Novak Djokovic, Roger Federer

Federer vs. Djokovic: Der Desaster-Schwindel

Die  Niederlage von Roger Federer im Wimbledon-Finale ist die wohl schmerzhafteste seiner Karriere. Dabei wirft das Ergebnis ein trügerisches Licht auf eine sportliche Gigantenleistung des Schweizers.

„If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same“

„Wenn Du Sieg und Niederlage verkraftest – und beide Schwindler gleich betrachtest.“, so könnte man den berühmten Auszug aus Rudyard Kiplings Gedicht „if“ übersetzen. Am Ende seiner Aufzählung, räsoniert der Autor: „Then, You´ll be a Man, my son.“

Wenn Zahlen lügen

Erwachsen ist folglich, wer weder nach großen Erfolgen die Bodenhaftung verliert, noch nach herben Schlappen am Boden zerstört ist. Das gilt besonders für Spitzensportler. Wieder aufstehen. Niemals abheben. Immer weiterarbeiten. Nach vorne schauen.

Kein Wunder, dass Kiplings Spruch den Chorgang zur Kathedrale des Welttennis, des legendären Centre Courts von Wimbledon schmückt. Roger Federer und Novak Djokovic haben ihn in ihrer langen Karriere sicher 100 Mal gesehen – und längst verinnerlicht. Beide sind große Champions, Legenden ihres Sports. Beide haben süße Siege und brutale Niederlagen erlebt, wie sonst wohl nur noch Rafael Nadal, der dritte im Bunde der Ausnahmekönner, welchen Federer schon am letzten Freitag vorzeitig nach Hause schickte. Djokovic besitzt seit gestern Abend 5, Federer seit 2017 acht goldene Ananas-Pokale. Zusammen mit Nadal verfügen die „Big Three“ nun über 54 Grand Slam Titel. Die astronomischen Zahlen dreier Ausnahmeathleten.

Über die Frage, wer von ihnen der „Größte aller Zeiten“ ist, streitet die Sportwelt seit über zehn Jahren. In Zahlen sprach gestern alles für das Genie aus der Schweiz, den Tennis-Dino Federer, der mit fast 38 Jahren noch immer schwerelos über den Platz jagt. Alles bis auf das Ergebnis. 7:6, 1:6, 7:6, 4:6, 13:12 hieß es am Ende. Für Novak Djokovic, der in fast allen Belangen abgesehen vom Ergebnis der unterlegene Spieler war.

Federer und sein trauriger Rekord

Ausgerechnet Federer, dem schon nach dem verlorenen Wimbledon-Finale 2008 gegen Nadal mitgeteilt wurde, dass er nie wieder einen Grand Slam holen würde, trennten an diesem Abend des 14. Julis 2019 nur Zentimeter von seinem neunten Triumph. Zwei Matchbälle bei eigenem Service vergab er im fünften Satz. Er, dessen Aufschlag einer der weltbesten ist. Der insgesamt 14 Punkte mehr machte als der Serbe, der besser servierte und returnierte, der seine Breakchancen besser nutzte, mehr gelaufen war und sage und schreibe 40 Winner mehr als Djokovic geschlagen hatte. Federer schreibt mittlerweile sogar Geschichte, wenn er verliert. Er war nämlich der erste Spieler seit 1948, der in einem Wimbledon-Finale Matchbälle vergab, um anschließend als zweiter Sieger nach Hause zu fahren. Es war allerdings bereits das dritte Grand Slam-Match gegen Djokovic, das er nach Matchbällen noch aus der Hand gab. Und es schien, als sollte sich dies auf fatale Weise rächen. Es schien, als hätten beide das nie ganz vergessen.

Das Erstaunlichste am Wimbledon-Finale der Herren aber war die konditionelle Leistung beider Athleten. Während der Schweizer und der Serbe sich 4 Stunden und 57 Minuten im längsten Wimbledon-Finale der Historie bekämpften, wie zwei Gladiatoren im Londoner Pantheon, war die Spannung und Dramatik nicht mehr zu überbieten. Wer aber hätte das erwartet?

Im Falle von Djokovic mag keinen dies verwundern. Er ist „erst“ 32 Jahre alt und dominiert nach seiner Formkrise seit einem Jahr wieder die Tenniswelt. Seine Fitness ist sein Kapital, seine Defensivqualitäten sind berüchtigt, seine Laufleistung von jeher beeindruckend. Seine Grundlinienschläge sind fehlerfrei, seine beidhändige Rückhand eine brandgefährliche Waffe und er ist an der Grundlinie kaum zu bezwingen. Vom gestrigen Tage einmal abgesehen. Federer war hautnah dran am neunten Triumph an der Church Road.

Tennisgott hat kein Erbarmen mit Federer

Dem Schweizer schaut man inzwischen nur noch fassungslos zu. Er ist der zweitälteste Spieler unter den Top 100. Und wohl nur er selbst weiß, wozu sein Körper noch im Stande ist. Die gesamte Sportwelt verneigt sich seit fast zwei Jahrzehnten fassungslos vor seiner Kunst und er kann sich nicht den leisesten Vorwurf machen, dass er gestern am Ende glücklos agiert hat. Er hatte die Nummer eins der Welt am Rande der Niederlage und wäre er nach seinem ersten Aufschlag beim Stande von 8:7 und 40:30 im fünften Satz direkt ans Netz gelaufen, dann wäre aus der bittersten Niederlage seiner Karriere sein wohl allergrößter Triumph geworden.

Doch der Tennisgott hatte weder ein Erbarmen mit Federer, noch mit der überwältigenden Mehrheit der 15.000 Zuschauer, noch mit den zig Millionen „Fedheads“ weltweit. Es war einmal mehr unübersehbar, dass Djokovic so ziemlich alles gewinnen kann – außer die Herzen der Fans. Er selbst gab im Interview nach dem Spiel zu, sich absichtlich eingebildet zu haben, dass das Publikum fortwährend seinen Namen skandiert habe und ihm dieser Trick geholfen habe.

Es scheint ohnehin, als würde der kampfeslustige Serbe angestachelt von dem Missfallen, das ihm in vielen Stadien der Welt entgegenschlägt. Fast immer, wenn er mal Gefahr läuft, ein Spiel zu verlieren, ist er in der Lage, sein mutigstes Tennis zu spielen. Regelmäßig und voller Inbrunst legt er sich mit dem Publikum an, um sich selbst zu pushen. Bei Federer hingegen ist es von jeher die schiere Qualität seines Spiels, sein Variantenreichtum, seine Kreativität und Leichtigkeit, das einzigartige Ballgefühl, die unglaublichen Volleys und sein Spielverständnis, die seinen Erfolg ausmachen.

Federer wird diesen Moment niemals vergessen

Djokovic hingegen kommt über Kampf, Athletik und eine bärenstarke Psyche. Wenn Federers Spiel im Finale also überhaupt eine Schwachstelle aufzuweisen hatte, dann wohl nur die, dass er bei seinen zwei Matchbällen eine Nuance zu zögerlich agierte. Als habe er durch die zahlreichen Niederlagen gegen Djokovic das Vertrauen in die eigene Ausnahmestellung verloren. Als seien die Narben seiner beiden Matchball-Niederlagen bei den US Open 2010 und 2011 genau in jenem Moment wieder aufgebrochen, als er im fünften Satz beim Stand von 8:7 und 40:15 nur noch ein Ass vom 9. Wimbledonsieg entfernt war.

Man muss kein Sportpsychologe sein, um zu wissen, dass Federer diesen Moment niemals vergessen wird. Es wirkt fast zynisch, dass ihm die härteste Prüfung seiner Tenniskarriere in den nächsten Wochen, im Alter von fast 38 Jahren, bevorsteht: Die Verarbeitung einer Niederlage, die ihm so niemals hätte passieren dürfen. Darauf angesprochen sagte er gestern: „Ich bin sehr stark darin, vorwärts zu schauen, weil ich nicht wegen eines unglaublichen Tennismatches depressiv sein möchte. Ich werde schon bald das Positive aus dem Match ziehen. Davon gibt es Tonnen.“ Das klingt nicht nach Karriereende. Das klingt, als habe er Kiplings Worte wirklich verinnerlicht. Klingt, als traue er dem Schwindel dieses Desasters nicht. Klingt, als sei auch in Zukunft mit ihm zu rechnen. Welch ein großer Champion. Welch ein Segen für das Tennis.

Text: Lucas von Bothmer

Der Autor ist Chefredakteur der Zeitschrift „Jäger“, die wie tennis MAGAZIN im Jahr Top Special Verlag erscheint. In seiner Freizeit spielt er leidenschaftlich gerne Tennis und ist glühender Federer-Fan.


  1. Roland Kreuscher

    Sehr schöner Artikel, Herr von Bothmer,

    zumindest für „Fedheads“ wie mich. Danke.

    Ihre Einblicke in die Schlagstatistik nehme ich als Bestätigung für mein Resumee:

    Federer hat weitaus die meisten Punkte gemacht. Leider auch sehr viele für Djokovic.
    So gesehen hat nicht Djokovic verdient gewonnen, sondern Federer unverdient verloren.

    Ich hoffe sehr, dass Federer, gerne in Anlehnung an Kipling, noch lange dieser völlig einzigartige Segen bleibt; ja, klar auch für das Tennis.


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