Hawkeye Tennis

Diskussionen in Rom: Kommt das Hawk-Eye auf Sand?

Im Hintergrund wird schon länger über die Absetzung von Linienrichtern auf ATP und WTA-Turnieren diskutiert. Nach einer wohl krassen Fehlentscheidung beim Masters-1000-Turnier in Rom haben verschiedene Spieler derweil ein Hawkeye auch für Sandplätze eingefordert. 

In Zeiten der Digitalisierung gibt es zahlreiche unkomplizierte Wege, seiner Meinung Gehör zu verschaffen. Mit der nötigen Reichweite kann diese in die ganze Welt hinausgetragen werden – in kürzester Zeit. Marton Fucsovics wusste am Sonntag nicht wohin mit seinem Unmut und tat eben dies.

Der Ungar sorgte für eine der kuriosesten Aktionen des Tennisjahres, als er unmittelbar nach Spielende vor Verlassen des Platzes beim Masters-1000-Turnier in Rom einen Ballabdruck an der T-Line mit seinem Smartphone abfotografierte. Das Foto, das er wenig später auf Instagram mit seinen Followern teilte, zeigt einen Ballabdruck, der klar im Aus ist. Schiedsrichter Gianluca Moscarella hatte einen Aufschlag des Gegners Nikoloz Basilashvili trotz Ausrufs korrigiert. Der erfahrene Unparteiische stand auch nach der Kontrolle zu seinem „Overruling“. Das Problem: Basilasvili hatte Matchball, Fucsovic verlor – und verstand die Welt nicht mehr.

Kurz nach Veröffentlichung der Szene und des Fotos von Fucsovic selbst, trat Profikollege Denis Shapovalov auf Twitter eine Diskussion los, indem er bezugnehmend auf die Szene schrieb: „Das ist brutal. Wir brauchen das Hawk-Eye auf Sand. Was meint Ihr Leute?“ Es folgten hunderte von Kommentare und eine kontrovers geführte Debatte, in die sich auch Andrey Rublev einschaltete.

Eine Debatte, die den Verantwortlichen von ITF, ATP und WTA nicht neu ist. Die Weiterentwicklung des Computersystems, das auf Rasen und Hartplatz seit 2006 auf Profiturnieren erfolgreich Anwendung findet, steht weit oben auf der Agenda. Allerdings bisher nur auf diesen beiden Belägen. Bei den French Open Ende Mai in Paris und in Wimbledon Anfang Juli wird über eine generelle Einführung des Hawk-Eye-Systems gesprochen. Die Aus-Entscheidungen würde dann durchweg das Computer-Auge übernehmen, das bislang nur bei den Challenges eingesetzt wird. Es wäre das Aus für die Linienrichter.

„Es steht auf der Agenda ganz oben, ist ein heißes Thema“, sagte der deutsche Schiedsrichter Nico Helwerth, der mit dem aktuellen Stand vertraut ist, unlängst der Sport Bild. Gegen eine Einführung spreche laut Helwerth nicht viel: „Vielleicht, dass es weniger emotional wird. Man muss ja mit niemandem mehr diskutieren, wenn die Fehlerquote bei null Prozent liegt.“

Hawkeye: Unebenheiten auf Sand ein Problem

Und das war bisher das große Problem auf Sand. Das System dort ist fehleranfällig, da sich der Untergrund permanent verändert, wenn die Spielerinnen und Spieler über den Sand wälzen. Für die Kalibrierung eines Platzes wird der Court millimetergenau vermessen. Bei einem Hardcourt muss das lediglich einmal vor Turnierstart durchgeführt werden. Der Untergrund bleibt gleich. Auf Rasen, so bekannte Peter Irwin (Direktor des Hawk-Eyes) bereits 2016, müsse die Kalibrierung häufiger durchgeführt werden. Die Arbeit auf Sand wäre aber ungleich höher.

„Wir vermessen den Platz und auf Sand und beziehen damit alle Unebenheiten ein, die sich ständig verändern. Wenn wir das Hawk-Eye offiziell nutzen würden, müssten wir es ständig neu einstellen“, sagte Irwin der New York Times. Die Folge: Verzögerungen im Ablaufplan eines Turniers. So müssten laut dem Experten 30 Minuten nach jedem Match eingeplant werden, um eine Neuausrichtung zu gewährleisten.

Hawkeye: Das Problem mit dem Ballabdruck

Neben den Kosten, eine Installierung pro Platz beanschlagt rund 40.000 Dollar, kommt auf Sand noch die Problematik Ballabdruck erschwerend hinzu. Ein einzelner Abdruck, auf den Spieler und Schiedsrichter auf Sand ihre Meinung stützen, erzählt nicht immer die komplette Story. Der Abdruck wird nicht nur vom Ball beeinflusst – sondern auch von den Platzbedingungen. Gayle David Bradshaw, Vizepräsident im Regelkomitee der ATP, sagte der Times 2016: „Wenn es trocken und windig ist und der Sand wegweht auf der Oberfläche, entsteht ein kleinerer Abdruck als der, den der Ball eigentlich hinterlassen hat.“ Und Experten gehen davon aus, dass das Hawk-Eye bis auf wenige Millimeter genau agiert – bei einer konstanten Neuausrichtung auch auf Sand. Das könnte zu kontroversen Diskussionen auf dem Platz führen, wenn Abdruck und Hawk-Eye nicht übereinstimmen.

Eine Einführung auf Sand ist weder von den Verbänden noch von den Organisatoren der French Open bisher ernsthaft in Betracht gezogen worden. Wenn mehr Spieler wie Fucsovics und Shapovalov in den kommenden Tagen dazu Partei ergreifen, könnte sich der Diskurs womöglich ändern. Zunächst steht aber die Entscheidung über die konstante Einführung des Hawk-Eyes auf Hardcourt und Rasen an. Es wäre das Aus für die Linienrichter und damit eine einschneidende Veränderung im Welttennis