The Internazionali BNL d’Italia 2018 – Day Seven

Nadal gegen Djokovic in Saudi-Arabien: Lasst sie doch spielen!

Der Showkampf in Saudi-Arabien zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal kurz vor Weihnachten sorgt gerade nach dem Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi für hitzige Diskussionen und scharfe Verurteilung der beiden Stars. Unser Autor hält die Kritik für undifferenziert, weil zwischen Profisport und Politik klar unterschieden werden sollte.

Am 22. Dezember, kurz vor Weihnachten, sollen Novak Djokovic und Rafael Nadal einen Showkampf im saudi-arabischen Dschidda ausspielen. Es geht um den „King Salman Tennis Cup“, benannt nach dem saudischen König Salman Ibn Abdelaziz. Die Empörung über den Auftritt, den sich die Tennisstars dem Vernehmen nach jeweils mit einer Million Euro versüßen lassen, ist groß.

Novak Djokovic, stärkster Profi der Saison mit einem der imposantesten Comebacks der Tennis-Historie, drückte seine Freude bei der Bekanntgabe des Events Anfang Oktober mit einem Tweet aus. Er freue sich darauf, in dem „schönen Land Saudi Arabien zu spielen“, so der Serbe. Nun kann man Sehenswürdigkeiten wie die King Fahd’s Fountain oder den Jeddah Tower zwar als schön bezeichnen. Dass Djokovic aber davon gesprochen hat, darf stark bezweifelt werden.

Ein Land, das seit jeher wegen menschenrechtsverachtender Praktiken unter Beobachtung steht und das nun an der Ermordung des Journalisten Jamal Kashoggi zumindest in Form von Geheimdienstmitarbeitern beteiligt war, als schön zu bezeichnen, um einen moralisch sehr fragwürdigen Regime eine Plattform zu bieten, wird – zu recht – stark kritisiert. Schon bevor die Ermordung Kashoggis publik wurde, stand die Entscheidung der Weltstars in der Kritik. Doch der Mord an Khashoggi verstärkt den Fokus auf das Tennis-Event in Saudi-Arabien, die kritischen Stimmen werden immer lauter.

Kevin Mitchell etwa, Tennis-Experte der britischen Tageszeitung „Guardian“, schreibt: „Nadal und Djokovic riskieren ihren guten Namen, sollten sie die Einladung wirklich annehmen. Entweder sind sie sich der Kritik nicht bewusst oder sie ignorieren die Situation absichtlich.“ Beide Profis haben inzwischen Stellung bezogen. Sie würden mitbekommen, was in Saudi-Arabien passiert und ihre Verträge genauestens prüfen, heißt es von beiden Seiten. Rafael Nadal sagte am Sonntag auf einer Pressekonferenz beim Masters in Paris-Bercy: „Ich bin die Verpflichtung vor über einem Jahr eingegangen. Derzeit bewerten wir die Situation und werden nach Lösungen suchen.“

Scharfe Kritik an Nadal und Djokovic ist kurzsichtig

Fakt ist: Eine Sportveranstaltung soll in einem demokratiefeindlichen Land stattfinden. Das ist zunächst nichts Neues. Das gab es auch schon bei der Fußball-WM 2018 in Putins Russland und setzte sich fort mit der Vergabe der Fußball-WM 2022 nach Katar, wo Stadien in brütender Hitze zu menschenunwürdigen Bedingungen erbaut werden. Blickt man weit zurück, dann fand die Fußball-WM 1978 in Argentinien in einem Land statt, das von einem Diktator beherrscht wurde. Ein Showmatch zweier Spitzenprofis in Saudi-Arabien wirkt dagegen nichtig. Und genau wie beim Fußball gilt auch hier: Der internationale Spitzensport wird vom großen Geld regiert – nicht von moralischen Instanzen.

Das Motto lautet seit Jahren: „höher, schneller, reicher“. Demokraten sehen im Sport oft einen Beweis für gelungene Integration, Autokraten benutzen ihn als Plattform für ein besseres Image. Diejenigen, die nun Djokovic und Nadal als Handlanger eines autokratischen Regimes brandmarken, lassen außer Acht, dass die Vermischung von Profisport und Politik nicht in ihrem Sinne geschieht. Jeder, der die Entscheidung der beiden scharf kritisiert, hat zwar recht, sollte aber bedenken, dass es zum Job eines Profisportlers gehört, Geld zu verdienen. Da ist der Ort des Geschehens zunächst zweitrangig.

Die Tennis-Tour gastiert übers Jahr gesehen in einigen Ländern mit fragwürdigen Ansichten zu Errungenschaften moderner Demokratien: China, Dubai, Katar, Türkei. Wo bleibt dort der Aufschrei? Und: Warum sollte man als Einzelsportler abseits der Tour jene Länder meiden, die von Seite der offiziellen Veranstalter seit Jahren angesteuert werden? Die Profis sind daran gewöhnt, auch in autoritären Staaten aufzuschlagen, ohne dass sich darüber die Öffentlichkeit erregt.

Nadal und Djokovic wollen spielen – und Geld verdienen

Profitennis ist, wie jede andere Sportart auch, einfach Sport. Djokovic und Nadal sind zwar auch Vorbilder und Influencer mit insgesamt mehr als zehn Millionen Followern bei Instagram – aber in erster Linie sind sie Sportler. Sie unterhalten Menschen, begeistern sie, lassen sie mitfiebern und aus ihrem Alltag entfliehen. Sie wollen keine politischen Meinungsmacher sein, keine Sprachrohre, keine Marionetten, sondern einfach nur Sportler. Letztlich wollen sie nur eins: Spielen – und dabei Geld verdienen.

Das große Geschäft, zu dem sich der Profisport entwickelt hat, lebt von Millionenprämien, Sponsorengeldern und leider auch von dubiosen Machenschaften. Das ist nicht schön und eine Ohrfeige für jeden Traditionalisten. Es ist eine Entwicklung in Gang gesetzt worden, die man nicht aufhalten kann, die aber immer wieder kritisch hinterfragt werden muss. Es ist aber ein Fehler, mit dem Finger nun auf jene Profis zu zeigen, die von dieser Entwicklung letztlich profitieren – wie Nadal und Djokovic, wenn sie denn kurz vor Weihnachten in Dschidda antreten.

Man muss die Politik Saudi-Arabiens als verachtenswert ansehen. Doch werden Profisportler, die auch in diesem Land ihrem Beruf nachgehen, automatisch zu Befürwortern dieser verachtenswerten Politik? Ich finde nicht.