Wimbledon 2016

Kühnen über Wimbledon: „Plötzlich marschierte McEnroe ein“

Seit 1998 ist Patrik Kühnen (52) Sky-Experte in Wimbledon. Im exklusiven Gespräch vor dem Wimbledon-Turnier 2018 erinnert der ehemalige Davis Cup-Kapitän an anfängliche Schwierigkeiten, ein spontanes Interview mit einem kauzigen John McEnroe und gibt zu, Erinnerungslücken an seinen größten Erfolg zu haben.

tennis MAGAZIN: Herr Kühnen, Sie sind bereits seit 20 Jahren als Tennis-Experte für Sky tätig. Wie sind Ihre Erinnerungen an Wimbledon 1998?

Kühnen: 1998 war insgesamt ein Wow-Faktor und auch anstrengender, als ich zunächst annahm. Zwei Wochen am Stück den ganzen Tag  von morgens bis abends moderieren, das ist schon harte Arbeit (schmunzelt).

tennis MAGAZIN: Wie sind Sie an die Sache herangegangen?

Kühnen: Am Anfang war natürlich alles neu und ich musste insgesamt viel lernen: Zum Beispiel wann ich wo genau hinschaue während der Aufnahmen. Ich bin von Natur aus ein eher dynamischer Zeitgenosse und musste mir aneignen, langsamer und deutlicher zu sprechen. Solche Dinge wurden mit der Erfahrung von Jahr zu Jahr besser. Anfangs habe ich drei, vier Schulungen absolviert, die mir enorm geholfen haben. Eine wurde sogar geleitet von Mister Sportschau, Ernst Huberty.

tennis MAGAZIN: Was sind die größten Unterschiede, wenn man als Experte und nicht als Spieler nach London zurückkehrt?

Kühnen: Die Fokussierung ist eine ganz andere. Ein Spieler hat nur Augen für sein Match. Da wird der Tag um dieses Event herum aufgebaut. Jetzt verläuft bei mir der Spannungsbogen hoch und runter über den kompletten Tag der Berichterstattung. Am Ende ist aber klar: Wenn wir live übertragen, ist es wie als Spieler auf dem Platz: Dann geht es darum, voll da und fokussiert zu sein, da ich auch hier mein Bestmögliches geben will. Während die Matches gezeigt werden, recherchiere und analysiere ich und kann zwischendurch auch mal etwas entspannen.

tennis MAGAZIN: Nach den langen Tagen präsentieren Sie zusammen mit Moderator Yannick Erkenbrecher abends in der Sendung „London Calling“ die Tageszusammen­fassung live.

Kühnen: Und das finde ich auch ganz wichtig. Live gewinnt immer, ist authentisch und ich mag es total, weil die Energie des gesamten Übertragungsteams zu spüren ist und jedes Rädchen ineinander greifen muss. 2017 war zum Beispiel wirklich überragend.

tennis MAGAZIN: Erklären Sie das bitte.

Kühnen: Wir hatten als Höhepunkt beide Wimbledonsieger live im Studio. Bei den Damen Garbine Muguruza und natürlich am Sonntag dann Roger Federer erstmals. Das gab es vorher noch nie und das war toll für die gesamte Berichterstattung. Ein Highlight für uns und den Zuschauer.

tennis MAGAZIN: Wie finden Sie die richtige Mischung zwischen Nähe zu den Spielern als Ex-Profi und journalistischer Distanz?

In erster Linie kann ich mich ganz gut in den Spieler hineinversetzen, weiß als Ex-Profi wie die Spieler in Wimbledon ticken. Mir ist der Respekt vor dem Sportler und dem Menschen ganz wichtig.

tennis MAGAZIN: Und wenn Sie kritisieren müssen?

Kühnen: Kritik gehört dazu. Und manchmal muss ich auch Dinge hinterfragen. Mir ist es am liebsten, wenn wir den Spieler miteinbeziehen können durch Fragen. Zum Beispiel: `Warum warst du beim Breakball zu passiv?´ Solche Dinge passieren und sind ja nur menschlich. Wir haben ja auch ein tolles Analysetool am Bildschirm. Da kann ich mit und ohne Spieler Dinge bildlich und klar verständlich erklären und auch mal fragen: `Warum standest du in diesem konkreten Fall so weit hinter der Linie?´

tennis MAGAZIN: In 20 Jahren ist viel passiert. Was war die lustigste Anekdote bisher?

Kühnen: (Überlegt lange) Unser Studio auf der Anlage ist unmittelbar neben ESPN (amerikanischer Sportsender, Anm. d. Red.), für die John McEnroe arbeitet. Als neues Element habe ich 2016 Eins-zu-Eins-Interviews geführt mit Spielern und wichtigen Akteuren, also habe ich auch ihn angefragt.

tennis MAGAZIN: Hat er gleich zugesagt?

Kühnen: Nein, er hat in seiner typischen launigen Art gefragt, für welchen Sender ich arbeite und mehr als ein:`mal sehen´, bekam ich zunächst nicht. Ich habe mir dann erst mal nichts weiter gedacht, aber als ich ein paar Tage später in einer Pause in der Kantine zum Essen war, rief der Aufnahmeleiter an und war in heller Aufruhr.

tennis MAGAZIN: Weil McEnroe da war?

Kühnen: Richtig. Er ist in unser Studio einmarschiert und hat gefragt: `Wo ist Patrik, ich bin jetzt so weit.´ Ich habe alles stehen und liegen gelassen, bin zum Studio gerannt, quasi direkt vor die Kamera und habe das Interview geführt. Das Gespräch war dann super, aber so Momente sind mehr als aufregend und spannend.

tennis MAGAZIN: McEnroe können Sie ja im „Last Eight Club“ regelmäßig antreffen. Dieses lebenslange Privileg haben Sie 1988 erworben, als sie sensationell gegen Jimmy Connors gewannen. Wie präsent ist das Match noch?

Kühnen: Ich kann noch jeden Punkt nachspielen und es gab einige verrückte Situationen. Es stand 1:1 in Sätzen, als es im Tiebreak des dritten Satzes plötzlich zu regnen begann. Der Schiedsrichter wurde rücklinks samt Stuhl gekippt und vom Platz gerollt als die Plane ausgezogen wurde. Da stand ich noch zum Return bereit, total skurril.

tennis MAGAZIN: Dann ging es erst am nächsten Tag weiter. Wie haben Sie geschlafen?

Kühnen: Nicht gut, natürlich. Aber ich bin am nächsten Tag raus und habe mich im Regen eingeschlagen, ich wollte total heiß in diesen Tiebreak starten. Das Match fand damals auf Platz zwei, dem Friedhof der Stars, statt, den es heute so nicht mehr gibt. Meine Umkleide war aber ganz in der Nähe und die der Topspieler am Centre Court. Das war weiter weg und ein kleiner Vorteil. Als ich gesehen habe, dass Connors ungeschwitzt den Platz betritt, habe ich insgeheim schon die Faust geballt. Den Tiebreak habe ich dann ziemlich glatt gewonnen. Im vierten Satz hatte ich dann zwei Matchbälle bei Aufschlag Connors, aber ich war viel zu nervös und murmelte die Returns viel zu ungefährlich hinein. Also ging es in den Entscheidungssatz. Ab dann weiß ich leider gar nichts mehr.

tennis MAGAZIN: Erinnern Sie sich nicht mal an den verwandelten Matchball?

Kühnen: Nein, das geschah wie in Trance. Ich war in der Zone, ganz bei mir. Deswegen habe ich auch gewonnen. Den Matchball habe ich später erst im TV wahrgenommen. Ich war so überwältigt vom Sieg. Ich saß zitternd minutenlang in der Umkleide.