Christian Miele

Mission Zukunft: Tennis-Point-Chef Christian Miele im Porträt

An der Marke Tennis-Point kommt in der Branche niemand vorbei. Aber wer steckt eigentlich dahinter? tennis MAGAZIN hat den Gründer Christian Miele in seiner westfälischen Heimat besucht.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 1-2/2020

Herzebrock-Clarholz. Den Namen muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Den Ort gibt es wirklich! Er liegt im Kreis Gütersloh in Nordrhein-Westfalen. Gut möglich, dass der Bekanntheitsgrad der 16.000-Einwohner-Gemeinde weiter steigt, wenn sich die Heldengeschichte des Sportartikelunternehmens Tennis-Point so fulminant fortschreibt wie in den vergangenen 20 Jahren. Herzebrock-Clarholz ist der Firmensitz von Tennis-Point.

Man erreicht ihn, wenn man die A2 von Bielefeld südlich Richtung Kamener Kreuz fährt. Von der Autobahnausfahrt sind es nur noch ein paar Minuten bis in die Hans-Böckler-Straße, gelegen in einem Industrieviertel. Endstation Tennis-Point, Hausnummer 29 – 35. Ein riesiger, mehrstöckiger weißer Kasten mit dahinterliegendem Logistikzentrum. Drei überdimensionale Flaggen mit Firmennamen begrüßen den Besucher.

Christian Miele: „Unsere Website ist komplett zusammengebrochen”

Tennis-Point? Kennt jeder. Sie, liebe Leser, garantiert auch. Wenn man auf der Tonaufzeichnung vom Gespräch mit dem Erfinder, Gründer und Geschäftsführer, Christian Miele, vorspult, dann kommt die entscheidende Passage der Firmengeschichte. Wie Miele selbst zum Hörer greift, bei Eurosport anruft und sagt: „Wir wollen bei Ihnen Werbung machen. Was müssen wir tun?“ Der Rest ist Geschichte. Ein Grand Slam-Turnier ohne Tennis-Point-Spots – kaum vorstellbar. Es ist penetrierend, den ein oder anderen wird es nerven. Aber: Man kommt an der Werbung nicht vorbei. Miele sagt: „Wir wollten Traffic auf unsere Seite bringen.“ Das ist dem heute 44-Jährigen gelungen.

Vor dem allerersten Werbespot ist er so gespannt, dass er fünf Minuten vorher zuhause vor dem Fernseher sitzt und eine Flasche Sekt öffnet, bevor der Firmenname über den Bildschirm flimmert. Den Effekt ahnte er damals nicht. „Unsere Website ist komplett zusammengebrochen. Den Andrang haben die Server nicht mitgemacht“, sagt Miele.

Christian Miele: „Ideen entstehen bei uns an der Theke”

Man habe „eine Brand aufbauen“ wollen. Das Rezept laut Miele: augenzwinkernde, ironische Spots. Mal bereiteten sich Philipp Kohlschreiber und der damalige Davis Cup-Coach Patrik Kühnen im „Kohli & Patrik“-Spot auf eine Trainingseinheit vor. Mal fuhr Sabine Lisicki im „Alarm für Cobra 11“-Style durch brennende Autos und präsentierte ihre Rackets wie Waffen. 

Nach der Gute-Laune-Musik bei einem Clip, der auf Fuerteventura gedreht wurde, würden die Leute immer noch fragen, sagt Miele. Einmal kehrt er von einer Privatreise aus Las Vegas mit der Idee zurück, die Produkte in Form eines Einarmigen Banditen zu zeigen. Tenor: Kaufe Schläger, bekomme Tasche und Schuhe dazu.

„Ideen entstehen bei uns auch mal an der Theke. Spaß spielt eine große Rolle. Das ist ein Geheimnis unseres Erfolges“, sagt Miele. Wir sitzen inzwischen im vierten Stock des Firmengebäudes. Die Kulisse passt zum Zitat. In der Mitte des Raumes thront eine gigantische Filzkugel. Das Innenleben des Balles, der mit Originalfilz es US Open-Spielballs überzogen und aufwendig von einem Tischler gefertigt wurde, ist ein Konferenzraum. Der laut Miele „größte Tennisball der Welt“ dient außerdem als Schallschlucker und Raumtrenner. 

Münster ist die Wurzel von Tennis-Point

Ein Poolbillardtisch befindet sich ebenfalls auf der Etage, „auf der alles entschieden wird“ (Miele). Hinter den lässig drapierten  Queues prangen die Namen der Tennis-Point-Shops mit großen Buchstaben an den Wänden: Hannover, Essen, Frankfurt, Wien, Köln, Kassel, Graz, Zürich, Herzebrock, München, Hamburg, Münster. 

Münster ist die Wurzel von Tennis-Point. Hier begann alles. Als BWL-Student eröffnet Miele mit einem Freund sein erstes Geschäft. 40 Quadratmeter Ladenfläche, 500 Mark Miete. Miele fährt mit der Vespa in die Innenstadt, um Plakate aufzuhängen. „Sie haben uns belächelt“, erinnert sich der Tennis-Point-Erfinder. Er habe trotzdem Feuer gefangen.

Christian Miele

Verkäufer in eigener Sache: Miele glaubt an eine große Zukunft von Padel-Tennis in Deutschland.

Wenn Miele über seine Anfänge redet, dann ist das auch immer eine Reise in die eigene Vergangenheit. Eine behütete Kindheit. Mit vier Jahren schlägt er Bälle gegen die Wand. Mit sechs nehmen ihn die Eltern mit zum OTC Blau-Weiss Oelde. Der Junior ist talentiert, träumt wie sein Kumpel Hendrik Dreekmann von der großen Karriere. „Aber ich war ein fauler Hund“, sagt Miele. Als einer seiner besten Freunde, eben jener Dreekmann, 1994 im Viertelfinale von Roland Garros steht und in Paris den Matchball nicht verwandelt, sei er „kurz traurig“ gewesen. 

Tennis-Point: 330 Mitarbeiter, mehr als 100 Millionen Euro Umsatz

Aber eben nicht lange. Es schien, als habe Miele seine Berufung gefunden. Er entdeckt sein „Unternehmer-Gen“. Der Laden in Münster wächst, die erste 400-Mark-Kraft wird eingestellt. Miele gibt zwischendurch Tennisstunden und hat schon die nächste Idee – ein Bowling Center in seiner Heimatstadt Oelde, das er mit seinem Partner eröffnet. „Wir haben Bowling in unserer Gegend revolutioniert, mit Essen, Tanzen, Entertainment“, sagt er.

Eigentlich sei das der Startpunkt für Tennis-Point gewesen. Nämlich die Erkenntnis, dass, wenn eine Idee gut ist und man sie gut umsetzt, auch der Erfolg kommt. Bezogen auf den Verkauf von Tennisartikeln, hieß das im Jahr 2008: die Chancen des Internets zu erkennen, mehr online, etwas offline. Miele sagt: „Das Multichannel-Konzept war die einzige Möglichkeit, um als Unternehmen Erfolg zu haben.“

Christian Miele

Lebt Tennis: In die vierte Etage der Firmenzentrale in Herzebrock-Clarholz (Kreis Gütersloh) hat sich Miele einen Tennisball als Konferenzraum bauen lassen.

Weil die Lagerfläche in Münster längst nicht mehr ausreicht, zieht er mit der Firma erst nach Oelde, 2008 nach Herzebrock – und in eine neue Dimension. Das Logistikzentrum misst jetzt 8.500 Quadratmeter. Roboter befüllen die Pakete, bewegen sich von A nach B. Zeitgleich glaubt der Firmenchef fest an stationäre Läden. Für 2020 ist eine Filiale in Barcelona geplant. Tennis-Point expandiert. 330 Mitarbeiter machen inzwischen mehr als 100 Millionen Euro Umsatz. In Frankreich übernahm man 2019 den Ausstatter Tennis Pro.

Wie sieht der Shop der Zukunft aus?

Zur Firmengeschichte gehört auch, dass der größte deutsche Tenniswarenversender inzwischen Teil der Signa-Gruppe ist. Der milliardenschwere Immobilienriese mit Sitz in Österreich, der sich auch Galeria Karstadt Kaufhof und das Luxuskaufhaus KaDeWe einverleibt hat, ist seit gut drei Jahren Hauptanteilseigner bei Tennis-Point.

Wer wieviele Prozente besitzt, darüber will Miele, der nach wie vor Firmenanteile hält, nicht reden. Er glaubt, dass sein Unternehmen seine Unabhängigkeit nicht eingebüßt hat. „Es ist nicht üblich, dass der Gründer einer Firma in einer solchen Struktur immer noch an Bord ist“, sagt er. Und weiter: „Signa ist der perfekte Partner. Sie vertrauen uns und lassen die Zügel lang.“

Man könnte es anders formulieren: Miele darf auch in der vergleichsweise neuen Konstellation weiter an seinen Visionen basteln. Er selbst sieht sich längst nicht mehr als reiner „Retailer“, als Warenverkäufer. Es geht ihm um das große Ganze, das sich auf eine einfache Formel herunterbrechen lässt: den Tennissport fördern. In jeglicher Form. Dafür lässt er Marktforschung betreiben, reist auch mal ins Silicon Valley oder guckt sich im New Yorker In-Viertel Soho die neuesten Trends ab. 3.000 Fotos hat er auf seinem Handy – Ideen aus der ganzen Welt. Er beschäftigt sich mit Fragen wie „Wie sieht der Shop der Zukunft aus?“ oder „Wie können wir dafür sorgen, dass die Mitgliedszahlen des DTB wieder steigen?“

Der größte Tennisstore der Welt in Essen

Denn wenn der Kuchen wieder größer werde, dann profitiere der ganze Markt – auch die Wettbewerber, die jetzt unter der Tennis-Point-Dominanz stöhnen. Es gehe ihm nicht ums Verdrängen der Konkurrenz, aber zur Wahrheit gehöre auch, dass es die alte Händlerstruktur nicht mehr gibt. Innovation heißt das Zauberwort. Und das bedeutet, dass man das Portfolio ständig erweitert. Tennisreisen anbietet, Kunden hilft, wenn sie Karten für die French Open brauchen.

Miele will den „Smart Court auch in seine Läden bringen“. In Essen eröffnete Tennis-Point vor zwei Jahren den größten Tennisstore der Welt. Auf 1.600 Quadratmetern erlebt der Besucher vollautomatische, digitale Schlägeranalysen. Gleichzeitig beschäftigen er, sein Team und seine Geschäftspartner sich damit, wie man Tennisbälle recycelt, wie man das Vereinsleben belebt, wie man Padel beflügelt. Miele glaubt fest an einen Boom der Rückschlagsportart in Deutschland, die in Spanien Tennis längst überholt hat.

„Da wir Tennis leben und lieben, sehen wir uns in der Verantwortung, Tennis mitzuentwickeln“, sagt der CEO Miele, ein knallharter Geschäftsmann, der aber nicht so aussieht. Beim Termin mit tennis MAGAZIN trägt er Jeans und ein weißes T-Shirt, auf dem eine riesige, stylische Sicherheitsnadel abgebildet ist. Die Lockerheit ist Teil der Firmen-DNA. Bei Tennis-Point duzen sich alle. Die Hierarchien sind flach. Vor vielen Jahren zu Weihnachten habe man sich mal auf einer alten Rauhfasertapete die perfekte Tenniswelt aufgemalt. Vieles sehe man immer noch so.

Christian Miele: „Es fühlt sich gerade erst nach Halbzeit an”

Mieles Credo: Kreativität. So ist auch die Idee der „One Point Tennis WM“ entstanden, die 2019 im ostwestfälischen Halle gespielt wurde. 530 Teilnehmer, K.o.-System. Nur ein Punkt entscheidet. Für Mister Tennis-Point Miele ein perfektes Marketingtool. „Federer hat anmoderiert, Zverev bekam man vom Balkon seines Hotelzimmers nicht runter. So begeistert war er von der Stimmung unten auf Court 1“, schwelgt der Initiator in Erinnerungen. 

Christian Miele

schreibtisch-arbeit: Wer glaubt, das Arbeitszimmer des Geschäftsführers Miele sei ein Palast, sieht sich getäuscht. Er bevorzugt es bescheiden.

Ist Miele ein Workaholic? Die Antwort kommt sofort: „Ja, voll.“ Bevor er sich die Zähne putzt, hat er schon die ersten E-Mails gelesen. Wenn ein Kunde eine Minute zu lange in der Warteschleife hängt, ärgert ihn das. Ein Zwölfstunden-Arbeitstag sei normal. „Ich bin sehr visionsgetrieben“, sagt Miele, der Familienvater, der zuhause schon mal „gezwungen wird, das Handy wegzulegen“. Die 14-jährige Tochter Leonie reitet. Beim eineinhalbjährigen Sohn Tom hat er noch die Hoffnung, dass er später Tennis spielt – „könnte Linkshänder werden“.

Das eigene Tennis? Kommt zu kurz beim 1,96 Meter-Mann. Letzte Saison habe er nur siebenmal gespielt, einige Pfunde zugenommen. Die aktuelle Spielstärke: „Nur noch LK 5.“ Ab und zu gönnt er sich einen sportlichen Ausflug. So wie im Oktober zur Tennis-WM in Miami, wo er mit den deutschen Herren 40 die Bronzemedaille im Teamwettbewerb holt. Miele würde gerne mehr spielen, aber es könnte noch eine Weile dauern, bis er wieder auf dem Court angreift. Sein Baby Tennis-Point braucht ihn – „es fühlt sich gerade erst nach Halbzeit an!“ 

Infos Tennis-Point

Der Sportartikelfachhändler Tennis-Point (Tennis, Laufen) begreift sich als Multichannelplayer. Neben dem Versand-Fachhandel gibt es zahlreiche Läden. Der mit 1.600 Quadratmeter größte Tennis-Store der Welt steht in Essen. Tennis-Point beschäftigt 330 Mitarbeiter. Jahresumsatz: rund 100 Millionen Euro. Seit Ende 2016 ist die milliardenschwere Signa Holding GmbH (u.a. Immobilien) Mehrheitsanteilseigner bei Tennis-Point, das wiederum ein Teil von Sports United (Zusammenschluss verschiedener Spezialisten) ist.