Julia Görges

Und es hat Boom gemacht: Der Aufschlag von Julia Görges

Hammerhart: Wenn sie serviert, schlägt es ordentlich ein. Julia Görges über ihre größte Waffe: den Aufschlag. 

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 7/2020

Sie stellt sich an die Grundlinie, die Beine schulterbreit auseinander. Ihr Blick verfinstert sich, höchste Konzentration ist angesagt. Den Schläger führt sie mit der rechten Hand nach vorne, den Ball mit der linken. Oberhalb des Schlägerherzens berührt der Ball den Rahmen, die Bewegung verharrt für einen klitzekleinen Moment – und dann geht alles ganz schnell. Julia Görges lädt durch. Sie spult die tausendfach trainierten Abläufe ihres Aufschlags wie automatisiert ab: Ball hochwerfen, in die Knie gehen, Schläger in den Rücken fallen lassen, den Körper nach oben katapultieren und den Ball schließlich am höchsten Punkt in voller Streckung treffen. BOOM! Herauskommt ein Brett: schnell, platziert, nicht zu returnieren für die Gegnerin. 

Görges, 1,80 Meter groß, zählt zu den besten Aufschlägerinnen auf der WTA-Tour. „Der Aufschlag ist eine meiner größten Waffen“, sagt sie. Als Indikator für Servicespezialisten gilt für gewöhnlich die Anzahl der Asse. Es ist so wunderbar einfach und nachvollziehbar, jemanden, der viele Asse serviert, als Top-Aufschläger einzuordnen. Jemanden wie Julia Görges, die in der vergangenen Dekade, also zwischen 2010 und 2019, mit 2.695 Assen die drittmeisten Aufschlagwinner auf der WTA-Tour ins Feld zimmerte – nur Serena Williams (3.133) und Karolina Pliskova (3.065) überflügelten sie noch. Im Gespräch über ihren Aufschlag macht Porsche-Markenbotschafterin Görges aber schnell deutlich, dass Asse vor allem eine „nette statistische Spielerei für Fans und Medien“ seien. „Natürlich ist es schön, wenn man sich auf seinen Aufschlag verlassen kann und dabei auch viele freie Punkte herauskommen. Aber grundsätzlich geht es mir darum, variantenreich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Spinarten und Richtungen aufzuschlagen. Man hat nicht so viel davon, wenn man am Ende der Saison die meisten Asse serviert hat“, stellt Görges klar. 

Julia Görges und ihr Aufschlag: Gute Hebel, schneller Arm und lockeres Handgelenk

Allerdings gibt es für die Norddeutsche durchaus Momente in einem Match, in denen sie voll auf ein Ass geht. „Das entscheide ich situationsbedingt – und dann gibt es mächtig Zunder“, scherzt sie. Warum sie so gut aufschlagen kann, erklärt Görges so: „Ich habe gute Hebel, einen schnellen Arm und ein lockeres Handgelenk, sodass ich im letzten Augenblick noch die Richtung meines Aufschlags ändern kann. Ich glaube, dass gerade dieser Überraschungsmoment auf der Damentour eher selten ist.“ Der Aufschlag nimmt eine Sonderstellung im Tennis ein, weil er der einzige Schlag ist, den man unbeeinflusst vom Gegner ausführt. Görges ist sich dessen voll bewusst und trainiert ihre große Stärke systematisch: „Ich denke, dass ich noch besser aufschlagen kann, auch wenn die Luft nach oben dünner wird“, sagt sie. Plumpes Aufschlagtraining ist vielen Tennisspielern ein Gräuel. Zu eintönig, zu redundant. 

Als Juniorin trainierte Görges ihren Aufschlag nicht schwerpunktmäßig. Sie wollte spielen und nicht stupide zehnmal von der Einstandsseite durch die Mitte servieren. Ihre Aufschlagstärke bildete sich erst in der Übergangszeit von einer Junioren- zu einer Damenspielerin heraus. Als Profi baut Görges nun explizit Aufschlageinheiten in ihren Trainingstag mit ein. „Manchmal schlage ich eine Stunde lang nur auf“, erklärt sie. Allerdings braucht sie dann viel Abwechslung, nur stumpf irgendwelche Zielflächen anzuvisieren, mag sie überhaupt nicht. Sie braucht kreative Übungen, in denen auch ihr Gefühl beim Service geschult wird. „Ich will nicht so robotermäßig aufschlagen und meinen eigenen Stil beibehalten“, betont Görges. 

Der Schnörkel vor dem Treffpunkt

Zu den Eigenheiten ihres Aufschlags gehört auch ein unkonventionelles technisches Detail: Wenn sie zum Aufschlag ansetzt und den Schläger nach oben nimmt, lässt sie den Schlägerkopf bei geschlossenem Handgelenk lange nach unten zeigen. Barbara Rittner nannte das in einer Analyse einmal „eine bemerkenswerte Schlägerhaltung“, Görges selbst spricht von einem „komischen Schnörkel, der bei mir einfach drin ist.“ Sie zog es aber nie in Erwägung, ihre Technik deswegen umzustellen. Auch keiner ihrer Trainer wollte ihr den Schnörkel austreiben. „Was vor dem Treffpunkt passiert, ist relativ egal. Haupt­sache der Treffpunkt selbst sitzt, darauf kommt es an“, behauptet Görges. Und genau das ist bei ihrem Service extrem gut: Sie trifft den Ball in der Regel am höchstmöglichen Punkt weit vor dem Körper.

Das kann verheerende Folgen für die Gegnerinnen haben. Wenn sich Görges erstmal in einen Rausch serviert hat, ist sie nur schwer zu stoppen. Allerdings: Auch eine starke Aufschlagleistung ist selbst für die 31-Jährige keine Garantie für einen Sieg. Als Görges bei den US Open 2019 21 Asse gegen Donna Vekic im Achtelfinale schlug, verlor sie das Match noch 7:6, 5:7, 3:6. Sie servierte zum Matchgewinn – und ausgerechnet dann unterliefen ihr zwei Doppelfehler. Im Rückblick auf diese Partie sagt Görges: „Ich habe das Match nicht wegen der beiden Doppelfehler verloren. Es war einfach eine enge Partie. Viele, die die Ass-Statistik sehen, sagen dann, dass ich so eine Begegnung niemals verlieren darf, aber so einfach ist das nicht.“

Julia Görges: 492 Asse im Jahr 2018

2018 erlebte Görges die beste Saison ihrer Karriere: zwei Turniersiege, Halbfinale in Wimbledon, Platz neun in der WTA-Weltrang­liste – so hoch wie nie. Ein Gradmesser für ihre hohe spielerische Qualität: ihr Aufschlag, ­natürlich. In 68 Matches gelangen ihr 492 Asse – WTA-Saisonrekord. Ihre durchschnittlich 7,2 Asse pro Match 2018 waren der Höchstwert ihrer bisherigen Karriere. Knapp 74 Prozent der Punkte bei erstem Aufschlag gewann sie – besser war in dem Jahr nur Serena Williams. Meistens ist die Korrelation ganz simpel: Wenn der Aufschlag gut kommt, funktioniert auch der Rest des Spiels. „Das trifft bei mir auch zu, aber eben nicht immer“, gesteht Görges. 

Was nach einer halben Stunde intensiven Austauschs über ihren Aufschlag deutlich wird: Görges mag es nicht, nur auf ihre Asse reduziert zu werden. Um eine komplette Aufschlägerin wie sie selbst zu werden, ist viel mehr nötig als Asse wie am Fließband zu produzieren. Eine Ausnahme macht sie allerdings: Wenn ihre Asse einem guten Zweck dienen. Zu Jahresanfang in Aus­tralien schloss sich Görges sofort der von Nick Kyrgios initiierten Aktion an, um mit 200 ­Dollar pro erzieltem Ass die freiwilligen Helfer im Kampf gegen die schlimmen Buschbrände zu unterstützen. Auch beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart geht „Jule“ mit Vorliebe auf das eine oder andere Ass, um die Aktion „Aces for Charity“ zu unterstützen. „Es ist doch schön zu sehen, wenn man mit seinen Aufschlägen etwas Gutes bewirken kann“, sagt sie. 

Meisten Asse der letzten Dekade (2010-2019)

1. Serena Williams 3.133
2. Karolina Pliskova 3.065
3. Julia Görges 2.695