Jennifer Capriati

Am Ziel: Jennifer Capriati feierte bei den Australian Open 2001 ihren ersten von drei Grand-Slam-Titeln.Bild: Imago/Claus Bergmann

Jennifer Capriati: Das größte Wunderkind der Tennisgeschichte wird 50

Jennifer Capriati galt als das größte Wunderkind der Tennisgeschichte. Nach vielen Triumphen als Teenagerin folgte der brutale Absturz und die wundersame Wiederauferstehung. tennis MAGAZIN blickt zu Capriatis 50. Geburtstag (29. März) auf ihre bewegte Karriere zurück.

Den vielleicht wichtigsten Schlag ihrer Karriere spielte Jennifer Capriati genauso kompromisslos, wie ihre Spielweise immer war. Im Sonnenschein in der Rod Laver Arena in Melbourne knallte Capriati den Aufschlag von Martina Hingis mit einem Rückhand-Winner die Linie entlang. Spiel, Satz, Sieg und Australian-Open-Titel für die 24-jährige US-Amerikanerin.

Es war der vorläufige Höhepunkt des vielleicht größten Comebacks der Tennisgeschichte. Capriati startete als ultimatives Wunderkind im Damentennis, brach früh zahlreiche Rekorde, um dann brutal abzustürzen. „Das Puzzle hat bei mir erst nach vielen Jahren gepasst. Nach Jahren, in denen Tennis nicht immer die Hauptrolle gespielt hat. Es war eine lange Suche nach mir selbst und der Spielerin, die große Siege feiern kann“, sagte Capriati nach ihrem Australian-Open-Sieg 2001 im Interview mit tennis MAGAZIN.

Jennifer Capriati: Erstes WTA-Finale mit 13 Jahren

Rückblende: 1985 gibt ein Tenniscamp folgende Beurteilung den Eltern der damals neunjährigen Capriati mit auf den Weg: „Sie hat Potential und sollte behutsam entwickelt werden. Betrachten sie ihre Tennis-Karriere nüchtern. Behalten sie den Spaß bei! Seien sie vorsichtig, dass sie ihren Fortschritt nicht zu schnell erzwingen.“

Jennifer Capriati

Jennifer Capriati mit Ex-US-Präsident Ronald Reagan und dessen Frau Nancy.Bild: Imago

Stefano Capriati ignorierte diese Einschätzung und formte seine Tochter zum neuen Wunderkind im Tennis. Bereits vor ihrem ersten Profimatch war sie mit Millionen-Dollar-Werbeverträgen ausgestattet. Capriati bekam den Namen „achtes Weltwunder“ verpasst, als sie mit 13 Jahren und elf Monaten bei ihrem ersten Profiturnier in Boca Raton unter riesigem Medienrummel ins Finale vorstieß und dort Gabriela Sabatini unterlag.

Keine Finalistin auf der WTA-Tour war jemals jünger als Capriati. „Ich habe gemerkt, dass es Spaß macht, wenn alles so ist“, sagte sie nach ihrem ersten Profiturnier. Chris Evert prophezeite damals: „Jennifer Capriati ist am Ende des Jahres unter den Top 10, und in zwei Jahren rüttelt sie an Steffi Grafs Thron.“

Rekorde und Olympiasieg

Im rasanten Tempo ging es weiter. Bei ihrem Grand-Slam-Debüt, den French Open 1990, erreichte sie mit 14 Jahren das Halbfinale. Die Teenagerin avancierte zur jüngsten Top-10-Spielerin, die es jemals gab. Es folgte der erste WTA-Titel in Puerto Rico – als drittjüngste Spielerin im Damentennis. Halbfinale in Wimbledon und bei den US Open mit 15 Jahren.

„Zu viel, zu früh“ hieß es immer wieder in Richtung ihres Vaters Stefano Capriati. Der gebürtige Italiener, der in Spanien als Stuntman arbeitete und sich in den USA neben seinem Job als Immobilienmakler zum Tennistrainer ausbildete, plante die Karriere seiner Tochter generalstabsmäßig.

„Wenn die Frucht reif ist, isst du sie“ und „Kinder brennen nicht aus, Eltern tun das“, waren so Sprüche von Stefano Capriati, die er seinen Kritikern entgegenschleuderte. Mit Eiscreme als Belohnung drillte er seine Tochter zu Höchstleistungen. Der Lebensstil als gefeiertes Wunderkind schien der jungen US-Amerikanerin zunächst zu gefallen. „Warum sollte ich meine Freunde beneiden? Sie sind es, die mich beneiden. Sie trinken eine Limo im Einkaufszentrum, ich sehe die ganze Welt“, sagte „Jenny Baby“, wie sie damals häufig genannt wurde.

Mit 16 Jahren folgte der vorläufige Höhepunkt in der Karriere von Jennifer Capriati: Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona mit einem Finalsieg gegen Steffi Graf. Allerdings: Beim Kampf um den ersten Grand-Slam-Titel und den Sprung nach ganz vorne in der Weltrangliste standen Spielerinnen wie Graf, Monica Seles, Gabriela Sabatini und Arantxa Sanchez Vicario ihr stets im Weg.

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Vorläufiger Höhepunkt: Jennifer Capriati gewann die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona im Finale gegen Steffi Graf.Bild: Imago

Jennifer Capriati: „Ich konnte nicht mehr das tun, was ich wollte”

Allmählich ging es nicht mehr im Eiltempo zu neuen Rekorden und Titeln, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Capriati begann, wie es viele Teenagerinnen in ihrem Alter machen, zu rebellieren. „Dieser wahnsinnige Trubel ist anfangs an mir vorbeigegangen. Erst mit den Olympiasieg in Barcelona merkte ich, dass so ziemlich die ganze Tenniszukunft in Amerika auf meinen Schultern abgeladen wurde. Ich konnte nicht mehr das tun, was ich wollte. Damit begannen die Selbstzweifel: Ist das eigentlich noch in Ordnung, was du hier tust? Bist du nur noch eine Marionette, die für andere funktioniert?“, sagte Capriati rückblickend gegenüber tennis MAGAZIN.

Es begannen die „dunklen Jahre von Jenny“, wie es damals ein US-Magazin formulierte. Sie zog von zuhause aus, veränderte ihren Look, aß immer mehr Junk-Food, konsumierte Drogen und verkündete mit 17 Jahren ihren Ruhestand als Tennisprofi. Hinter der Fassade des „Everybody’s Darling“ suchte sie ihr wahres Ich und kam mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt. Ende 1993 erwischte man sie beim Ladendiebstahl (sie ließ einen Ring mitgehen). Wenig später wurde sie wegen des Besitzes von Marihuana sogar inhaftiert.

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Tiefpunkt: Am 16. Mai 1994 wurde Jennifer Capriati verhaftet.Bild: Imago

Das Polizeifoto von Capriati ging um die Welt. Sie besuchte für eine Woche eine Reha-Klinik und dachte sogar über ihren Freitod nach. „Ich war nicht glücklich mit mir selbst, meinem Tennis, meinem Leben, meinen Eltern, meinen Trainern, meinen Freunden. Wenn ich in den Spiegel blickte, sah ich dieses verzerrte Bild. Ich war so hässlich und fett. Ich wollte mich einfach nur umbringen“, gestand sie.

Vom Wunderkind zu „Moppel-Jenny”

Ihre Karriere schien mit 18 Jahren bereits beendet. Das ehemalige Wunderkind wurde nur noch als „Moppel-Jenny“ verspottet. Immer häufiger traf man Capriati in Burgerbuden an. Doch die US-Amerikanerin befreite sich auch mithilfe ihrer Familie aus ihrem Tal der Tränen und griff noch mal als Profi an.

„Die Aufregung, die Werbeverträge, das Geld, das Ansehen, der Stolz. Da ist all das, und man lässt sich davon mitreißen und denkt gar nicht daran, was dem eigenen Kind entgeht und ob das wirklich das Beste für es ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie Tennis geliebt hat und immer noch liebt, aber später habe ich mir Vorwürfe gemacht, dass ich damals nicht verhindert habe, dass die Dinge so außer Kontrolle geraten sind. Ich habe zugelassen, dass das Ganze sie beherrscht hat“, sagte ihre Mutter Denise.

Jennifer Capriati

Familienmensch: Jennifer Capriati mit ihren Eltern Denise und Stefano sowie ihrem Bruder Steven nach ihrem Triumph in der Juniorenkonkurrenz bei den French Open 1989.Bild: Imago

„Damals gab es viele Stimmen, die gesagt haben: Es ist nicht gut, dass deine Familie ständig bei dir ist, dass dein Vater auch dein Trainer ist. Irgendwann habe ich das selbst geglaubt und gedacht, ich komme ohne ihn besser aus“, schilderte Capriati gegenüber tennis MAGAZIN. Trotz aller Rebellion und dem Wunsch nach einem anonymen Leben einer Heranwachsenden blieb die Familie die Konstante in ihrem Leben. Ihr Vater Stefano blieb stets an ihrer Seite.

„Niemand hat Jennifer je gezwungen zu spielen. Vielleicht bis sie sieben oder acht war, spielte sie, weil sie sah, dass das ihren Papa glücklich machte, aber danach, nein. Jennifer hat den Kopf einer Siegerin. Sie ist ein Star, und in ihrem Herzen liebt sie Tennis. Aber Tennis und Ruhm sind Arbeit. Es ist nicht wie im Märchen. Da draußen ist ein Dschungel, und ich habe immer gesagt, dass ich nicht sicher bin, ob Jennifer das mögen wird oder nicht. Falls Jennifer nie wieder einen Schläger in die Hand nimmt, mache ich ihr keinen Vorwurf daraus“, verteidigte sich Stefano Capriati gegenüber der Kritik an seiner Person.

Mit Geduld zum Grand-Slam-Titel und Nummer 1

Den Schläger legte sie erst mal zur Seite. In den Jahren 1994 und 1995 spielte sie kein Grand-Slam-Turnier. Doch die Lust am Tennis kam in der Folgezeit immer mehr zurück. Sie nahm wieder regelmäßig an Turnieren teil, gewann Matches, hin und wieder ein Turnier, doch der Traum vom Grand-Slam-Titel blieb zunächst in weiter Ferne. „Mir war klar, dass es lange Zeit braucht, um diese Wettkampfhärte für die großen Matches zurückzugewinnen. Und dann merkte ich, wie ich den Topspielerinnen immer dichter im Nacken saß, wie ich sie immer mehr in Schwierigkeiten brachte. Ein echtes Geduldsspiel“, sagte Capriati tennis MAGAZIN.

Jennifer Capriati

Bitte lächeln: Jennifer Capriati nach ihrem ersten Triumph bei den Australian Open 2001.Bild: Imago

Ihre Geduld zahlte sich aus. Sie gewann den Titel bei den Australian Open 2001. Aus dem ehemaligen Wunderkind entwickelte sich immer mehr eine gestandene Frau, die ihren eigenen Weg konsequent ging. „Es ist einfach dieses Selbstbewusstsein, dieser Glaube an sich, der alles verändert hat. Früher habe ich auf tausend Berater gehört, heute bin ich reif genug, um selbst über mein Leben zu bestimmen“, sagte sie nach ihrem ersten Grand-Slam-Titel.

Jennifer Capriati: „Ich bin der lebende Beweis, dass Licht am Ende des Tunnels ist”

2001 wurde ihr Jahr. Sie gewann auch den Titel bei den French Open in einem dramatischen Endspiel gegen Kim Clijsters. Im Herbst 2001 erklomm sie den Tennis-Thron – Nummer eins der Welt. Ihr Credo: „Ich bin der lebende Beweis, dass Licht am Ende des Tunnels ist, auch wenn du denkst, dass es am schlimmsten ist. Du kontrollierst alles. Glaub‘ einfach an dich. Du baust dich selbst auf oder ruinierst dich selbst.“

Bei den Australian Open 2002 gewann sie die Neuauflage des Vorjahresfinals gegen Martina Hingis – nach Abwehr von vier Matchbällen. Im Alter von 28 Jahren beendete sie wegen anhaltender Rückenprobleme ihre Karriere endgültig. 2012 folgte der Ritterschlag: Aufnahme in die Tennis Hall of Fame. „Ich war solch eine Frühstarterin, ein frühes Wunderkind, aber fühle mich eher als eine Spätzünderin“, fasste Capriati ihre Karriere zusammen.

Immer wieder Drama um Capriati

Turbulent blieb es weiterhin im Leben von Jennifer Capriati. Wenn sie in die Schlagzeilen geriet, dann meist negativ. Im Jahr 2010 kam sie mit Verdacht auf eine Drogen-Überdosis ins Krankenhaus. Zwei Jahre später gab es Stalking-Vorwürfe gegen sie. Da sie ihren Ex-Freund belästigt haben soll, musste sie sogar vor Gericht erscheinen. Während der US Open 2014 deutete sie ein Comeback an, um ihrem krebskranken Vater, der im April 2015 verstarb, einen Wunsch zu erfüllen. Doch ein Comeback blieb aus.

Jennifer Capriati

Jennifer Capriati bei den Australian Open 2026 mit Siegerin Elena Rybakina und Finalistin Aryna Sabalenka.Bild: Imago

Öffentliche Auftritte waren Capriati stets fremd. Bei Turnieren sah man sie nach ihrem Karriereende kaum. Anlässlich ihres 25-jährigen Titeljubiläums bei den Australian Open 2026 feierte sie dann eine umjubelte Rückkehr in die Tennisszene und übergab die Siegerinnentrophäe an Elena Rybakina. „Es war eine lange Reise“, sagte sie. Ja, das war es wirklich: Wunderkind, Absturz, Wiederauferstehung, Champion.

Jennifer Capriati und ihre Altersrekorde

Turnierpremiere: Boca Raton, Florida, 5. März 1990. 13 Jahre, 11 Monate- Fünf Siege, erst im Finale an Gabriela Sabatini gescheitert. Capriati musste zuvor als 13-Jährige eine Sondergenehmigung beantragen.
Jüngste WTA-Finalistin: 13 Jahre, 11 Monate in Boca Raton 1990
WTA-Titel: Puerto Rico 1990, 14 Jahre, 6 Monate und 29 Tage – drittjüngste der WTA-Geschichte
Top 10: 1990, die jüngste aller Zeiten mit 14 Jahren und 235 Tagen
French Open 1990: Jüngste Halbfinalistin der Grand-Slam-Geschichte mit 14 Jahren und 2 Monaten
Wimbledon 1990: Jüngste gesetzte Spielerin (Nummer 12) aller Zeiten. Jüngste Spielerin mit Hauptfeldsieg (14 Jahre, 89 Tage)
Fed Cup 1990: Jüngste Siegerin eines Einzels sowie des Titels mit den US-Team (14 Jahre, 4 Monate)
Wimbledon 1991: jüngste Halbfinalistin (15 Jahre, 95 Tage)