2018 French Open – Day Two

Stich vs. DTB: Zoff um Wildcard-Vergabe am Rothenbaum

Am Dienstag hat Michael Stich auf einer Pressekonferenz am Rothenbaum die Wildcards für das gleichnamige ATP-Traditionsturnier bekanntgegeben. Der DTB ist vom Alleingang des Turnierdirektors bei der Auswahl irritiert. Konkret geht es um den Norweger Casper Ruud. Während Stich sein Vorgehen rechtfertigt, übt Vize-Präsident Dirk Hordorff gegenüber tennismagazin.de deutliche Kritik.

Insgesamt herrschte bei der Presserunde am Dienstagmittag auf dem Gelände am Rothenbaum gute Stimmung. Mit Dominic Thiem als Zugpferd sowie den Top 20-Spielern Diego Schwartzman, Lucas Pouille und Pablo Carreno Busta sowie dem French Open-Halbfinalisten Marco Cecchinato ist das Teilnehmerfeld so gut besetzt wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr.

Außerdem ist der für diesen Sonntag um 18 Uhr angesetzte Showkampf zwischen Michael Stich und der amerikanischen Legende John McEnroe (59)  erstmals ausverkauft – Sky Sports News HD überträgt frei empfangbar. Und Stich selbst hat Grund zur Freude. Der Wimbledonsieger von 1991 wird am Samstagabend auf einem Fest­bankett in Newport (US-Bundesstaat Rhode Island) in die International Tennis Hall of Fame  aufgenommen.

Doch inmitten dieser positiven Grundstimmung im letzten Jahr unter seiner Turnierleitung mischen sich Misstöne. Im Blickpunkt: die Vergabe der Wildcards. Florian Mayer (auf seiner Abschiedstour), Nachwuchstalent Rudi Molleker und der Norweger Casper Ruud wurden von Michael Stich per Freifahrtsschein für das Hauptfeld nominiert. Wildcards für die Qualifikation erhielten Marvin Möller, Daniel Masur und Niklas Guttau.

Rothenbaum: Hordorff? „Warum bekommt ein Norweger eine Wildcard?“

Den Verantwortlichen des DTB ist der Alleingang des Turnierdirektors bei der Vergabe alles andere als Recht. Vizepräsident Dirk Hordorff sagt im Bezug auf die Wildcard-Vergabe  gegenüber tennismagazin.de: „Es gibt einen entsprechenden Vertrag, nach dem Herr Stich das in diesem Jahr letztmalig so handhaben darf. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen.“ Verständnis für Stichs Handhabe hat das Präsidiumsmitglied dennoch keine.

DTB erstmals in Grundförderung aufgenommen

Ist von der Vorgehensweise von Michael Stich nicht begeistert: Dirk Hordorff.

„Wir empfinden die Art und Form der Zusammenarbeit in diesem Fall nicht als angemessen und sind nicht zufrieden, dass ein norwegischer Spieler eine Wildcard bei den German Open erhält“, sagt Hordorff. Michael Stich erklärt seine Entscheidung gegenüber tennismagazin.de ausführlich: „Wir waren in den letzten Jahren das einzige deutsche Turnier, das alle seine Wildcards immer mit dem DTB abgestimmt hat. Dazu waren wir nicht verpflichtet, haben dies aber aus Loyalität getan. Sowohl Michael Kohlmann als auch Klaus Eberhard waren hier immer eingebunden.“

Rothenbaum: Stich? „Wie jeder andere Turnierdirektor auch“

Zu seiner Wahl pro Casper Ruud sagt Stich: „Ich habe in neun Jahren jede Wildcard mit dem DTB abgesprochen und es ist aus meiner Sicht zu akzeptieren, dass ich in diesem Jahr eigenständig entschieden habe wie jeder andere Turnierdirektor auch.“ Die ehemalige Nummer eins der Juniorenweltrangliste Ruud bekomme eine Wildcard, „weil ich persönlich viel von ihm halte und ihm damit die Möglichkeit geben möchte, seinen Weg weiter zu gehen“, berichtet Stich weiter.

Misstöne rund um das Turnier sind nicht neu: Dem DTB gehört die Lizenz des Turniers. Michael Stich ist jedoch Turnierdirektor und Galionsfigur der Veranstalteragentur HSE. Das Verhältnis zwischen Verband und Stich ist nicht erst seit diesen Tagen –vorsichtig formuliert – angespannt.

Michael Stich begründet seine Vorgehensweise gegenüber tennismagzin.de.

Rothenbaum: Streit zwischen Verband und Stich nicht neu

Viele Funktionäre im Verband sahen es nicht gerne, dass Stich mangels Alternativen im Jahr 2009 den Zuschlag für das Turnier erhielt. Andererseits: Niemand wird Michael Stich in seiner Funktion als Turnierdirektor absprechen können, dass er in den vergangenen Jahren gute Arbeit für die German Open und das deutsche Tennis geleistet hat. Das Verhältnis zum DTB, aber vor allem zwischen Hordorff und Stich gilt dennoch als gestört. Der Turnierdirektor sah sich 2017 ungerecht behandelt, als es um die Ausschreibung ging, wer künftig den Rothenbaum veranstalten solle. Ab 2019 übernimmt die Organisation des Turniers bekanntermaßen der bisherige Linz-Chairman Peter-Michael Reichel.

„Stichs Umgang mit den Wildcards zeigt, dass wir mit der Neuvergabe absolut richtig gelegen haben. Der DTB hat in der Neuausrichtung mit Herrn Reichel formal dafür gesorgt, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passieren wird.“ Ohnehin wolle Hordorff positiv in die Zukunft blicken und das Turnier ab 2019 als eine Leuchtturmveranstaltung des DTB etablieren. „Es geht ja nicht um Befindlichkeiten im Präsidium, sondern um das deutsche Tennis. Wir sind keine Wild-Card-Aspiranten. Herr Stich muss sich überlegen, wen er mit dieser Vergabe trifft?“

Rothenbaum: Härtefall Yannick Hanfmann

Konkret nannte Hordorff Yannick Hanfmann als Beispiel. Der 26-Jährige gewann am Sonntag das Challenger-Turnier in Braunschweig und knackte mit dem Erfolg die Top 100 in der Weltrangliste.

Feierte am Sonntag seinen größten Erfolg: Yannick Hanfmann.

Stich begründete seine weitere Wildcard-Vergabe auf Nachfrage von tennismagazin.de so: „Florian Mayer hat in den vergangenen neun Jahren fast immer am Rothenbaum gespielt und sich zum Abschied seiner Karriere seine Wild Card mehr als verdient. Gleiches gilt für Rudi Molleker, der im letzten Jahr mit dem Sieg gegen Leonardo Mayer einen bleibenden Eindruck bei den Hamburger Tennisfans hinterlassen hat und der der einzige deutsche Nachwuchsspieler ist, der in Frage kam.“

Unterschiedliche Auffassungen gab es auch beim Thema interne Kommunikation. Während Hordorff angab, dass es von Seiten Klaus Eberhards mehrere Anfragen an Stich gab, über das Thema Wildcards zu reden, entgegnete Stich: „Es gab von Seiten des DTB nur eine Anfrage von Klaus Eberhard. Diese habe ich beantwortet und ich habe anschließend auch mit Klaus Eberhard telefoniert.“