Zverev ist auf dem richtigen Weg – trotz erneuter Niederlage gegen Sinner
Alexander Zverev war nahe dran, konnte im Halbfinale von Miami Jannik Sinner aber wieder nicht schlagen– dennoch gibt es viele positive Zeichen.
Es ist eine alte Tennisspieler-Binsenweisheit: In einem Match kommt es gar nicht so sehr darauf an, wie viele Punkte man macht – sondern welche. Ok, da sind zum Einstieg gleich mal fünf Euro für das Phrasenschwein fällig. Aber im Ernst: Die Halbfinal-Begegnung bei den Miami Open zwischen Alexander Zverev und Jannik Sinner war ein Paradebeispiel dafür, wie die mitunter eigentümliche Arithmetik der Tennis-Zählweise den Ausgang einer Partie bestimmt – und am Ende nicht unbedingt der bessere Spieler gewinnt.
Ja, Sinner schlug Zverev am Ende mit 6:3, 7:6; seine unglaubliche Siegesserie von nun 32 gewonnen Sätzen am Stück auf Masters-1000er-Level hat weiterhin Bestand. Wer aber einen tiefergehenden Blick in die Statistik wirft, muss zu dem Schluss kommen, dass die Partie zumindest einen dritten Satz verdient gehabt hätte. Und nein, diese Aussage richtet sich nicht gegen Sinner, der insbesondere in der Endphase der Partie eine überirdische Aufschlagleistung ablieferte und eine mentale Glanzleistung zeigte. Aus der Sicht von Alexander Zverev wäre aber eine „Verlängerung“ gerecht gewesen, weil er sich – anders als in den letzten drei Begegnungen gegen Sinner, in denen er chancenlos war – mindestens auf Augenhöhe mit dem Italiener befand.
Catch him if you can 🙌
The moment @janniksin topped Zverev to notch his 16th consecutive straight-set win at Masters 1000 events. #MiamiOpen pic.twitter.com/Rt55G1BK3m
— Tennis TV (@TennisTV) March 28, 2026
Zverev war der dominantere Spieler
Im ersten Satz etwa gelangen Zverev bei Sinners Aufschlag 13 Punkte; umgekehrt holte Sinner beim Aufschlag des Deutschen nur fünf Punkte – dennoch war es der Weltranglisten-Zweite, der sich das einzige Break des Satzes holte und den Durchgang mit 6:3 gewann.
Um die Dominanz eines Spielers zu veranschaulichen, gibt es in einigen Tennis-Apps inzwischen die sogenannte „Dominance Ratio“ (DR). Sie stellt das Verhältnis von gewonnenen Punkten bei gegnerischem Aufschlag zu verlorenen Punkten bei eigenem Aufschlag dar. Ein Wert über 1,0 signalisiert Dominanz, ein Wert darunter Druck. Im ersten Satz hatte Zverev eine DR von 1,30, Sinner lag bei 0,77. Und noch eine Statistik: In dem „Performance Rating“, die von der ATP anhand der Gesamt-Schlagqualität ermittelt wird und bis maximal 10,0 reicht, kam Zverev auf eine 9,5 – Sinner „nur“ auf 9,3.
Aber was bringen all diese Zahlen schon, wenn Jannik Sinner bei der einzigen sich bietenden Breakchance eine fantastische Vorhand-Longline an die Grundlinie nagelt und sich danach aus allen brenzligen Situationen bei eigenen Service-Games – von denen es einige gab – mit erstklassigen Aufschlägen befreien konnte? Denn auch das gehört zur Statistik: Sinner servierte im ersten Satz sieben Asse, Zverev dagegen kein einziges.
Sinner mit unglaublicher Aufschlagleistung
Im zweiten Satz glichen sich die Zahlen beiden Spieler mehr an, wobei Zverev derjenige war, der einen etwas stabileren Eindruck erweckte als Sinner. Während dem Deutschen nur neun „unforced errors“ unterliefen, waren es bei Sinner 15. Zverev war in vielen Ballwechseln am Drücker und sich ließ sich nicht zurückdrängen, wodurch er Sinner stärker unter Druck setzte als in den letzten Matches der beiden. Der Italiener rettete sich am Ende zum Sieg durch seinen unglaublichen Aufschlag – eine Aussage, die man noch vor anderthalb Jahren für höchst unwahrscheinlich gehalten hätte.
Sinner steals victory 😤
The Sinner serve bot era continues with an incredible performance on serve to make up for less than complete performance 🤖
In the last 4 games of the match, @janniksin made 16/16 first serves with incredibly accuracy to the sidelines🎯#TennisInsights… pic.twitter.com/BiTYo0kBwO
— Tennis Insights (@tennis_insights) March 28, 2026
Tatsächlich hat Sinner in Sachen Aufschlag extrem zulegt und brachte in der Schlussphase der Partie – ab 4:5 im zweiten Satz – 16 von 16 ersten Aufschlägen ins Feld, Wahnsinn. Dabei servierte auch noch sechs Asse. Als er 5:6 zurücklag, gelangen ihm sogar vier Asse in einem Aufschlagspiel. Im Tiebreak schließlich schlug er sechsmal auf – und jedes Mal kam der erste Aufschlag.
Die ATP beziffert Sinners „Service-Rating“ für diese Endphase auf 9,7 – besser geht es kaum. Ein Parameter beim „Service-Rating“ ist übrigens die Genauigkeit des Aufschlags („accuracy“), die anhand des Abstands zur nächstgelegenen Linie bestimmt wird. Auf das gesamte Match bezogen lag der Abstand bei Sinner im Mittel bei 45 Zentimeter, in der Schlussphase reduzierte er diesen Wert jedoch auf durchschnittlich 27 Zentimeter. Auf den Punkt serviert!
Erleben wir den „Zverev 2.0“?
Den entscheidenden Vorteil in Tiebreak „schenkte“ ihm aber sein Gegner: Als Zverev beim Stand von 4:4 durch die Mitte angriff, verteidigte sich Sinner mit einem zu kurzen Lob. Den anschließenden Schmetterball schlug der Deutsche jedoch ins Netz – das war’s. Danach traf Sinner wieder zweimal seinen ersten Aufschlag und hatte gewonnen. In der Endabrechnung hatte er einen Punkt mehr als Zverev gemacht.
Auch wenn Zverev nun wieder mit leeren Händen dasteht und in den letzten vier Matches gegen Sinner nicht einen Satz gewinnen konnte: Das Halbfinale von Miami hat gezeigt, dass er mit seiner offensiveren Spielanlange auf dem richtigen Weg ist. Ex-Profi Philipp Kohlschreiber sagte als TV-Experte bei Sky: „Irgendwann werden sich seine Aggressivität und sein Risiko auszahlen.“ Er schwärmte bereits von einem „Zverev 2.0“. Das ist vielleicht noch etwas verfrüht.
Feststeht aber: Zverev erfindet sich gerade neu und es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen – selbst wenn er am Ende eine verdammt bittere Niederlage gegen Sinner einstecken musste.
