charakteristische Berg- und zum Ende hin Talfahrt. Und bei Zverev scheint weiterhin in vielen Matches die wirklich erfolgversprechende taktische und spielerische Idee, die ja vor einiger Zeit an den Ergebnissen zweifelsfrei abzumessen schon mal da war, komplett abhanden gekommen zu sein. Es gibt wenige Topprofis, die im Moment so prädestiniert dafür erscheinen, durch einen guten Trainer von außen neue spielerische Impulse zu erhalten, wie der junge Deutsche.

Jan-Lennard Struff als positives Beispiel

Wie gut so ein taktisches Feintuning auf Dauer funktionieren kann, wenn Coach und Spieler zueinander passen, haben dagegen in dieser Saison bisher Carsten Arriens und sein Schützling Jan-Lennard Struff eindrücklich bewiesen. Die konsequente Ausrichtung auf die eigenen offensiven Stärken hat Früchte getragen, die Puzzleteile im Spiel des Sauerländers passen jetzt zusammen. Er ist der absolut positive Ausreißer in einer Klasse von DTB-Herren mit schon längst bewiesenem oder vermeintlichem Top 50-Potential, die aus den verschiedensten Gründen in dieser Saison den Ansprüchen nicht (dauerhaft) gerecht werden.

Bei den Damen ist es gerade die Altersstruktur im Topbereich, die mehr und mehr für die Zukunft Sorgen machen muss. Mona Barthel ist mit ihren 29 Jahren das „DTB-Küken“ unter den 100 weltbesten Spielerinnen. In den Jahrgängen darunter hat es bisher niemand geschafft, sich nachhaltig an oder in die erweiterte Weltspitze zu spielen. Von großen Verletzungsproblemen über eine vermeintlich vorrübergehende oder tatsächlich dauerhafte Abkehr vom Profitennis bis hin zu einer Stagnation außerhalb der Top 100 ist da in letzter Zeit vieles dabei.

Die große Lücke nach Kerber & Co

Bei den noch jüngeren Spielerinnen, die jetzt langsam für den Sprung ins Profitennis in Frage kommen, sieht es auch sehr mau aus. Hinter der goldenen Generation aus Kerber & Co klafft eine riesige Lücke. Der DTB schafft als Verband nicht das genügend, was jenseits aller normaler Wellenbewegungen in der Leistungsdichte der einzelnen Tennisnationen in der absoluten Weltspitze wünschenswert und auch machbar erscheint: Nämlich den Nachwuchs so gut zu fördern, dass es kontinuierlich junge Profis bis unter die ersten 50 der Welt schaffen. Aus deren Pool sich dann aus einer Mischung aus noch mehr Talent und noch größerer Eigeninitiative einige wenige herauskristallisieren, für die es noch weiter nach oben gehen kann.

Denn die sind weiterhin dringend notwendig, wenn sich das Tennis im Wettbewerb der Sportarten in Deutschland auch gegen neu hinzugekommene Konkurrenz verbessern oder wenigstens behaupten will. Auch die deutsche Turnierlandschaft braucht in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zwingend ein Reservoir an Weltklassespielern und -spielerinnen, wenn es etwa in Hamburg bei den Herren wieder bergauf gehen oder in Berlin tatsächlich (wie geplant) auf Dauer eine Art Mini-Wimbledon für die Damen entstehen soll. Es bleibt kurz-, mittel- und langfristig also auf vielen Ebenen viel zu tun, damit das deutsche Tennis nicht dauerhaft sitzen bleibt.


  1. Rudolph

    Blauer Brief ? Konkret bekommen die Deutschen Tennisspieler diesen Blauen Brief nicht, sondern ja nur der DTB, denn der Verband, wie der Begriff es schon sagt, verdeckt seit Jahren die Wunden der schlechten Strukturen in der Förderung. Mal ehrlich warum brauchen wir die Landestennisverbände noch? Trainerausbildung, Medenspieltermine und Meisterehrungen? Ja das ist Breitensport und das kann der DTB, aber keinen Leistungssport. Da glauben ja wirklich die Verbandsstützpunkttrainer den Eltern verklickern zu wollen, das im Alter von 8 Jahren und 4 x die Woche Training aus dem Kind ein Tennisprofi entsteht! Solange Tennis ein Jahreszeitensport bleibt und im Winter kaum auf Vereinsebene ausgetragen wird, bleibt es ein schöner Breitensport. Ich lache mich kaputt, wenn diese Verbandstrainer einen auserwählten Spielerkreis trainieren und nicht merken das andere Talente sich anbieten, und nicht gesehen werden. Landesgrenzen sind die Mauern dies es zu überwinden gilt, aber da muss man die Komfortzone verlassen!


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