Rasenzauber – wie ein Kindheitstraum wahr wurde

Rasentennis Bild: Imago/Shutterstock

Smash-Kolumnist Marco Chiudinelli schreibt über seine Erlebnisse in Wimbledon.

Schon als tennisbegeisterter Junge war mir bewusst, dass Tennis nicht gleich Tennis ist. Auch wenn es überall um denselben Sport geht, war mir früh klar: Die Spielunterlage macht einen enormen Unterschied bei der Art und Weise aus, wann und wie welche Schläge eingesetzt werden. Diese Unterschiede erlebte ich in meinen Jugendjahren hautnah auf Sand-, Teppich- und Hartplätzen, auf denen ich das Spiel erlernte, trainierte und erste Matches spielte.

Auch die beiden damaligen Tennis-Highlights in der Region, bei denen ich von der Seitenlinie aus mit den Top-Cracks mitfieberte, fanden auf diesen mir vertrauten Belägen statt: Die Schweizer NLA-Interclub-Meisterschaft auf Sand und die Swiss Indoors auf Teppich und später dann auf Hartplatz. Ganz anders verhielt es sich mit Rasen: Dieser hatte für mich etwas Mystisches, beinahe Unwirkliches. Ich kannte ihn nur aus dem Fernsehen – wenn Wimbledon übertragen wurde – oder aus Erzählungen. Das satte Grün, auf dem sich die ausschliesslich elegant in weiss gekleideten Stars die Bälle um die Ohren schlugen, faszinierte mich sofort.

Als ich dann als Profi 2001 bei einem Challenger-Turnier in Bristol, UK, erstmals selbst auf Rasen spielte, war das für mich ein ganz besonderes Erlebnis. Ich merkte schnell: Zum Rasenspezialisten würde ich nie werden. Dafür liegt mir das Spiel auf Hartplatz, auf dem die Bälle regelmässiger und in einer angenehmeren Höhe abspringen und man sich sicherer bewegen kann, schlicht besser. Auf Rasen läuft alles schneller, flacher, direkter. Zudem sind nicht alle Rasenplätze in demselben oder zumindest einem ähnlich guten Zustand wie diejenigen in Wimbledon.

Das spezielle Gefühl auf Rasen

Das erlebte ich in Bristol ab dem ersten Ballwechsel: Jeder dritte Ball versprang und der einzige Weg zum Erfolg war derjenige zum Netz, um möglichst keinen Ball aufspringen zu lassen. Trotz einigem Frust – ich verlor gegen einen Doppelspezialisten – bemerkte ich sofort das spezielle Gefühl auf Rasen. Das satte Grün vor Augen, den frischen Gras­geruch in der Nase, das angenehm weiche Gefühl unter den Füssen und die Herausforderung, auf dem ungewohnten Belag neue Lösungen zu finden – unvergleichlich.

Und ich bin bei weitem nicht der Einzige, dem es so geht. Viele Profis, die ebenfalls keine typischen Rasenspieler sind, schwärmen vom Spielgefühl auf Gras, auch wenn es dazu bei einigen etwas Anlaufzeit braucht. Ein Beispiel ist Casper Ruud. Auch er ist kein typischer Rasenspieler und meinte vor ein paar Jahren noch, dass Rasen für Golfspieler sei. Mittlerweile beschreibt er das Spiel auf Rasen aber als «fun» und nennt Wimbledon als das Turnier, das er am liebsten einmal gewinnen würde.

Zugegeben: Meine eigene Rasenbilanz während meiner Karriere war nicht besonders erfolgreich und Wimbledon ist das einzige Grand Slam, bei dem ich nie ein Match gewinnen konnte. Das wurmt mich auch heute noch ein wenig, vor allem, weil ich durchaus auch persönliche Highlights auf Rasen feiern konnte. Besonders in Erinnerung bleibt mir dabei mein Premierensieg auf der ATP-Tour.

Mein Premierensieg auf der ATP-Tour

Dieser Meilenstein gelang mir 2004 beim ATP-Turnier in Halle und kam auf eine spezielle Art zustande: Nachdem ich am Sonntag in der letzten Qualifikationsrunde meinem Davis-Cup-Kollegen Michel Kratochvil klar in zwei Sätzen unterlag, rutschte ich aufgrund von der verletzungsbedingten Absage von David Nalbandian trotzdem noch als «Lucky Loser» ins Hauptfeld und spielte, wie es der Zufall so wollte, exakt 24 Stunden nach unserem Qualifikationsmatch, auf demselben Platz und zur selben Uhrzeit nochmals gegen Michel Kratochvil. Mit neuer Taktik ausgerüstet gelang mir mit einem super Match die Revanche und somit mein erster Sieg auf der ATP-Tour. Ein Moment, an den ich mich bis heute gerne erinnere, umso mehr, weil ich über zehn Jahre lang meine Trainingsbasis in Halle hatte und es sich dort für mich wir eine zweite Heimat anfühlt.

Heute, nach meiner Karriere, stelle ich fest, dass es vielen Hobbyspielern ähnlich geht wie mir damals als kleiner Junge: Rasentennis kennen sie nur vom Zuschauen, aber eigentlich würden sie auf der grünen Unterlage gerne selbst einmal zum Racket greifen. All denjenigen, die sich diesen Wunsch einmal erfüllen wollen, kann ich dazu folgende zwei Möglichkeiten ans Herz legen: In Biel kann seit mehreren Jahren dank der Initiative von «Tennis Champagne» in den Sommermonaten auf einem ehemaligen Fussballfeld Rasenluft geschnuppert werden.

Und wer das ganz besondere Erlebnis sucht, dem empfehle ich eine Teilnahme an meinem Rasen Tennis Camp in Halle, Westfalen, das ich jeweils im Juli durchführe. Dort spielen wir während vier Tagen auf den Originalplätzen des ATP 500 Turniers, wo Roger Federer mit zehn Titeln Rekordsieger ist.

Auf jeden Fall empfehle ich allen Tennisfans, die die Möglichkeit dazu haben, das Gefühl des Rasentennis einmal selbst zu erleben. Denn: Tennis ist nicht gleich Tennis und Rasen ist nicht gleich irgendein anderer Belag. Rasentennis ist ein Gefühl und ein Stück Tennisgeschichte. Und für alle, die unseren Sport lieben, ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Marco ChiudinelliBild: Dominik Plüss

Marco Chiudinelli war 18 Jahre Profi und die Nummer 52 der Welt. 2014 gewann er mit der Schweiz den Davis Cup. Heute arbeitet er als Tennisexperte und veranstaltet Camps.