Kevin Krawietz, Andreas Mies

Sandplatzgötter: Die Zweier-Beziehung

Das Doppel ist bei vielen ­Amateuren unpopulär. Zu Unrecht, finden die Sandplatzgötter. Weil man beim Doppel viel fürs Leben lernen kann. 

Als vor einigen Wochen Andreas Mies und Kevin Krawietz nach ihrem Triumph synchron in den Sand von Roland Garros sanken und alle Viere von sich streckten, waren nicht nur wir Sandplatzgötter hocherfreut. Auf unserer Facebookseite explodierten die Likes, die Medien überschlugen sich. Es herrschte echte Doppel-Begeisterung. Obwohl Doppel normalerweise auf Profi-Ebene eher ein Schattendasein fristet und kaum TV-Präsenz hat. Obwohl es auch im Amateurbereich oft nur der ungeliebte Stiefbruder des Einzels ist. „Bist du noch im Turnier?“– „Ne, nur noch im Doppel.“ 

Auch die Landesverbände signalisieren über die Verteilung der LK-Punkte (sehr viele für die Einzel, aber so gut wie keine für die Doppel), dass das Spiel zu Zweit letztlich nur als ­Anhängsel gesehen wird. Auf das im Zweifel bei diversen Punktspielen jedes Wochenende deutschlandweit regelwidrig verzichtet wird – weil die Gesamtpartie nach den Einzeln schon gelaufen ist oder weil die Spieler einfach keine Lust aufs Doppel haben. Gibt ja ­keine LK-Punkte zu holen. 

Das Doppel ist ein echtes Beziehungsspiel

Dabei werden im Mannschaftstennis bei einem engen Spielstand gerade in den Doppeln die entscheidenden letzten Punkte gemacht. Und es gibt dort – selbst auf Bezirksebene –  tendenziell die spektakuläreren Ballwechsel. Wenn vier Doppelspieler aufeinandertreffen, die gewillt sind, ihre Platzposition im Laufe eines Ballwechsels zu verändern und nicht nur gezwungenermaßen am Spielgeschehen teilzunehmen, dann kommt es – manchmal zugegebenermaßen auch unfreiwillig durch ungenügende Volley-Qualitäten oder allzu optimistische „Wildwechsel“ am Netz – zu großartigen Aktionen.  

Was das Doppel aber über die Art der Ballwechsel hinaus verdammt interessant macht: Es ist ein echtes Beziehungsspiel. Während das Einzel eine fast autistische Komponente hat, weil allein durch die Regeln gegeben vollkommen auf sich selbst konzentriert und ohne echte Interaktion mit anderen gespielt werden soll, ist das Doppel die Form der Partnerschaft, die viele von uns letztendlich ja auch im richtigen Leben anstreben: die klassische Zweierbeziehung. 

Ja, wir wollen uns alle ganz individuell als Single selbst verwirklichen und bei den großen Turnieren des Lebens ganz alleine triumphieren. Aber alle elf Minuten verliebt sich dann doch so ein Einzelspieler in einen potentiellen Doppelpartner. Auch wenn sich die Auswahl oft schwierig gestaltet. Gegensätze ziehen sich zwar auch auf der roten Asche an, wenn aber etwa immer einer nur dirigiert und der andere läuft, führt das meist über kurz oder lang zu Problemen. Im Reihenhaus genau wie auf Platz zwei. Auch lassen sich nicht alle guten Beziehungstipps aus dem Alltag auf den Tennisplatz übertragen. Dem Partner Freiraum geben und auch mal auf Abstand gehen ist im Alltag sicherlich ein guter Ratschlag – auf dem Tennisplatz kassiert man so aber meist nur den Passierball durch die Mitte.

Doppel: Kommunikation vor jedem Aufschlag

Analog zum richtigen Leben überaus wichtig ist dagegen auch auf dem Court die Kommunikation: Die findet bei den Profis vor jedem Aufschlag statt und ist auch in den unteren ­Ligen essenziell. Selbst wenn dort aufgrund technischer Mängel die einzige realistische Bitte in Bezug auf die Aufschlagrichtung „Treff mich nicht am Hinterkopf!“ ist. Man muss dem (Doppel-)Partner eben seine Wünsche mitteilen, auch wenn sie noch so klein sind. Die Stars kommunizieren dabei grundsätzlich so, dass die Gegner es nicht mitbekommen. Versteckte Signale hinter dem Rücken, geraunte Parolen. Auch hier gibt es die Parallele zum Alltag: Erfahrene Paare haben sowas auch dort perfekt drauf. 

Allzu viel Offenheit und Ehrlichkeit in Bezug auf den eigenen Partner kann allerdings  kontraproduktiv sein und hat schon so manche Beziehung ins Wanken oder sogar zum Scheitern gebracht. Im normalen Leben sind wir uns nicht so ganz sicher, auf dem Platz haben wir aber über jahrzehnte­lange Medendoppel-Erfahrung den wichtigsten verbalen Beziehungsretter klar ausgemacht. Selbst wenn der Partner bei 10:10 im Match-Tiebreak am einfachen Überkopfball mit viel Verve und geschlossenen Augen komplett vorbeisemmelt: Die richtige Reaktion ist keinesfalls die realistische Analyse der Fehlleistung und ihre kurz- und mittelfristigen Konsequenzen. Sondern ein gepresstes: „Macht nichts – weiter“. Glaubt uns!