Thomas Muster

Thomas Muster teilt aus: „Tennis hat seine Seele verloren“

Thomas Muster hat im Interview mit der Tiroler Tageszeitung zum Rundumschlag gegen die heutige Tennisgeneration ausgeholt. Vor allem die sozialen Medien sind Österreichs besten Spieler aller Zeiten völlig zuwider.

44 ATP-Titel (40 davon auf Sand), French-Open-Sieger, Nummer eins der Welt, einer der härtesten Arbeiter, die es im Tennis je gegeben hat, und immer meinungsstark: Das ist Thomas Muster! Der 51-jährige Österreicher ist für den Einzug in die International Tennis Hall of Fame nominiert. Im Interview mit der Tiroler Tageszeitung holte Muster zum Rundumschlag gegen die heutige Tennisgeneration und die gesellschaftliche Entwicklung aus.

Der Linkshänder aus der Steiermark vermisst Rivalitäten im Herrentennis, bei denen man sich noch schonungslos die Meinung sagen konnte – so wie zu seiner Zeit. Vor allem seine Rivalität mit Boris Becker war berüchtigt. „Heute darfst du nicht mehr die Wahrheit sagen, sonst wirst du in der digitalen Welt zerlegt. Alles wird fotografiert, auf Instagram gestellt. Wir hatten es da besser, konnten uns alles sagen. Heute muss alles politisch korrekt sein, davon bin ich ein Gegner“, erklärte Muster im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung.

Muster: „Diese Schmuserei am Netz? Blödsinn“

Die Feel-good-Atmosphäre auf der Herrentour ist dem Österreicher zuwider. „Ich kann die digitale Welt nicht ausstehen. Jeder gibt seinen Senf zu Themen ab, von denen er keine Ahnung hat. Rivalitäten gibt es im Tennis nur noch nach innen. Aber diese Schmuserei am Netz, die langen Reden, wie gut der andere war? Blödsinn – wenn ich verliere, zipft’s mich an. Jemand, der im selben Teich fischt wie ich, ist mein Gegner. Ich würde es erfrischend finden, wenn einer mal wieder die Pappen aufreißt. Aber die Tragweite ist zu groß.“

Einmal angefangen, redet sich Muster in Rage. „Ich bin so froh, dass keiner weiß, wo ich bin. Und mich interessiert’s auch nicht, wer wann duschen geht und wohin auf Urlaub fährt. Ich habe Sorge, dass die Menschheit den Hausverstand verliert. Wenn du Kindern das Smartphone wegnimmst, ist das so, wie wenn du ihnen das Leben wegnimmst. Das ist erschreckend.“ Der ehemalige Sandplatzkönig übt auch Kritik an seinem großen Nachfolger, Rafael Nadal und dessen Marotten.

Muster: „Viele Spieler in Top 15, die da nicht hingehören“

„Man muss nicht 13-mal alles herrichten wie bei Rafael Nadal, das kann man ja nicht mit-anschauen. Das hat was Neurotisches. Das ist, wie wenn ich in der U-Bahn immer den gleichen Waggon und Sessel haben muss, sonst komme ich nicht in die Arbeit.“ Dass Nadal, Federer und Djokovic immer noch die großen Titel abräumen, sieht Muster sehr kritisch. „Es sind sehr viele Spieler in den Top 15, die da nicht hingehören. Andy Murray war verletzt, ebenso Kei Nishikori. Die Dichte, die da war, hat sich aufgelöst.“ Das ständige Bitten um das Handtuch, das in den letzten Jahren inflationär zugenommen hat, stößt dem Österreicher sauer auf. „So viel Schwitzen kannst du gar nicht. Ich habe mich früher bei manchen Ballwechseln nicht mal hingesetzt, da hatten die Spieler noch Sägespäne oder ein Handtuch in der Hose.“

Muster, der in seiner Karriere insgesamt 12,2 Millionen US-Dollar an Preisgeld einspielte, sieht die Entwicklung, dass die Preisgelder immer horrendere Summen annehmen, als schlechte Entwicklung.  „Das Tennis hat die Seele verloren, das ist wie ein Auto ohne Motor. Das hat auch keine Seele.“