Fed Cup – Lettland

Fed Cup: Lettlands historische Chance gegen Deutschland

Für das lettische Fed Cup-Team bietet sich in der Relegationspartie gegen Deutschland eine riesengroße Chance. Vergleicht man die beiden Nationen steht das Duell unter dem Motto: David gegen Goliath.

Von Florian David Maaß aus Riga

Sollte jemand am Sinn des Fed Cups zweifeln, sollte er am Freitag und Samstag nach Lettland reisen. Für das kleine Tennis-Land Lettland ist das Relegationsspiel gegen Deutschland das bisher größte Tennis-Event im Lande und die Vorfreude trotz Ausfall der derzeit besten Spielerin Anastasija Sevastova groß. Denn der Mannschaftswettbewerb bietet die erste Chance, überhaupt Weltklasse-Tennis in dem kleinen Ostsee-Staat zu sehen.

„Vor dem Fed Cup im Februar gegen die Slowakei habe ich zuletzt mit 12 vor heimischem Publikum gespielt“ meint Jelena Ostapenko und ist „sehr glücklich und es ist eine große Ehre“ ein derartiges Event im heimischen Riga zu haben. Täglich gibt es Vorberichte in den Hauptnachrichten, zu den Spielen hat sich viel lettische Polit- und Showprominenz angemeldet.

Für Ostapenko kommt das Großevent zur genau richtigen Zeit. Im Fed Cup fühlt sie sich sichtlich wohl. Der 4:0-Sieg gegen die Slowakei im Februar war bisher das Beste in einer ansonsten verschenkten Saison, die Einzelbilanz steht bei 4:8. Zu kleinen Verletzungen kamen Selbstzweifel, sie kam ins Grübeln und verlor die freche Selbstverständlichkeit, die sie für ihr schnörkellos offensives Spiel braucht. An guten Tagen drischt sie jede Gegnerin aus der Halle, an schlechten beschäftigt sie die Balljungen mehr als die Gegnerin.

Gerlach: „Sie liebt das große Publikum”

Zudem kennen die Gegnerinnen diese Spielweise inzwischen und sind besser darauf eingestellt. In der Weltrangliste fiel sie vom 5. auf den 29. Platz zurück. Kein Grund zur Beruhigung, meint Jens Gerlach. „Sie liebt das große Publikum und gerade nach dem bisher schweren Jahr ist sie besonders gefährlich“ meint der deutsche Fed-Cup-Kapitän, wie ein angeschlagenes Raubtier.

Darauf hofft sein lettisches Pendant Adrians Žguns, denn „Ostapenko spielt mit Zusatz-Motivation, da die Saison bisher nicht lief. Es könnte der Wendepunkt für sie sein. Es passiert viel in ihrem Leben, sie ist eine junge Frau. Jetzt kommt sie wieder zur Ruhe und konzentriert sich auf Tennis. Sie ist körperlich fit und macht einen viel besseren Eindruck als im Februar. Und im Gegensatz zum Spiel gegen die Slowakei sind nicht wir die Favoriten, sie kann also befreit aufspielen.“

„Der Jahresanfang war sehr schwer für mich, doch jetzt arbeite ich noch härter, um wieder zu meiner Form zurückzufinden“ meinte sie bei der Auslosung am Donnerstag.

Ostapenkos erbarmungslose Spielweise

Ihre Spielweise hat sie jedenfalls auch in der Krise nicht gewandelt. Beim Training am Mittwoch prügelte sie jeden Ball ihrer Trainingspartnerin Diāna Marcinkēviča (26, WTA 252.), die nun als Nummer zwei spielt, mit Urgewalt zurück, egal, wie unmöglich der Winkel schien. Zu längeren Ballwechseln kam es nicht. Ostapenko wirkte dabei ruhiger, fluchte kaum noch. Dass sie wieder von ihrer Mutter Jelena Jakovleva trainiert wird, tut ihr sichtlich gut. Die mangelnde Selbstsicherheit merkte man beim Training am Mittwochnachmittag höchstens noch bei der Streuung ihrer Aufschläge an.

„Gut, dass Aljona anfängt, das nimmt etwas Druck von Diana“, meinte der lettische Kapitän bei der Auslosung am Donnerstag. Für Diana ist es nach „das wichtigste Spiel meines Lebens“ in ihrer bereits zehnten Fed Cup-Saison.

Die geplante Reform des Wettbewerbs begrüßt der lettische Kapitän. „Kleine Länder wie wir haben bessere Chancen bei einem Finalturnier mit zwölf oder 16 Mannschaften, ich fände es gut!“. An einem guten Tag und mit den beiden Topspielerinnen in guter Verfassung kann Lettland auch gegen die Top-Teams bestehen. „Das ist unser ein gemeinsames Projekt von Anastasia, Aljona und mir: Den Fed Cup zu gewinnen! Und ich wüsste nicht, warum wir es nicht schaffen sollten“, meint Generalsekretär Lejnieks.

Fed Cup: Ausfall von Sevastova schmälern Chancen

An diesem Wochenende gegen Deutschland stehen die Chancen ohne Sevastova schlechter. Vieles hängt von Ostapenkos Vorhandhammer ab. „Dass Kerber nicht spielt, ist natürlich eine gute Nachricht für uns, unsere Chancen steigen dadurch“, bekennt der lettische Kapitän ehrlich.

Für den klammen lettischen Verband geht es aber auch ums Geld. Kārlis Lejnieks, der Generalsekretär des lettischen Verbandes, guckt mit Sorge in den strahlendblauen Himmel über der Arena. Die Absage der beiden Topspielerinnen Kerber und Sevstova ist schon ein Dämpfer für den Kartenverkauf, jetzt droht noch schönstes Frühlingswetter die Rigenser aus der Stadt zu locken. Und die verbringen die Ostertage traditionell gerne auf dem Land. Das Spiel in der 10.000-Plätze-Arena Riga ist auch eine Nagelprobe.

Tennis-Boom dank Ostapenko

Nationalsport ist Eishockey (die Arena wurde für die Eishockey-WM 2006 gebaut), dann kommt Basketball, gefolgt von Fußball. Auch bei den Einzelsportlern ist die Konkurrenz für die Tennis-Stars groß. Der bekannteste Sportler ist Basketballer Kristaps Porzingis, Nowitzki-Nachfolger bei den Dallas Mavericks. Und die weniger als zwei Millionen Letten stellen noch Welt- und Europameister oder Olympiasieger im Beach-Volleyball, Skeleton, BMX-Rennen oder der Leichtathletik. „Aber ich wüsste nicht, in welchem anderen Sport wir drei Spieler haben, die Top-Ten-Potential haben wie Ernest Gulbis, Sevastova und Ostapenko“ meint Lejnieks.

Jelena Ostapenko

Jelena Ostapenko ist ein gefeierter Star in Lettland.

Als Ostapenko 2017 überraschend die French Open gewann, bereiteten ihr Hunderte begeisterte Fans nachts einen begeisterten Empfang am Flughafen.

Auch dank dieses Erfolges boomt Tennis gerade in Lettland, wenn auch in noch bescheidenem Rahmen. So kommen zu bislang 17 Tennisanlagen in und um die Hauptstadt 2019 fünf weitere hinzu, darunter drei Hallen. In Sevastovas Heimatstadt Liepaja eröffnete gerade die erste Tennishalle. Doch um regelmäßig zu trainieren, brauchen junge Talente reiche Eltern oder private Sponsoren. Eine Platzstunde mit Coach kostet etwa 50 Euro, der Durchschnittsverdienst liegt bei monatlich 743 Euro netto.

Fed Cup: Die große wirtschaftliche Chance für Lettland

Die Mittel des Verbandes reichen gerade mal, um sechs bis acht Spieler zu unterstützen. Leider musste Lejnieks feststellen, dass „Lettland für große internationale Sponsoren ein zu kleiner Markt ist“.Der Fed Cup ist also die beste Chance, dringend benötigte Einnahmen zu bekommen, um etwa den Nachwuchs besser zu fördern. Zu zwei Dritteln sollte sie dafür mindestens schon gefüllt sein, sonst müsste der Verband sogar noch draufzahlen.

„David gegen Goliath trifft den Nagel auf den Punkt“ meint Lejnieks mit Blick auf die beiden Verbände. Es gibt rund in Lettland 2500 Aktive in allen Altersklassen und etwa weitere 10.000 reine Freizeitspieler, der DTB hat doppelt so viele Mitgliedsvereine ist mit 1,4 Mio. Mitgliedern der weltgrößte Tennis-Verband.

„Im Vergleich zu Deutschland fehlt es uns auf allen Ebenen, vor allem an Plätzen und guten Trainern“, meint der Fed Cup-Kapitän Žguns. Die größte lettische Nachwuchshoffnung, die 16-jährige Kamilla Bartone, Nr. 17 im Junioren-Ranking der ITF und eine der 22 Teilnehmer des Junior Orange Bowl-Talentförder-Programms der ITF, trainiert seit zwei Jahren in der Mannapov Tennis Academy in Waltrop (Nordrhein-Westfalen). „In Lettland mussten mein Vater und ich uns um alles selber kümmern, jeden Tag einen Court buchen, usw.- als ich dann keinen noch guten Coach mehr fand meinte mein Vater: „Du verlierst dein gutes Tennis!“ da wusste ich, ich muss es woanders versuchen.“ Über Sevastovas Trainer Ronny Schmidt ergab sich der Kontakt in den Ruhrpott. Tennis spielen lernte sie bei Jeļena Jakovļeva, Ostapenkos Mutter, „das war klasse, sie ist eine der beiden guten Coaches in Lettland“.

Ostapenko als Motivation für die Jugend

Als die Karriere der eigenen Tochter Fahrt aufnahm, hatte die nicht mehr genug Zeit. Weitere organisatorische und finanzielle Entlastung könnte ein Verbandswechsel bringen, es gibt schon Kontakte zum DTB. „Ganz ehrlich: Der lettische Verband hat bisher nichts für mich getan und ich lebe in Deutschland, daher könnte mir auch vorstellen, in ein paar Jahren für das deutsche Fed Cup-Team zu spielen.“ Für das lettische Tennis wäre es ein Verlust, „sie ist extrem spielintelligent“ meint Kārlis Lejnieks. Am Wochenende drückt sie besonders der Jugendfreundin die Daumen. „Wir kennen uns seit ich 5 und sie 10 Jahre alt war. Sie war schon immer so wie jetzt“.

Für sie war der French Open-Sieg der Freundin zusätzliche Motivation. „Sie hat bewiesen, dass man mit harter Arbeit auch als Spielerin aus einem kleinen Land einen Grand Slam gewinnen kann. Das ist natürlich auch mein Ziel“. Andererseits ist sie aber Görges-Fan „sie hat einen klasse Aufschlag, spielt aggressiv- und sieht noch gut aus dabei“.  Den Einstand bei den Senioren feiert sie aber wieder in der alten Heimat, beim WTA-Turnier im Juli, das die Veranstalter von Moskau in den Badeort Jurmala nahe Riga verlegen. Dann trifft sie auch auf die alte Tennis-Freundin. Ostapenko hat ebenso ihre Teilnahme angekündigt wie Sevastova.

Das schwierige Verhältnis zwischen Letten und Russen

Jelena Ostapenko wohnt auch weiterhin in Riga. Längst ist sie auch neben dem Tenniscourt zu einer Persönlichkeit gereift. Und gibt ein ganz nebenbei ein gutes Beispiel für das Zusammenleben der Russischstämmigen und Letten. Ihre Eltern stammen aus Russland, wie fast die Hälfte der Rigenser. Nicht immer ist das Verhältnis zu den Letten spannungsfrei. Viele Russischstämmige sprechen ganz selbstverständlich nur Russisch im Alltag, obwohl Lettisch die einzige Staatssprache ist, viele sind sogar lieber Staatenlose als einen Einbürgerungstest inklusive Lettisch-Prüfung zu machen. Andererseits sehen nicht wenige Letten die überwiegend zur Sowjetzeit gekommenen Russischsprachigen noch immer als Besatzer.

Während Tausende Russischstämmige alljährlich die Befreiung von Nazi-Deutschland durch die Rote Armee feiern, sehen es die meisten Letten als Beginn einer leidvollen Besatzung. Ostapenko spricht bei öffentlichen Auftritten nur Lettisch und postete zum 100. Jahrestag der ersten Unabhängigkeit letztes Jahr ein Selfie vor dem Freiheitsdenkmal, in eine lettische Flagge gehüllt. Gleichzeitig ist sie auch für russischsprachige Jugendliche ein Vorbild. Der Lohn könnte eine frenetische Stimmung am Freitag und Samstag in der Arena Riga sein. Es gibt noch Tickets in allen Kategorien (ab 7 Euro).