Arne Carl

Athletiktrainer Arne Carl: „Man sollte sich nicht zu früh spezialiseren”

Arne Carl, Athletiktrainer an der TennisBase Hannover, über die Bedeutung von Athletiktraining im Juniorenbereich. 

Herr Carl, wie würden Sie Ihre Trainingsphilosophie beschreiben?

Ich verfolge die Philosophie, Spielerinnen und Spieler athletisch so auszubilden, dass sie im ersten Schritt beschwerdefrei Tennis spielen können. Das heißt, dass der Körper athletisch so ausgebildet ist, dass sie den einseitigen Belastungen vom Tennis über Jahre hinweg standhalten können und verletzungsfrei bleiben. Bis zum Alter von 16 Jahren werden meine Athleten körperlich so ausgebildet, dass sie athletische Grundübungen technisch so beherrschen, dass sie im weiteren Verlauf mit zusätzlichem Gewicht trainieren können. Dabei lege ich großen Wert darauf, dass die Jugendlichen früh lernen, eigenständig zu arbeiten. Es darf aber nicht vergessen werden: Die Jugendlichen wollen in erster Linie Tennis spielen, sodass das Athletiktraining zielführend und abwechslungsreich gestaltet sein muss, um die Motivation hoch zu halten.

Warum wird Athletiktraining im Tennis immer wichtiger? 

Wenn man sich die heutige Weltspitze anschaut, sieht man, dass sich in den letzten Jahren körperlich einiges getan hat. Ohne einen komplett austrainierten Körper ist es unmöglich, in die Spitze vorzustoßen. In meinen Augen ist es daher wichtig, dass gerade im Jugendbereich bereits eine athletische Basis erarbeitet wird. Diese Basis, dazu gehören unter anderem Körper- und Ballgefühl, bildet somit eine Art Fundament, auf dem das Tennisspiel aufgebaut wird. Ist das Fundament nicht ausreichend groß und sicher, steigt das Risiko für Verletzungen und die Tennisfähigkeiten reichen auf lange Sicht nicht aus, um ganz nach oben zu kommen. 

Was sollte man beim Athletiktraining im Tennis beachten? 

Die Verbesserung der koordinativen Fähigkeiten, also das Körper- und Ballgefühl, sind sehr wichtig und gehören in jede Trainingseinheit. Dazu gehören Übungen zur Optimierung von Gleichgewicht, Rhythmisierung, Differenzierung und Reaktion.  Diese Fähigkeiten lassen sich in jedem Lebensalter wunderbar und spielerisch trainieren und sollten besonders im Kindesalter forciert werden. Dazu kommen Kraftübungen wie beispielsweise Kniebeugen, Ausfallschritte, verschiedene Sprungformen sowie Beweglichkeitstraining. Ein Spieler wie Novak Djokovic ist nicht nur unglaublich schnell, sondern auch äußerst beweglich, wodurch das Verletzungsrisiko verringert wird.

Sollten Jugendliche anders trainieren als Erwachsene? 

Man sollte sich im Kindesalter nicht zu früh spezialisieren. Wichtig ist es, früh viel auszuprobieren um die koordinativen Fähigkeiten zu optimieren. Deswegen spiele ich mit unseren Jugendlichen häufig Fußball, Basketball, Badminton oder Fußball-Tennis. Und besonders da merkt man, dass die absoluten Top-Nachwuchsspieler auch den Umgang mit einem Basketball oder Fußball beherrschen. Ein reines Ausdauertraining bei Jugendlichen unter 13 Jahren halte ich nicht für angebracht. Bei ihnen sollte der Fokus unbedingt im Bereich der Schnelligkeit liegen. Die Ausdauer lässt sich in der späteren Entwicklung eines Jugendlichen leichter trainieren als die Schnelligkeit.

Es wird immer häufiger vom Training nur mit dem eigenen Körpergewicht gesprochen. Entspricht das Ihrer Philosophie? 

Bei mir findet ein Mix aus Übungen mit dem eigenen Körpergewicht und Übungen mit zusätzlichen Gewichten statt. Zunächst trainieren aber alle Spielerinnen und Spieler mit dem eigenen Körpergewicht. Das sind unter anderem Übungen wie Kniebeugen, Ausfallschritte, Liegestütz und Klimmzüge. Beherrscht ein Spieler diese Übungen und kann seinen Körper in jeder Position sicher kontrollieren, kommen zusätzliche Gewichte wie Medizinbälle, Kettlebells, Kurz- oder Langhanteln hinzu. Dabei bleibt das Hauptaugenmerk immer auf der Qualität der Ausführung. Leider fangen viele zu früh an, mit zu viel Gewicht zu trainieren. Dadurch verlieren sie an Beweglichkeit und Sauberkeit bei der Ausführung, wodurch das Verletzungsrisiko steigt. Diese Situation wird es in meinem Training nicht geben, da jeder Spieler dort „abgeholt“ wird, wo er sich aktuell mit seinen Fähigkeiten befindet. Nur so kann garantiert werden, dass langfristig gesunde Athleten und Athletinnen ausgebildet werden.

Arne Carl ist seit Januar 2019 als Athletiktrainer für den Tennisverband Niedersachsen-Bremen sowie für die TennisBase Hannover tätig und arbeitet mit den besten deutschen und internationalen Nachwuchsspielern. Zuvor arbeitete er dreieinhalb Jahre im Nachwuchsbereich des Fußballvereins Hannover 96. Er absolvierte ein duales Studium an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement.