Naomi Osaka

Naomi Osaka: Der herrlich normale Champion

Der US-Open-Sieg von Naomi Osaka ging beim Drama um die Schiedsrichterkontroverse von Serena Williams ein wenig unter. Dabei hat die 20-jährige Japanerin das Zeug zum Superstar, weil sie ziemlich anders ist als viele Spielerinnen.

US-Open-Siegerin Naomi Osaka: Wer darauf vor Turnierbeginn gesetzt hat, durfte sich über eine ertragreiche Quote freuen. Zu unwahrscheinlich war das Szenario, dass die 20-jährige Japanerin in New York triumphieren würde. Mit nur einem Sieg bei drei Hartplatzturnieren im Vorfeld der US Open reiste Osaka an. Der Titelgewinn war trotzdem die logische Folge. Denn Osaka spielte das Turnier ihres Lebens. Die nackten Zahlen: Nur 34 Spiele in sieben Matches gab sie ab, alleine 13 davon im Achtelfinale beim hart erkämpften Sieg gegen Aryna Sabalenka. Bei den restlichen Matches spielte sie wie aus einem Guss. Osaka war „in the zone“, wie es in der Tennisfachsprache so oft heißt.

„Ich weiß gar nicht, was ich eigentlich fühlen sollte”

Das bekam auch Serena Williams im Finale zu spüren. Nach der heftigen Kontroverse mit Schiedsrichter Carlos Ramos wurde teiweise der Eindruck erweckt, dass Osaka das Finale vor allem deswegen gewonnen hat. Nein, Osaka wurde US-Open-Champion trotz der unrühmlichen Einlage von Williams. Zwar brauchte sie nach der Spielstrafe von 5:3 nur einen Spielgewinn, aber er es war eine mentale Meisterleistung, wie cool die Japanerin beim Ausservieren zum Turniersieg geblieben ist. Viele Spielerinnen wären von der riesengroßen Kulisse und den Buhrufen im Arthur Ashe Stadium völlig eingeschüchtert gewesen, Osaka war es nicht. „Das Einzige, was ich in solchen Situationen wohl tun kann, ist, das Beste zu versuchen. Das ist die Mentalität, die ich habe, wenn Leute denken, dass ich ruhig bin“, erklärte sie im Gespräch mit der WTA.

Auch wenn es keine Spielstrafe gegen Williams gegeben hätte und es beim Spielstand von 4:3 geblieben wäre: Die US-Open-Siegerin 2018 hätte ebenfalls Naomi Osaka geheißen. Zu gut, zu abgeklärt hat sie im Endspiel gespielt. Bei der ganzen Aufregung um Williams ist der fabelhafte Coup der Japanerin viel zu kurz gekommen. Williams habe ihr den Moment des ersten Grand-Slam-Titels kaputt gemacht, lautete die Kritik. „Ich kann nicht traurig sein, weil ich gar nicht weiß, was ich eigentlich fühlen sollte. Ich habe keine Erfahrung aus einem anderen Grand-Slam-Finale, mit der ich es vergleichen könnte“, schob Osaka die Geschehnisse in gewohnt japanischer Demütigkeit beiseite.

Osaka: Unverbraucht, etwas naiv und völlig authentisch

Während Williams um ständige Aufmerkamskeit buhlt, indem sie ihr Leben abeits des Platzes mit ihrer Hochzeit, der Geburt und dem Leben ihrer Tochter medienwirksam zur Schau stellt, ist Osaka das Gegenteil: unverbraucht, noch etwas naiv und dabei völlig authentisch. Und genau das ist sehr erfrischend. Man muss nicht ein Lautsprecher sein, um wahrgenommen zu werden, um eine Meinung zu haben, um ein Star zu sein. Rafael Nadal macht es bei den Herren vor. Der Spanier wirkte vor allem in den Anfangsjahren verschüchtert, als ob ihm die große Aufmerksameit um seine gigantischen Erfolge etwas peinlich wären. Starappeal hatte Nadal aber dennoch von Anfang an.

Osaka kann das neue Aushängeschild der WTA werden, sofern sie konstant auf hohem Niveau um große Titel mitspielt. Ihre Lebensgeschichte ist speziell – als Tochter einer Japanerin und eines Haitianers, aufgewachsen in den USA. Sie ist eine Kosmopoliton, ihr Vermarktungspotential ist riesig. Nach ihrem US-Open-Coup war Osaka zu Gast in der bekannten Talkshow von Ellen DeGeneres. Der Auftritt der Japanerin war efrischend – bodenständig, schlagfertig mit einer großen Prise trockenen Humor. Was sie sich von dem riesengroßen Siegerscheck von 3,8 Millionen US-Dollar kaufen würde, fragte die Talkmasterin. Osakas herrlich normale Antwort: „Ich kaufe meinen Eltern einen großen Fernseher, damit sie deine Show gucken können.“ Nach der Show ging es direkt weiter nach Yokohama – großer Medienauflauf inklusive. Automobilhersteller Nissan präsentierte Osaka als neue Markenbotschafterin.

Die Japanerin kann vieles von Serena Williams lernen: unter anderem, wie man mit dem großen Medienrummel umgeht und den sportlichen Erfolg nicht aus den Augen verliert. Es gibt aber auch einiges, was Williams von Osaka lernen kann: vor allem Bescheidenheit und sich nicht ständig als Opfer und Diva inszenieren. Die Japanerin ist eine Spielerin, die man einfach gerne haben muss.