Hubert Hurkacz

Wimbledon und der Fluch der Halle-Turniersieger

Das Erstrundenmatch in Wimbledon zwischen Hubert Hurkacz und Alejandro Davidovich Fokina bot reichlich Drama – und befeuerte den Fluch um Titelträger beim ATP-Turnier in Halle.

Die kleinen und großen Dramen bei Grand-Slam-Turnieren spielen sich in den ersten Tagen größtenteils auf den kleineren Plätzen ab – auch hier in Wimbledon. An dieser Stelle sei jedem geraten, der in der ersten Woche ein Grand-Slam-Turnier besucht, die Atmosphäre auf den Außenplätzen aufzusaugen. Weltklasse-Tennis hautnah, Emotionen und Sensationen. Viel mehr geht nicht!

Hurkacz als Geheimfavorit nach Wimbledon

Auf Court 3 hier im All England Club in Wimbledon ging es heute so richtig wild zu. Das Duell zwischen Hubert Hurkacz und Alejandro Davidovich Fokina ist ein heißer Kandidat für eines der absurdesten Match des Jahres. Hurkacz, da war doch was? Richtig! Rückblick: Letztes Jahr im Viertelfinale hämmerte der nette und unscheinbare Pole Rekordsieger Roger Federer aus dem Wimbledon-Turnier: 6:3, 7:6, 6:0. Die Bilder vom dem geschlagenen und angeschlagenen Federer gingen um die Welt. Ein 0:6 in Wimbledon glich einer Majestätsbeleidigung. Hurkacz war plötzlich dort, wo er ungern steht: im Mittelpunkt.

Der Pole ist mittlerweile ein etablierter Top-20-Spieler. An guten Tagen ist Hurkacz dank seines Turboaufschlags auf schnellen Belägen kaum zu bezwingen. So wie vor wenigen Tagen in Halle, als er nahezu unbreakbar war und sich „in the zone“ seinen fünften ATP-Titel sicherte – im fünften Finale. Klar, dass dieser 1,96 Meter große 25-Jährige nach den gezeigten Leistungen auf Rasen im Vorjahr sowie dieses Jahr längst ein Geheimfavorit auf den Wimbledon war. Hier liegt die Betonung auf „war”. Denn Hurkacz scheiterte heute nach bizarrem Spielverlauf in der ersten Runde am Spanier Alejandro Davidovich Fokina – kein ausgewiesener Rasenexperte – mit 6:7 (4:7), 4:6, 7:5, 6:2, 6:7 (8:10).

Ein missglückter Tweener zur Unzeit

Dabei war das Match im dritten Satz so gut wie entschieden. Davidovich Fokina hatte bei 5:3, 40:0 und eigenem Aufschlag die Überraschung auf dem Schläger. Doch dann spielte der Spanier bei seinem ersten Matchball etwas überheblich einen Ball durch die Beine. Der sogenannte Tweener misslang. Es kam, wie es kommen musste. Davidovich Fokina vergab auch die zwei weiteren Matchbälle und wurde gebreakt. Bei 5:5 setzte schließlich der Regen ein. Zeit genug für Hurkacz, um über sein Spiel nachzudenken. Und Zeit für Davidovich Fokina, immer wieder seinen missglückten Tweener zu bereuen. Nach der Regenunterbrechung spielte sich ein Drehbuch ab, das man häufig nach ausgelassenen Chancen sieht. Hurkacz erinnerte sich daran, dass er ganz passabel auf Rasen spielen kann und startete sofort mit einem Break.

Der Pole spielte nun, wie man es von ihm erwartet hatte. Als er im fünften Satz bei 5:4-Führung mit neuen Bällen zum Matchgewinn servierte, schien der Einzug in die zweite Runde nur noch Formsache zu sein. Doch dieses Match hatte noch eine Wende parat. Davidovich Fokina schaffte das Break und gewann wenige Minuten später im Tiebreak mit 10:8 das Match. Zur Erinnerung: Steht es im entscheidenden Satz 6:6, entscheidet mittlerweile bei allen Grand-Slam-Turnieren ein Match-Tiebreak bis 10 Punkte über den Sieg.

Kohlschreiber, Haas, Mayer, Coric, Humbert, Hurkacz

„Ich weiß nicht, wie ich das Match gewonnen habe. Ich bin so glücklich“, wusste Davidovich Fokina das Match mit der Achterbahn der Gefühle nicht richtig einzuordnen. Und Hurkacz? Der setzte einen unheimlichen Fluch fort: den Fluch der Turniersieger beim ATP-Turnier in Halle. Denn seit 2011 sind alle Champions in Halle, die nicht Roger Federer heißen, beim anschließenden Wimbledonturnier in der ersten Runde ausgeschieden. 2011: Philipp Kohlschreiber, 2012: Tommy Haas, 2016: Florian Mayer, 2018: Borna Coric, 2021: Ugo Humbert und nun 2022: Hubert Hurkacz. Völlig verrückt! Es kommt sogar noch schlimmer.

Bis 2002 erreichten nur drei Halle-Sieger in Wimbledon die zweite Woche. Von 1994 bis 1996 scheiterten die Halle-Sieger direkt im Anschluss in Wimbledon in der ersten Runde. 1995 erwischte es mit Marc Rosset und Michael Stich sogar die beiden Finalisten. Auch für Yevgeny Kafelnikov, Halle-Sieger von 1998, war kurz darauf in Wimbledon in der ersten Runde Schluss. Nicolas Kiefer (1999) und Thomas Johansson (2001) schieden in der zweiten Runde aus. Roger Federer durchbrach 2003 den Fluch, in dem er nach Halle auch in Wimbledon triumphierte. Der Schweizer wiederholte dieses Double drei weitere Male. Federer ist gegen den Haller-Turniersieger-Fluch immun. Alle anderen Sieger anscheinend nicht. Wer auch immer nächstes Jahr das ATP-Turnier in Halle gewinnen wird, man könnte direkt im Anschluss eine Wette auf das Ausscheiden in der ersten Runde in Wimbledon platzieren. Dies scheint jedenfalls eine todsichere Wette zu sein.