Wimbledon: Roger Federer, Rafael Nadal

Wimbledon: Das Hammer-Duell zwischen Federer und Nadal

2008 war es, als Rafael Nadal gegen ­Roger Federer im Wimbledonfinale gewann. tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic war damals beim epischen Endspiel dabei.

Die Ausgangslage: Mit einem Sieg hätte Roger Federer den Rekord von Björn Borg gebrochen. „Ice-Borg“ hatte fünfmal in Folge gesiegt – von 1976 bis 1980. Federer hatte ebenfalls fünfmal in Serie gewonnen – von 2003 bis 2007. Beide, der Schwede und der Schweizer, waren auf dem Rasen von Wimbledon 41 Matches hintereinander ungeschlagen. Dazu kam: Bei Borg hieß der Antipode McEnroe, bei Federer Nadal – ohne Rivalität keine Story. Beide, der Amerikaner und der Spanier: hungrig, aufstrebend, flamboyant. Ihr Ziel: gegen das Establishment zu reüssieren.

„Die ganze Welt wartet auf dieses Endspiel”

So viel zu den Ingridenzien vor dem Hammer-Duell, das damals vor zehn Jahren  ganz London elektrisierte. Federer hatte bis zum Finale keinen Satz abgegeben, Nadal einen (gegen Ernests Gulbis in der zweiten Runde). Und trotzdem: Die Stimmung war pro Nadal. Federer werde gegen das Grundlinienspiel des Mallorquiners keine Chance haben, raunten die sogenannten Experten im Millenium-Gebäude, wo die Presse sitzt. Federer sei langsamer geworden. In den Wochen vor dem Turnier habe er schon geschwächelt.   

Kurz bevor ich an diesem 6. Juli meinen Platz auf dem Centre Court beziehe – Staircase 10, Reihe K, Sitz 205 – sitze ich vor dem Monitor an meinem Pressedesk, drei Stockwerke und rund 50 Meter entfernt vom Stadion. Auf der Mattscheibe: Björn Borg und John McEnroe – der eine mit silberfarbenem Haar (Borg), der andere ergraut (Mac). Sie sitzen im BBC-Fernsehstudio an einem ovalen Desk. Borg sagt: „Die ganze Welt wartet auf dieses Endspiel.“ Es klingt, als stehe die Mondlandung unmittelbar bevor.

Beim dritten Anlauf klappt es für Nadal

Hinterher, nach dem 6:4, 6:4, 6:7, 6:7, 9:7 in 4:48 Stunden schreibt die englische Tageszeitung Daily Telegraph in riesigen Lettern auf der Titelseite: „The greatest final ever.“ Die Times vergleicht das Kräftemessen der Nummern eins und zwei der Welt mit einem Rammbock, der immer wieder gegen ein Burgtor gestoßen wird. Das Tor wird brüchig und zerschellt. Um im Bild zu bleiben: Federer ist das Tor, Nadal der Rammbock.

Drei Jahre in Folge versuchte der Spanier, Federer zu besiegen – beim dritten Anlauf glückte seine Mission. Nadal gewinnt den ersten Satz 6:4. Im zweiten Durchgang führt Federer schon mit 4:1 – und verliert wieder 4:6. Federer kämpft, wehrt Breakchance um Breakchance ab, holt sich den dritten Satz im Tiebreak. Der vierte Satz, wieder Tiebreak. Nadal führt schon 5:2, hat zwei Aufschläge. Es ist die einzige Phase in der Partie, in der er nervös wirkt, einen Doppelfehler serviert, leichte Bälle verschlägt. Und Federer? Als Nadal ihn auf der damals viel schwächeren Rückhandseite festnagelt, kontert Federer mit einer Rückhand – ein Strich die Linie hinunter, ein Jahrhundertschlag. Kurz darauf gleicht Federer in Sätzen aus – 2:2.

Stockdunkel beim Matchball 

Der fünfte Satz: ein zähes Ringen. Es gibt Regenunterbrechungen. Planen werden über den Platz gezogen – ein Dach gibt es noch nicht. Das Match zieht sich vom Nachmittag bis zum Abend. Bei 7:7 gelingt Nadal das Break, wenig später nutzt er seinen vierten Matchball. Es ist stockdunkel, die letzten Bälle hat man auch als Zuschauer auf der Tribüne kaum erkannt. Um 21:16 Uhr ist Schluss. Nadal spaziert auf der Ballustrade des Centre Courts zur Royal Box, in der ihn das spanische Prinzenpaar Felipe und Letizia in Empfang nimmt – großes Kino. 

Rafael Nadal

Was mir noch in Erinnerung ist: Ich habe Federer selten so traurig gesehen. Eine halbe Stunde später sitzt er vor der internationalen Presse, wird gefragt, ob es ihm etwas bedeute, Teil dieses epochalen Matches zu sein. Seine Antwort: „Vielleicht später. Im Moment kann ich nicht viel Positives darin erkennen.“