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Post aus Paris: Das idyllische Trainingsgelände Jean Bouin

Im vergangenen Jahr eröffnete die modernisierte und drastisch erweiterte Trainingsanlage der French Open: Jean Bouin. Dieser Ort ist wie eine Oase der Ruhe – die Profis lieben ihn.



Wer dem Gedränge im stressigen Stade Roland Garros entgehen will, muss nur aus Ausgang I rausgehen, nach links abbiegen auf den Boulevard d’Auteuil, acht Minuten laufen und schon steht er vor dem Tor des Club Paris Jean Bouin Tennis. „Jean Bouin“ , wie dieser idyllische Ort kurz genannt wird, ist das topmodernisierte und erweiterte Trainingsgelände der French Open. „Es war wichtig und sinnvoll, dass Roland Garros dieses Trainingsgelände bekommen hat, das einem Grand Slam-Turnier gerecht wird“, sagt Boris Becker. Der dreifache Wimbledon-Sieger lehnt bei 28 Grad lässig und unbehelligt an einer Brüstung und schaut Dominic Thiem beim Training zu. Er hat gleich einen Eurosport-Dreh mit dem österreichischen Jungstar.

Mattek-Sands und Safarova jonglieren

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IMMER GUT DRAUF: Das weltbeste Damendoppel Lucie Safarova (li.) und Bethanie Mattek-Sands beim „Training“.

Becker schwärmt weiter: „ Haben Sie schon das Super-Gym gesehen? Die Spieler fühlen sich hier sehr wohl!“ Hier herrscht Village-Atmosphäre vor dem Rugby-Stadion Jean Bouin, überall Bänke, eine Rasen-Fläche, Sonnenschirme, ein Bistro, die Spieler und Coaches sind hier weitgehend unter sich. Das beste und bestgelaunteste Damendoppel der Welt – Lucie Safarova/Bethanie Mattek-Sands – versucht zu zweit zu jonglieren, und scheitert immer wieder schallend lachend, während Mattek-Sands tätowierter Bär von einem Mann ein Filmchen für Instagram davon dreht. Die Tennis-Punkerin Mattek-Sands hebt hervor, dass es in Jean Bouin „großartige Courts, eine schöne Lounge-Area und leckeren Kaffee“ gibt. Safarova ergänzt: „Und VIEL MEHR Platz als drüben in Roland Garros.“ Caroline Wozniacki und ihr deutscher Hitting-Partner Sascha Bajin gesellen sich kurz dazu und erzählen vom letzten Abendessen. Man kichert, man kennt sich.

Nur ein Dutzend Journalisten verlieren sich an diesem Donnerstag hierher. Ohne Akkreditierung darf sowieso niemand Jean Bouin betreten. Grigor Dimitrov wird von einer jungen Frau von der Fédération Française de Tennis (FTT) um ein Selfie gebeten; dieser Bitte kommt Mr. Charming natürlich gern nach. Draußen vor dem Eingang warten nur eine Handvoll Fans und holen sich Autogramme von David Goffin und den Bryan-Brothers, die gerade aus einem der schwarzen offiziellen Peugeot-Caravans der French Open mit den abgedunkelten Scheiben gestiegen sind.

Nadal und Co. bevorzugen die Ruhe in Jean Bouin

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STARS ZUM ANFASSEN: Boris Becker (li.) im Experten-Talk; Dominic Thiem auf dem Weg zum Training.

Auf einem Stuhl unter einem Sonnenschirm sitzt Anna-Lena Grönefeld und schließt den Klettverschluss ihrer Knöchel-Manschetten. „Es ist etwas entspannter hier“, sagt die 31-Jährige. „Und an reinen Trainingstagen ist es schön, nur hier zu sein.“ Wenn sie allerdings im ersten oder zweiten Match des Tages angesetzt sei, wärme sie dich drüben im Stade Roland Garros auf den wenigen Trainingsplätzen dort auf. Manche Spieler trainieren grundsätzlich lieber in aller Ruhe auf Jean Bouin und am liebsten auf einem der hinteren Plätze dort. Dazu gehörte Sascha Zverev in den ersten Tagen – und im allgemeinen Rafael Nadal, der diesmal auf Platz 28 spielt. Sein neuer Coach Carlos Moya übernimmt das Sparring selbst. Der 40-Jährige ist noch gut im Schlag.

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ÜBERSICHTSPLAN: Etliche Trainingscourts stehen den Profis in Jean Bouin zur Verfügung.

Jean Bouin als alternative Trainingsanlage gibt es schon viele Jahre, aber erst zum letzten Jahr wurde es drastisch ausgeweitet und modernisiert. „Im Vorjahr hat alles aber noch nicht so gut geklappt, weil es die ganze Zeit geregnet hat. Erst in diesem Jahr haben die Spieler Jean Bouin so richtig für sich entdeckt“, erzählt ein junger Mann von der FFT am Einlass-Counter. Wie viele Tennisplätze es auf den verschiedenen Ebenen sind, ist schwer zu sagen. Die Nummern gehen bis 33, aber ganz so viele Draußen-Sandplätze sind es nicht. 11 stehen an diesem Tag für die Profis zur Verfügung – 23 bis 33. Es sei – natürlich – exakt dieselbe Sandmischung und dieselbe Court-Präparation wie auf den Turnierplätzen, erklärt der Mann vom französischen Verband. Und im Inneren des Rugby-Stadiums gebe es noch Indoor-Plätze, Hartcourts und auch Sandplätze. Davon stünden fünf den French Open zur Verfügung – für den Regen-Fall.

Die French Open haben ein Platzproblem

Im Inneren der Player’s Arena, einem eckigen weißen Gebäude, auf dessen Dach sogar noch Plätze gebaut wurden, gibt es schicke neue Umkleiden, Physio-Räume, ein Fitness-Center (das „Super-Gym“, das Becker meint) und eine Warm-up-Area. Geplant ist, dass Jean Bouin künftig nicht nur eine Trainingsalternative ist, sondern das offizielle Practice Center der French Open wird, diesem Grand Slam-Turnier mit Platzproblem.

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WO GEHT ES HIER LANG? Das Trainingsgelände liegt im Schatten des großen Rugby-Stadions „Jean Bouin“.

Im restlichen Jahr ist Jean Bouin ein Tennisclub. Die Außenplatz-Anlage der FFT, wo die Nachwuchspieler der Franzosen zentral trainieren, ist nach wie vor das Stade Roland Garros. Und in Sichtweite steht auch das neue Hightech-Trainingcenter des Verbandes, ein kastenförmiges Gebäude mit silbernem Dach. Hier gibt es zum Beispiel einen sauerstoffarmen Raum, der simuliert, man sei in 3000 Metern Höhe, und Courts mit imposanten Videosystemen.

Becker und Djokovic laufen sich über den Weg

Jean Bouin aber ist einfach ein gechillter Ort, ein Zufluchsort bei diesen aus allen Nähten platzenden French Open. Boris Becker hat nun sein Interview mit Dominic Thiem erledigt, jetzt sitzt er kurz auf einer Bank und schont den Knöchel, der ihm Probleme bereitet. Plötzlich erblickt er einen alten Bekannten. Novak Djokovic kommt des Weges geschlendert. Und es gibt eine dicke, lange Umarmung zwischen den beiden.

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