Deutsches Billie Jean King Cup-Team: Wie ein Neuanfang zum Fiasko wurde
Das deutsche Billie Jean King Cup-Team ist nun drittklassig. Nach wie vor macht der Abstieg vor allem eins: fassungslos. Wie es dazu kommen konnte.
„Dieses Ergebnis passt kein bisschen zu unserer Zeit in Portugal, die von guter Stimmung und einem großen Zusammenhalt geprägt war“, sagt Jasmin Wöhr am Telefon und klingt dabei ziemlich konsterniert. Die 45-jährige Ex-Profispielerin ist seit 2017 Bundestrainerin beim Deutschen Tennis Bund (DTB) und zuständig für die Juniorinnen. Bei der Billie Jean King Cup-Woche im portugiesischen Oeiras war sie erstmals als Co-Trainerin an der Seite vom neuem Teamchef Torben Beltz im Einsatz.
Das deutsche Team wollte dort den sofortigen Wiederaufstieg von der Euro/Afrika-Zone I zurück in die Weltgruppe schaffen. Doch es kam ganz anders: Deutschland stieg tatsächlich noch einmal ab und muss 2027 in der Euro/Afrika-Zone II antreten. Das ist die dritte Liga im Billie Jean King Cup. So tief spielten die deutschen Damen noch nie. Der Abstieg ist – da braucht man nicht lange drum herumreden – eine Katastrophe.
Wer Wöhr länger zuhört, merkt ihr den Schock noch an. Das ist auch kaum verwunderlich, denn mit einem Abstieg konnte nun wirklich niemand rechnen. In der zweiten Liga des Billie Jean King Cups lauteten die Gegner Portugal, Schweden, Dänemark und Litauen. Alles Nationen, die die deutschen Damen formell schlagen müssen.
Selbst ohne die Spitzenspielerinnen Laura Siegemund (Oberschenkelprobleme), Tatjana Maria (Saisonplanung) und Eva Lys (Knieprobleme). Sie hatten aus unterschiedlichen Gründen abgesagt. Auch wenn Beltz und Wöhr grundsätzlich den Nachwuchs mehr ins Team einbinden wollen: Dass man komplett ohne eine erfahrene Spielerin in diese wichtige Billie Jean King Cup-Woche ging, war so nicht geplant.
Viele Absagen für das deutsche Team
„Es war keine bewusste Entscheidung, auf ein so junges und vergleichsweise unerfahrenes Team zu setzen. Wir hätten gern eine erfahrene Spielerin im Team gehabt, aber alle anderen Spielerinnen standen nicht zur Verfügung“, stellt Wöhr auf Nachfrage von tennis MAGAZIN klar. Auch Anna-Lena Friedsam und Tamara Korpatsch sagten ab, weil sie beim WTA-Turnier in Linz Punkte sammeln wollten, um es sicher in die Hauptfelder von Roland Garros zu schaffen (Einzel bzw. Doppel).
Am Ende stellte Beltz mit Ella Seidel (21 Jahre, WTA# 85) Noma Noha Akugue (22/WTA# 192), Tessa Brockmann (20, WTA# 271), Nastasja Schunk (22, WTA# 364) und Eva Bennemann (18, WTA# 335) ein Team mit gleich drei Billie Jean King Cup-Debütantinnen auf: Noha Akugue, Brockmann und Bennemann.
Schunk hatte zuvor 2021 erst ein Doppel für Deutschland bestritten. Seidel gab 2025 ihren Einstand beim wichtigsten Team-Wettbewerb im Damentennis. Im Vorfeld war klar: Eine wirkliche Vertrautheit mit den Eigenheiten des Billie Jean King Cups hatte diese Mannschaft nicht, aber dennoch ging man davon aus, dass die spielerische Klasse reichen müsste.
Das Doppel als Schwachpunkt
Vor allem im Doppel offenbarten die deutschen Damen dann aber zu große Schwächen: Alle drei zu spielenden Doppel gingen verloren. Gegen Portugal, gegen Schweden und schließlich auch im Abstiegskrimi gegen Litauen. In allen drei Fällen stand es 1:1 nach den Einzeln und das Doppel entschied über Sieg oder Niederlage. Im Falle von Litauen sogar über Abstieg oder Klassenerhalt.
Weil die Doppel in den Regionalzonen des Billie Jean King Cups auch noch mit „Deciding Point“ bei Einstand und Match-Tiebreak als dritten Satz entschieden werden, ist es ein hartes und eher ungewöhnliches Finish. Doppel wird auf der Tour nebenbei gespielt, in diesem Team-Format aber rückt es komplett in den Fokus.
Big upset to close the week here in Oeiras as Germany gets relegated to the Billie Jean King Cup Group 2 after losing against Lithuania.
Lukosiute/Mikulskyte win in the match tie-break of the decisive doubles against Noha Akugue/Schunk under a windstorm. pic.twitter.com/sHfceh7hVu
— Gaspar Ribeiro Lança (@gasparlanca) April 11, 2026
Darauf waren die deutschen Damen nicht eingestellt. Die zweimalige Grand Slam-Siegerin im Doppel, Claudia Kohde-Kilsch, äußerte sich via Facebook entsetzt über die Doppelqualitäten der deutschen Spielerinnen. „Es tut mir richtig weh, das zu sehen. (…) Keine der jungen deutschen Mädels hat auch nur einen blassen Schimmer, wie man ein wenigstens einigermaßen gutes und taktisch solides Doppel spielt. Man hat das Gefühl, sie sind irgendwie verloren auf dem Platz und wissen überhaupt nicht, was sie machen sollen“, schrieb Kohde-Kilsch.
Kein deutsches Damen-Doppel in Sicht
„Der grundsätzlichen Kritik kann ich nicht zustimmen. Unsere Mädels können schon Doppel spielen. Eva Bennemann und Sonja Zhenikhova gewannen 2025 das Juniorinnen-Doppel in Roland Garros. Was uns aber in Portugal sicherlich geholfen hätte, wäre ein eingespieltes Doppel oder eine erfahrene Doppelspezialistin gewesen“, kontert nun Jasmin Wöhr, die selbst vier WTA-Titel im Doppel während ihrer Profikarriere geholt hatte. Portugal und Schweden verfügen über ein eingespieltes Doppel und schlugen die deutschen Formationen jeweils glatt in zwei Sätzen.
Aktuell ist kein eingespieltes deutsches Damen-Doppel auf der WTA-Tour unterwegs. Ein weibliches Pendant zu den Herren-Duos Tim Pütz/Kevin Krawietz oder Jakob Schnaitter/Mark Wallner existiert nicht. Und es ist mehr als fraglich, ob es das in Zukunft geben wird. Der Fokus liegt einfach zu stark auf dem Einzel. Es bleibt dann nur die Hoffnung, dass eine routinierte Doppelspezialistin wie Laura Siegemund 2027 noch einmal in den Ring steigt und mit einer Nachwuchsspielerin die wichtigen Punkte im Doppel holt.
Wiederaufstieg 2027 nicht selbstverständlich
Denn auch in der Euro/Afrika-Zone II ist ein Wiederaufstieg alles andere als selbstverständlich. Diese Lehre musste der DTB nach den Geschehnissen in Oeiras schmerzhaft ziehen. „Bei diesem Modus kann alles passieren, es gibt kein einfaches Match“, lautet das Fazit von Jasmin Wöhr nach der entscheidenden Niederlage im Abstiegsduell gegen Litauen.

Viel Druck auf ihren Schultern: Ella Seidel gewann beim Billie Jean King Cup in Oeiras zwei von vier Einzeln.Bild: IMAGO
Speziell in dieser Partie war den deutschen Damen der Druck klar anzumerken. Hinzukamen schwere Bedingungen durch heftigen Wind und Gegnerinnen, die nach drei 0:3-Niederlagen in der Gruppenphase nichts mehr zu verlieren hatten.
Heißt: Die Litauerinnen konnten befreit aufspielen, während man insbesondere bei Ella Seidel im zweiten Einzel deutlich sehen konnte, wie sehr ihr der aufkommende Druck zusetzte. Jeder, der sie schon einmal hatte spielen sehen, erkannte Seidel ab Mitte des zweiten Satzes gegen Litauens Nummer eins, Justina Mikulskyte (WTA# 255), nicht wieder.
Tiefpunkt im Billie Jean King Cup
Dass dann auch noch das deutsche Doppel Noha-Akugue/Schunk mit 8:10 im Match-Tiebreak verlor und der Abstieg besiegelt war, machte die Billie Jean King Cup-Woche zu einem historischen Tiefpunkt des deutschen Damentennis. In dem nervenaufreibenden „Alles-oder-Nichts-Doppel“ ging es am Ende nur noch darum, wer es schafft, den Ball einmal mehr in die gegnerische Hälfte zu spielen.
Nun aber nur allein den in Portugal aufgebotenen deutschen Spielerinnen und den Team-Verantwortlichen die Verantwortung dafür zu übergeben, dass aus einem Neuanfang ein Fiasko wurde, greift zu kurz. Streng genommen ist der Niedergang des deutschen Billie Jean King Cup-Team ein schleichender Prozess.
Zur Erinnerung: Nach dem Sieg im April 2024 in Brasilien (mit Siegemund und Maria) verloren die deutschen Tennis-Damen sieben Begegnungen in Folge – unter anderem im November 2025 vor heimischer Kulisse gegen Belgien und die Türkei. Erst der Sieg gegen Dänemark in Oeiras beendete diese Negativserie, bewahrte das deutsche Team aber letztlich nicht vor dem Absturz in die dritte Liga.
„Junge hätten früher eingebaut werden müssen“
Für Laura Siegemund ist dies auch eine Folge von falschen Entscheidungen in der Vergangenheit. „Ich habe immer gesagt, dass ich es gut fände, wenn die Jungen schon früher eingebaut werden. Ich glaube, man hat sich sehr darauf verlassen, dass wir Älteren, die schon weit über 30 sind, am Start waren, die Punkte geholt und den Team-Vibe gebildet haben“, erklärte Siegemund beim Stuttgarter Porsche Tennis Grand Prix gegenüber Eurosport.
Und weiter: „Man hätte die Jungen früher heranführen können. Jetzt war es für sie komplett neu, und sicher ist nicht zuletzt auch deswegen so ein Ergebnis dabei herausgekommen.“
Wer nun in einem Jahr für Deutschland in der Euro/Afrika-Zone II antreten wird, ist natürlich noch offen. Der Modus allerdings wird derselbe wie jüngst in Oeiras sein: erst Gruppenspiele, dann Relegationspartien jeweils mit zwei Einzeln und einem Doppel. Gegnerische Nationen sind: Norwegen, Georgien, Dänemark, Südafrika, Marokko, Finnland, Zypern und Bosnien und Herzegowina.
Auf den Nachbarn Österreich wird Deutschland nicht treffen. Österreichs Tennisdamen sind jüngst in die Euro/Afrika-Zone III abgestiegen, der untersten Liga im Billie Jean King Cup. Es geht also noch schlimmer.
