US-Spieler Michael Zheng: Ein Psychologie-Student überrascht in Melbourne
Michael Zheng steht in der zweiten Runde der Australian Open, aber wer ist dieser 21-jährige US-Spieler überhaupt? Wir stellen ihn genauer vor.
Eigentlich müsste Michael Zheng am 20. Januar wieder in New York sein. Dann beginnen an der Columbia-University nämlich seine nächsten Psychologie-Kurse. Aber dem US-Studenten ist am anderen Ende der Welt etwas dazwischengekommen: Er steht plötzlich in der zweiten Runde der Australian Open nach einem Überraschungssieg gegen Landsmann Sebastian Korda. Sein nächster Gegner heißt: Corentin Moutet.
Michael Zheng: Vom Collegetennis zum Grand Slam-Turnier
Die Geschichte von Michael Zheng belegt ein weiteres Mal, wie erfolgreich der Weg über das Collegetennis in den USA sein kann. Zheng, Sohn von chinesischen Auswanderern, geboren und aufgewachsen im US-Bundesstaat New Jersey, ist der Tennisheld seiner New Yorker Uni. Für die „Lions“, wie die Sportteams an der Columbia University genannt werden, gewann er 2024 den ersten Einzeltitel bei den US-Collegemeisterschaften (NCAA) seit mehr als einem Jahrhundert. 2025 gelang ihm dann sogar die Titelverteidigung – als erstem Spieler seit Steve Johnson (2011/12). Johnson etablierte sich später auf der ATP-Tour.
Michael Zheng fand durch seinen Vater den Weg zum Tennis. Er trainierte als Kind schon im USTA National Center, Heimat der US Open. Früh zeigte er Talent, wurde entsprechend gefördert und stand 2022 im Junioren-Finale von Wimbledon. Nach seiner Juniorenzeit wurde er an der Columbia University angenommen, die zu einer der besten Universitäten der Welt zählt. Ursprünglich wollte er Wirtschaftswissenschaften studieren, aber er blieb dann bei der Psychologie hängen. Nach seinem ersten NCAA-Titel dachte er darüber nach, das Studium abzubrechen, doch er zog es weiter durch – bis heute.

Zweifacher US-Collegemeister: Michael Zheng holte sich den NCAA-Titel 2024 und 2025.Bild: IMAGO
Michael Zheng: Bald zurück ins Mehrbettzimmer
Als er am Sonntag dann als Qualifikant in fünf Sätzen gegen Korda gewann, sagte er US-Medien, dass er es seinen Eltern – und auch sich selbst – versprochen habe, seinen Abschluss zu machen. 15 Creditpunkte bräuchte er noch. Wenn alles gut läuft, könnte er das in einem Semester schaffen. Konkret heißt das für ihn: Nach den Australian Open wird er zurückkehren in sein Mehrbettzimmer auf dem Uni-Campus der Columbia, das er sich mit fünf anderen Studenten teilt. „Wenn ich hier fertig bin, gehe ich also zurück zur Uni“, kündigte er an.
Was mit seinem Preisgeld geschehen wird (aktuell immerhin knapp 130.000 Euro), ist noch nicht klar. Als Collegespieler darf er dieses Geld möglicherweise nicht annehmen, außer zur Deckung seiner tennisbezogenen Ausgaben. Aber weil in seinem Studium kurz vor dem Abschuss steht, gibt es möglicherweise einen gewissen Spielraum. „Ich werde mit unserem Cheftrainer sprechen und versuchen herauszufinden, wie es mit dem Preisgeld aussieht, ob ich es annehmen darf oder nicht“, sagte Zheng: „Ich möchte keinen Ärger bekommen oder so.“
Das Erstaunliche ist nun: Zheng stand noch im Sommer 2025 außerhalb der Top 700. Er bekam dann eine Wildcard für das Challenger-Turnier in Little Rock – und erreichte auf Anhieb das Finale. Im weiteren Saisonverlauf gewann er drei Titel bei US-Challenger-Turnieren und schoss in den Top 200. „Gleich nach seinem Sieg im Finale des Tiburon Challenger im Oktober nahm Michael einen Nachtflug am Sonntagabend, um am Montagmorgen in New York City eine Prüfung abzulegen“, erzählte sein Uni-Coach Howard Endelman der ATP-Website. „Er nimmt diese Doppelbelastung ganz gelassen.“
Aktuell ist Zheng die Nummer 174 in der Weltrangliste und rutschte so erstmals in die Qualifikation für ein Grand Slam-Turnier. Im Quali-Finale drohte ihm das Aus: Gegen Lukas Klein musste er im entscheidenden Match-Tiebreak des dritten Satzes einen Matchball abwehren, obwohl er schon 7:1 und 9:7 geführt hatte. Am Ende gewann er 4:6, 6:3, 7:6 (12:10) und stand im Hauptfeld. Dort führte er schon mit 2:0 Sätzen gegen Sebastian Korda, um am Ende dann im fünften Durchgang zu gewinnen. Insbesondere in der US-Tennisbubble erhielt der Sieg natürlich eine Menge Aufmerksamkeit.
Korda double faults on the last two points to give two time NCAA champion Michael Zheng his first ever grand slam victory. pic.twitter.com/wJBLY9btAe
— The Big Three (@Big3Tennis) January 18, 2026
„Bleib am College, Bruder!“
Frances Tiafoe sagte in der Pressekonferenz nach seinem Auftaktsieg: „Sein Sieg zeigt, wie stark das Collegetnnis ist, oder? Korda ist seit langem einer der besten Amerikaner. Michael kommt hierher und schlägt ihn. Das ist verrückt. (…) Ein Hoch auf die Columbia-Uni! Hoffentlich bleibt Michael noch am College und schlägt nicht weiter alle Amerikaner. Bruder, bleib so lange am College, wie du willst!“
Zheng selbst ist der Meinung, dass ihn das Collegetennis perfekt für große Grand Slam-Momente vorbereitet hätte: „Ich habe das Gefühl, dass man, wenn man für ein College antritt, für etwas Größeres als sich selbst spielt. Es gibt also viele Menschen, die einen unterstützen. Man möchte natürlich für sich selbst gewinnen, aber auch für seine Schule. Überraschenderweise war ich vor dem Finale der NCAA nervöser als vor diesem Match gegen Korda.“
Der letzte Collegespieler, der einen so bemerkenswerten Einstand auf der großen Tennisbühne gab, war Ben Shelton. Er gewann 2022 den NCAA-Titel, spielte sich über US-Challenger-Turniere in die Top 100 und erreichte dann 2023 bei den Australian Open das Viertelfinale. Es war der Beginn seines Aufstiegs. Allerdings: Shelton beendete sein Studium nicht – anders als Michael Zheng, sofern er sich an seinen Plan hält.
Michael Zheng mit Defensivstärken
Was die Spielanlage betrifft, könnten Shelton und Zheng kaum unterschiedlicher sein. Linkshänder Shelton gilt als einer der besten Aufschläger der Tour und ist stark offensiv ausgerichtet. Zheng ist eher der Typ Dauerläufer, der von der Grundlinie aus agiert und äußerst defensivstark ist.

Stark von der Baseline: Michael Zheng ist leicht und quirlig – ideal, um aus der Defensive heraus zu punkten.Bild: IMAGO
Sieht sich der Psychologie-Student im Vorteil gegenüber anderen Profis, weil Tennis ja so oft im Kopf entschieden wird? „Man lernt, seine Zeit einzuteilen, und in stressigen Momenten kann man meiner Meinung nach etwas besser damit umgehen, weil man all diese Arbeit investiert und gleichzeitig das College unter einen Hut bringt. Vielleicht verschafft mir das einen kleinen mentalen Vorteil, dass man womöglich etwas mehr leistet als die anderen und gleichzeitig auf dem gleichen Tennis-Niveau ist“, vermutet Zheng.
Sollte Zheng nun auch die nächste Hürde nehmen und gegen Moutet gewinnen, könnte er in der dritten Runde auf Carlos Alcaraz treffen, der seinerseits aber erst noch Yannick Hanfmann besiegen muss. Ein Psychologiestudent fordert die Nummer eins der Welt heraus – das wäre jedenfalls ein spannendes Match-Up. „Wenn ich Carlos Alcaraz in der dritten Runde schlage, werde ich vielleicht darüber nachdenken, direkt Profi zu werden“, scherzte Zheng.
