Stan Wawrinka – Australian Open 2026

Stan Wawrinka spielt bei seinen letzten Australian Open groß auf.Bild: Imago

Wawrinka: der ewige Stan

Stan Wawrinka hat in Melbourne die dritte Runde erreicht. Es ist schon jetzt eine der besten Stories der 114. Australian Open.

Als Stan Wawrinka vor zwei Tagen den Serben Laslo Djere in vier Sätzen besiegt hatte, fühlte sich schon alles sehr nach Abschied an. Ein Kamerateam mit riesigen Mikrostangen begleitete ihn auf dem Weg zum „Main Interview Room“. Es wirkte, als arbeite man schon an seiner Doku. Denn: Wie immer dieses Turnier für den Schweizer ausgehen wird, es werden seine letzten Australian Open sein.

Die Saison spielt er noch, dann ist endgültig Schluss für den 40-Jährigen. Womit es Parallelen zum Schweden Stefan Edberg gibt, der in den 90er-Jahren zu Saisonbeginn auch eine einjährige Abschiedstour angekündigt hatte.

Phasenweise wie ein Deja-Vu

Nur: Die Reise in Down Under ist noch nicht vorbei! Drei Tage später, am Donnerstag, ist der Schweizer wieder da. Wieder in der KIA-Arena. Der Gegner diesmal: Arthur Gea, 21 Jahre alt, Qualifikant. Der Franzose rangiert um Platz 200. Aber er spielt wie ein junger Gott. Und alle im Stadion wissen, von dem Mann von der Cote d’Azur wird man noch hören.

5.000 Zuschauer passen rein ins Rund. Draußen stehen sie sich die Beine in den Bauch. Man hätte das Match auch in der Rod Laver Arena austragen können. Selbst die 15.000 Plätze hätten nicht gereicht. Wer das Glück hatte, bei kühlen Temperaturen dabei sein zu dürfen, erlebte alles, was den Sport ausmacht. Auf und Abs. Fantastische Ballwechsel. Emotionen auf dem taubenblauen Court und den Rängen. Kalt ließ dieses Match niemanden.

Stan Wawrinka – Australian Open 2026

Explosiv: Stan Wawrinka dreht bei den Australian Open die Zeit zurück.Bild: Imago

Wawrinka verlor den ersten Durchgang, gewann den zweiten, verlor den dritten. Würde sein Körper durchhalten? Er tat es. Am Ende stand es 4:6, 6:3, 3:6, 7:5, 7:6. Die Nostalgie schwang immer mit. 2014 gewann Wawrinka die Australian Open. Zwölf Jahre später war es phasenweise wie ein Deja-Vu. Wie damals feuerte ihn Magnus Norman, der reaktivierte Coach, aus der Box an. Und wie damals wuchtete er eine Rückhand zum Niederknien übers Netz.

Wawrinka liebt Best-of-Five

Immer wieder peitschte er das Publikum an. Es war eine gigantische Stan-Show über rund vier Stunden, die im Sonnenschein begann und endete, als die Sonne bereits untergegangen war. Sie war ganz nach dem Geschmack des Westschweizers. Er liebt lange Matches. Wenn es über fünf Sätze geht, ist seine Bilanz viel besser als über drei. „Ich habe dann Zeit, mein Spiel zu entwickeln“, sagt Wawrinka. Gegen Novak Djokovic, der über allen im Tennis-Kosmos schwebt, gewann er vier von zehn Fivesettern.

Zu trainieren, hart zu arbeiten (was er in der Off-Season getan hat), Technik, Taktik – das ist das eine. Die Emotionen sind das andere. Und die sind „sehr speziell“. Aber: „Ich vergleiche es nie mit der Vergangenheit.“ Der Mann, der nur noch die Nummer 139 der Welt ist, der mit einer Wildcard startete, lebt komplett in der Gegenwart.

Das innere Feuer treibt ihn an. Die Rückschläge im letzten Jahr hat er weggesteckt. „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better“ – das Zitat von Samuel Beckett steht auf der Innenfläche des linken Unterarms. Sinngemäß heißt es: Wenn du hinfällst, steh wieder auf und versuche es. Und wenn du scheiterst, scheiterst du besser. Wawrinka ist eine Inspiration für jeden Tennisspieler. Viel mehr Leidenschaft geht nicht.

Wawrinka hinterlässt gewaltigen Fußabdruck

Der Beckett-Spruch war nie Show bei ihm. Die Bedeutung hat er verinnerlicht. Es mag pathetisch klingen, aber Wawrinka ist aus dem Holz eines Champions gemacht. Er spielt nicht in der Liga von Djokovic, Nadal und Federer. Aber er wird einen gewaltigen Fußabdruck auf der Tour hinterlassen. So viel steht fest bei einer Titelsammlung, die drei Grand Slam-Trophäen und einen Davis Cup-Sieg umfasst.

Was in Melbourne geholfen hat und möglicherweise noch hilft, waren lange Matches beim United Cup, bei dem die Schweiz erst im Finale gegen Polen verlor. Was ihm ebenfalls hilft, ist die Energie, die er vom Publikum bekommt, wie er es formuliert.

Am Samstag werden sie „Stan the Man“ wieder anfeuern, ein paar Schweizer Fahnen werden wehen. Wenn alles normal läuft, wird seine Reise gegen Taylor Fritz, die Nummer 9 der Setzliste, enden. So oder so – seine Melbourner Episode anno 2026 ist jetzt schon grandios.