Rafael Nadal, Novak Djokovic – Münzwurf

Mental Game: Die Bedeutung des Münzwurfes im Tennis

In der Kolumne „Mental Game” von Coachremotely geht es um die Bedeutung des Münzwurfes und des ersten Aufschlagspieles in einem Tennismatch. 

Von Alex Zirinski

In diesem Artikel wollen wir den mentalen Herausforderungen eines Tennismatches auf die Spur gehen. Oft hört man solche Floskeln wie: Das Spiel wurde im Kopf entschieden. Aber was genau heißt das? Welche Faktoren spielen bei einem Match eine Rolle? Wir haben für Sie Tausende von Matches der ATP- und Challenger-Tour analysiert und die wichtigsten Faktoren und Momente eines Tennismatches herausgearbeitet. Welche Lehren können vom Tennis für den Alltag – beruflich und privat – gezogen werden? Regelmäßig erscheint hier auf tennismagzin.de unsere Kolumne zu komplexen Fragen rund um den Filzball, über die wir uns mit Ihnen in den Kommentaren den Kopf zerbrechen möchten.

Der Münzwurf im Tennis: Alles beginnt mit dem Anfang

Es erstaunt mich immer wieder, wie scheinbar leichtsinnig Spieler den Münzwurf vor der Aufwärmphase des Matches nehmen. So reagierte Borna Coric – seines Zeichens einer der professionellsten Spieler auf der Tour – vor seinem Zweitrunden-Match in Rom verwirrt auf die Frage des Schiedsrichters, ob er Rück- oder Aufschlag nehmen sollte. Natürlich eine Frage, die Profis regelmäßig vor jedem Match erwarten dürfen. Und obwohl quasi zum „täglich Brot“ gehörend, machen sich viele Spieler nicht genug Gedanken über die Folgen dieser vermeintlich kleinen Entscheidung vor Beginn des Warm-ups. Spieler wie Rafa Nadal, Novak Djokovic oder Andy Murray sieht man seit vielen Jahren nicht darüber zweifeln, welche Wahl sie bevorzugen. Sie wählen in jedem Match ausnahmslos „Aufschlag“. Ein Roger Federer handhabt das ähnlich. Seit Jahrzehnten sieht man ihn ebenfalls „Serve“ wählen, mit wenigen Ausnahmen wie z.B. dieses Jahr in Miami.

Warum nehmen die einen Aufschlag – und die anderen Rückschlag?

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die es bei der Wahl zwischen Aufschlag oder Rückschlag zu berücksichtigen gibt.

1) Bin ich „warm“ genug, um das Match mit Aufschlag zu beginnen?

Viele Spieler haben Angst, „kalt“ zu servieren, weil die Wahrscheinlichkeit dadurch gleich ein Break zu Beginn zu kassieren vermeintlich höher ist. Umgekehrt kann es von Vorteil sein, einen guten Server „kalt“ zu erwischen, solange dieser seinen Rhythmus noch nicht ganz gefunden hat

2) Wie nervös bin ich zu Beginn eines Matches?

Einer der Gründe, weshalb Rafa Nadal vor allem in der frühen Phase seiner Karriere sich immer für Rückschlag entschied war, dass er laut eigener Aussage vor Matches üblicherweise sehr nervös ist – auch heute noch.

3) Bin ich eher ein guter Aufschläger oder ein besserer Returnspieler?

Gute Returnspieler wie Kei Nishikori nehmen gerne Rückschlag, weil zum einen der Return ihre Stärke ist und zum anderen sie womöglich von einem „Kaltstart“ ihres Gegners profitieren können.

Im Profitennis sind die Margen extrem schmal – jeder Prozentpunkt ist entscheidend

Warum entscheiden sich also die meisten der Top-Weltklasse-Spieler für Aufschlag (u.a. Djokovic, Federer, Nadal, Murray, Anderson, Isner, Cilic, Raonic)? Vor allem Djokovic, Murray und Nadal gehören zu den besten Returnspielern aller Zeiten, weshalb nehmen sie also nicht Rückschlag? Im Profitennis sind die Margen enorm klein, ein Punkt hier und ein Punkt da entscheidet. Ich denke, es gibt drei entscheidende Faktoren, die dazu beitragen und die in den Bereich der „psychologischen Kriegsführung“ gehören:

4) „Scoreboard Pressure“

Damit man einen Vorteil gegenüber dem Gegner erarbeiten kann, ist es wichtig, ihn in Drucksituationen zu bringen, in denen er weniger frei spielen kann. Denken Sie an die Matches, die 6:4, 6:4, oder 6:4, 4:6, 6:4 ausgehen. Oft sieht man die entscheidenden Breaks bei solchen Ergebnissen erst zum Ende des Satzes.

Findet ein Break zu Anfang oder Mitte eines Satzes statt, vor allem auf langsameren Belägen, hat man bewusst oder unterbewusst stets das Gefühl, man hätte noch Zeit den Gegner zurück zu breaken. Serviert man als Zweites, schleicht sich selbst bei Profis mit jahrelanger Tourerfahrung zum Ende des Satzes eine erhöhte Nervosität ein. Ein Fehler zu viel und der Satz ist schnell vorbei – mag man vorher noch so gut gespielt haben. Aus Sicht desjenigen, der bei 5:4 returniert, ist es hingegen so, dass man ein Game spielen darf, in dem man nichts zu verlieren hat und damit freier aufspielen kann.

5) Selbstbewusstsein / Selbstvertrauen demonstrieren

Es ist bekannt, auch unter Profis auf der Tour, dass die meisten Spieler sich am Ende doch für Rückschlag entscheiden. Arbeitet man aber bewusst im (Match-)Training und mental daran, sich für „Service“ zu entscheiden, kann einem dies einen substanziellen Boost im Match-Spiel geben. Man demonstriert dem Gegner gegenüber, bewusst oder unterbewusst, „ich gebe den Ton an und du hast mir hinterher zu laufen“. Spielt man ein gutes, selbstbewusstes erstes Game, kann das, vor allem auf Clublevel, einen starken ersten Eindruck hinterlassen.  Wie im Alltag oder Business gibt es gibt keine zweite Chance für einen guten ersten Eindruck.

6) Sich selbst zu Disziplin zwingen

Einige Spieler entscheiden sich auch deshalb für Rückschlag, weil sie im ersten Game vielleicht mental noch nicht ganz präsent sind und es noch als ein „Warm-up Game“ betrachten. Wer mental an sich arbeitet und sich darauf konditioniert, das Match konzentriert mit Aufschlag zu beginnen, zwingt sich von vornherein mental „da zu sein“ und kann selbst davon zu profitieren, einen womöglich langsam startenden Gegner überrumpeln zu können.

Was davon nun fragen Sie sich, ist relevant für den Alltag oder das Geschäftsleben?

Wir denken, dass alle Aspekte relevant bzw. dort in der einen oder anderen Form wiederzufinden sind.

  • Vorbereitung, Disziplin, Training – wer ein Match langsam beginnt oder verschläft, für den kann der erste Satz und damit das halbe Match schnell vorbei sein. Wer seine Verhandlung, Präsentation etc. nicht von Anfang konzentriert angeht, läuft Gefahr sie zu vermasseln.
  • Selbstbewusstsein ist etwas, woran man arbeiten kann und sollte. Nicht zuletzt entsteht es aus einer guten Planung und Vorbereitung.
  • Die entscheidenden Dreh- und Angel-Punkte kennen – so wie es diese im Tennismatch gibt, existieren sie z.B. in einer Verhandlung auch. Wer diese kennt und für sich zu nutzen weiß, hat gegenüber dem Wettbewerb einen möglicherweise entscheidenden Vorteil.
  • Den Mut haben, den ersten Schritt zu wagen. Wer den ersten Schritt geht, führt nicht nur automatisch, er übt ebenfalls eine Form der Kontrolle aus.

Dies ist ein Gastbeitrag von Coachremotely. Wie und was man grundsätzlich aus dem Sport für den Business-Alltag lernen kann lernen Sie auch bei uns auf www.coachremotely.de. Schauen Sie gerne bei uns vorbei und melden Sie sich für ein Schnuppercoaching an.