Sie ist der heimliche Star auf der WTA-Tour. Wenn sie spielt, sind die Stadien voll. Alexandra Eala fliegen die Herzen der Zuschauer zu. Was die Filippina so besonders macht.
Als Alexandra Eala auf dem Centre Court in Wimbledon in der dritten Runde Titelverteidigerin Iga Swiatek aus dem Turnier nahm, trug sie eine Botschaft mit sich. Auf der Rückseite ihrer Schirmmütze war auf Philippinisch der Satz „Kapag lumago, hindi na hihinto“ zu lesen. „Das ist ein Spruch, den mein Ausrüster Nike und ich uns ausgedacht haben. Er bedeutet: ‚Wenn es erst einmal wächst, ist es nicht mehr aufzuhalten.‘ Ich finde, das ist eine wirklich schöne Botschaft. Wir greifen das Motiv der Sampaguita-Blume auf, die ich letztes Jahr auf dem Kopf getragen habe“, klärte Eala auf.
Wo Alexandra Eala spielt, herrscht Partystimmung
Die Sampaguita-Blume ist die Nationalblume der Philippinen. „Ich finde es sehr bewegend, solche Dinge tragen zu können – oder besser gesagt, Teile meiner Kultur mit mir auf den Platz zu nehmen, denn das ist natürlich ein wesentlicher Grund dafür, wer ich bin. Meine Herkunft ist ein großer Teil dessen, wer ich bin, und ein großer Teil dessen, wer ich in Zukunft werden möchte“, erzählte Eala.
Der Spruch „Kapag lumago, hindi na hihinto“ steht sinnbildlich für den rasanten Aufstieg von Eala in den letzten Monaten. Damit ist nicht ihr Einzug in die Top 20 im WTA-Ranking nach ihrem Premierentitel auf der WTA-Tour in Washington gemeint, sondern viel mehr ihr Aufstieg zu einer der gefragtesten und beliebtesten Spielerinnen im Damentennis. Wo Eala spielt, herrscht Partystimmung – wie beim Brasilianer Joao Fonseca im Herrentennis.
Der 21-Jährigen aus Quezon City, der größten Stadt der Metropolregion Manila, fliegen die Herzen zu. Überall, wo sie auftritt, sieht man philippinische Flaggen: in Miami, Wimbledon, Washington, Toronto oder zuletzt in New York. Eala ist der neue Superstar der Philippinen, hinter der sich die gesamte Nation (117 Millionen Einwohner) und die vielen Auswanderer in aller Welt versammeln.
„Eala Mania” in Washington und Toronto
Das kann Mark Ein, Besitzer des ATP-und WTA-Turniers in Washington, bestätigen, der davon berichtete, wie die Ticketing-Abteilung mit Fragen überflutet wurde, wenn Eala auf dem Platz steht. „Sie ist zweifellos eine Ikone – nicht nur auf den Philippinen, sondern weltweit. Es gibt eben überall Filipinos“, sagte Ein. In Toronto musste Ealas Auftaktmatch wegen des riesigen Ansturms auf den Centre Court verlegt werden. „So etwas haben wir noch nie so früh im Turnier gesehen: ein ausverkauftes Stadion, so begeisterte Zuschauer, ihr eigenes Essen, das sie mitbrinhgen, so viele Fahnen, einfach ein unglaubliches Erlebnis“, erzählte Toronto-Turnierdirektor Karl Hale über die immer weiter wachsende „Eala Mania“ in den Tennisstadien.
Bild: Imago/Mathew TsangLautstarke Unterstützung für die neue nationalheldin: Beim WTA-Turnier in Toronto erreichte die „Eala Mania” ihren vorläufigen Höhepunkt. Alle Spiele von Alexandra Eala waren ausverkauft.
Als tennis MAGAZIN im vergangenen Jahr in Wimbledon Eala zum Interview trifft, ist die damals 20-Jährige noch längst kein Weltstar. Ihr Name wird in der Tennisszene zwar bereits hoch gehandelt, doch zu jenem Zeitpunkt wartete sie noch auf ihren ersten Matchsieg bei einem Grand Slam-Turnier. Dennoch bekam man damals schon den Eindruck, dass in Eala ein kommender Star schlummert. Das liegt nicht nur an ihrem furchtlosen, mitreißenden und emotionalen Spielstil, sondern vor allem an der Art und Weise, wie sich die Filipina abseits des Courts verhält. Eloquent, charmant, ohne in Platitüden zu verfallen und immer mit einem Lächeln im Gesicht geht Eala mit dem riesengroßen Interesse an ihrer Person um.
Training bei Rafael Nadal
Seit ihrem Juniorinnentitel bei den US Open 2022 ist Eala eine Sportheldin auf den Philippinnen. Sie erschien anschließend auf dem Cover der Modezeitschrift Vogue. „Dies war eine solch große Ehre. Ich erinnere mich noch an den Abend, als meine Mutter mir erzählte, dass ich in der Vogue erscheinen würde. Wir waren in einem Hotelzimmer in New York und schrien vor Freude: ‚Oh mein Gott! Ja‘“, erzählte sie gegenüber tennis MAGAZIN.
Mit zwölf Jahren gewann Eala das prestigeträchtige U14-Turnier „Les petits As“. Mit 13 Jahren verließ sie die Philippinen, um an der Rafa Nadal Academy auf Mallorca zu trainieren, vor allem mit Onkel Toni. „Es war sehr aufregend, weil ich wusste, dass die Karrierechancen im Tennis in den Philippinen nicht so groß waren. Ich wusste, dass ich die Philippinen verlassen und lernen musste. Ich hatte nicht erwartet, dass dies so früh sein würde, aber als sich die Gelegenheit bot, musste ich sie einfach ergreifen“, sagte sie rückblickend.
Fünf Jahre trainierte sie in Manacor. Als sie im Juni 2023 ihren „Abschluss“ an der Rafa Nadal Academy machte, posierte sie mit ihrer Urkunde und in blauer Graduierten-Robe neben Rafael Nadal und Iga Swiatek, die als Ehrengast zur Abschlussfeier eingeladen war. Knapp zwei Jahre später besiegte Eala im Viertelfinale des Masters-Turnier in Miami unter den Augen von Toni Nadal die mehrfache Grand Slam-Siegerin Swiatek mit beeindruckendem Spiel und stoischer Abgeklärtheit. Das Abschlussfoto mit Eala und Swiatek ging anschließend um die Welt.
Alexandra Eala auf dem Weg zur Nationalheldin
Seit ihrem Durchbruch in Miami 2025 im März geht es für die inzwischen 21-Jährige Schritt für Schritt nach oben im WTA-Ranking. Eala bringt die Philippinen auf die Tennis-Landkarte. Was auch immer ihr auf der WTA-Tour gelang, sie war die erste ihres Landes: Top 100, Matchsieg bei einem Grand Slam-Turnier, Erfolg gegen einen Grand Slam-Champion, Titelträgerin auf der WTA-Tour.
Bild: InstagramFotoshooting: Alexandra Eala mit ihrer Siegertrophäe in Washington.
Der Weg, um mit dem sportlichen Nationalhelden der Philippinen, dem mehrfachen Boxweltmeister Manny Pacquiao, auf eine Stufe zu gelangen, ist noch ein meilenweiter. Das weiß auch Eala. „Er spielt in einer anderen Liga. Er ist unsere Sportlegende. Er war der erste, an den ich mich erinnere, der die Philippinen in Sachen Sport bekannt gemacht hat. Ich erinnere mich, dass wir uns alle mit der Familie versammelten, wenn er einen Kampf hatte. Es war wie ein Nationalfeiertag, wenn er boxte. Deshalb strebe ich danach, diese Art von Reichweite und Einfluss zu haben“, sagt sie über ihren Landsmann.
Inzwischen ist Eala selbst ein riesengroßes Vorbild, vor allem für junge Mädchen von den Philippinen, die von einer Sportkarriere träumen. „Letztendlich ist es nicht meine Entscheidung, ob ich ein Idol bin oder nicht. Natürlich fühle ich mich sehr geschmeichelt und es motiviert mich zusätzlich. Ich repräsentiere die Philippinen, also muss ich auf mein Verhalten achten. Die schönsten Nachrichten, die ich von einigen Fans bekomme, sind, wenn sie wegen mir mit dem Tennisspielen anfangen oder wegen mir ihre Liebe zu diesem Sport wiederentdecken. Ich finde es sehr wichtig, auf dieser internationalen Bühne vertreten zu sein. Das vermittelt die Botschaft, dass sie es auch schaffen können, wenn sie aus derselben Gegend kommen wie ich“, erzählte sie.
Alexandra Eala: „Meine ganze Geschichte ist sehr authentisch”
Eine Last, dass Millionen Augen aus ihrer Heimat und von Exil-Philippinern auf sie gerichtet sind, scheint es die Linkshänderin nicht zu spüren. Ganz im Gegenteil. Umso größer der Zuspruch, umso mehr scheint es sie auf dem Platz zu beflügeln – so wie bei ihrem Turniersieg in Washington, als sie auf dem Weg zum Titel nacheinander die Topspielerinnen Elina Svitolina, Naomi Osaka und Jessice Pegula besiegte.
„Einer der wichtigsten Gründe, warum sich das so natürlich und leicht anfühlt, ist, dass es authentisch ist. Meine ganze Geschichte ist sehr authentisch. Sie liegt mir sehr am Herzen. Ich versuche nicht, jemand zu sein, der ich nicht bin. Ich versuche nicht, von meinen Werten abzuweichen. Das macht es mir leichter, ich selbst zu sein und mit solchen Situationen umzugehen. Im Alltag gibt es Druck, als Leistungssportler ist der Druck noch größer. In dieser Hinsicht mussten wohl alle einen Weg finden, mit diesem Druck umzugehen. Bei mir ist das also nicht anders“, sagte sie über ihre neue Rolle als Vorbild.
Ihre offene und nicht aufgesetzte Art kommt an, nicht nur bei den Tennisfans weltweit, sondern auch bei ihren Spielerkolleginnen. Zu ihrem 21. Geburtstag vor Beginn der French Open überraschten sie Eva Lys (Deutschland), Iva Jovic (USA) und Zeynep Sönmez (Türkei) mit einer Geburtstagstorte. „Jeder einzelne von ihnen ist ein sehr lieber Freund von mir, und ich weiß nicht, wie ich die Tour ohne diese Freundschaften überstehen würde, denn sie sind nicht nur meine Freunde aus dem Tennis – sie sind wirklich meine Freunde fürs Leben“, sagte Eala über Freundschaften auf der WTA-Tour.
Keine Wutausbrüche, kein Lamentieren
Wer die 21-Jährige auf dem Platz und abseits des Courts erlebt, erkennt eine reflektierte junge Frau, die ihr Leben als Tennisprofi genießt. Dass sie inzwischen überall in den großen Stadien spielen darf, ist für sie keine Selbstverständlichkeit, sondern die Erfüllung ihres Traums als junges Mädchen. Wutausbrüche oder Lamentieren wie bei den Topspielerinnen Aryna Sabalenka und Mirra Andreeva?
Bild: Imago/Ella LingIm Fokus: Bei den US Open 2026 lieferte Alexandra Eala eines der besten Matches des Turniers. In der dritten Runde verlor sie gegen ihre gute Freundin Iva Jovic nach 3:03 Stunden.
Fehlanzeige bei Eala! „Das ist definitiv etwas, worauf ich achte. Meine Eltern haben mir viel über diese emotionale Kontrolle beigebracht. Natürlich habe ich im Laufe meiner eigenen Tenniskarriere auch aus meinen Erfahrungen einige Lektionen gelernt. Ich versuche, meine Emotionen zu steuern, anstatt mich von ihnen leiten zu lassen. Das ist definitiv eine Fähigkeit“, sagte sie über ihre reife Art.
So gut Eala auch Tennis spielen kann, es gibt eine Fähigkeit, die Milliarden Menschen im Schlaf beherrschen, an der sie bis heute gescheitert ist: Fahrrad fahren. „Mein Onkel hat versucht, mir als Kind das Fahrradfahren beizubringen. Das ist nichts für mich. Mit 15 habe ich es noch einmal versucht und mich dabei verletzt. Ich war drei Monate lang außer Gefecht gesetzt. Deshalb sind Fahrräder für mich jetzt so etwas wie ein Trauma“, sagt sie. Eala bleibt lieber bei der Sache, die sie am besten beherrscht und mit der sie inspirieren möchte.
Alexandra Eala: „Inspiration ist etwas ganz Wunderbares”
„Es ist mir eine Ehre, jungen Mädchen den Weg ebnen zu können. Ich finde, Inspiration ist etwas ganz Wunderbares. Ich versuche, so authentisch wie möglich zu sein. Ich glaube an meine Werte. Diese öffentliche Aufmerksamkeit hat es mir wirklich ermöglicht, über mich selbst nachzudenken. Sie ermöglicht es mir, die beste Version meiner selbst zu werden, weil ich weiß, dass viele Menschen zu mir aufschauen. Andererseits denke ich, dass die wichtigste Botschaft ist, dass ich nicht möchte, dass sie mich ansehen und sagen: ‚Ich möchte die nächste Alex Eala sein.‘ Ich möchte, dass sie mich ansehen und sagen: ‚Wow, ich möchte die erste Version von mir selbst sein‘“, sagt sie mit erstaunlicher Selbstreflektion.
Wie wichtig ihr der Einfluss auf die Philippinen ist, zeigt auch, dass sie nach den US Open (Niederlage in der dritten Runde) auf das hochkarätige Masters-Turnier in Peking verzichtet. Statt wertvolle Punkte für ihren weiteren Aufstieg im WTA-Ranking zu sammeln, trat sie für ihr Heimatland bei den Asian Games an. Die „Eala Mania“ kennt derzeit keine Grenzen. Am 8. Dezember bestreitet sie in der Philippine Arena in Bulacan in der weltgrößten Halle (Platz für 55.000 Zuschauer) einen Schaukampf gegen Janice Tjen (Indonesien). 2020 spielten Roger Federer und Rafael Nadal im Stadion in Kapstadt (Südafrika) vor 51.954 Zuschauern. Sollten Eala und Tjen tatsächlich die Arena füllen, wäre es ein neuer Weltrekord. Es wäre das nächste Ausrufezeichen in Sachen „Eala Mania“.
Vita Alexandra Eala
Die 21-Jährige von den Philippinen begann im Alter von vier Jahren mit Tennis. Ihre Mutter Rizza war eine professionelle Schwimmerin. Im Alter von zwölf Jahren gewann die Linkshänderin das prestigeträchtige U14-Turnier „Les Petits As“. Als Juniorin schaffte sie es bis auf Platz zwei der Weltrangliste. 2021 siegte sie in der Juniorinnen-Doppelkonkurrenz bei den French Open. 2022 triumphierte sie bei den US Open. Ihren Durchbruch bei den Profis feierte sie 2025, als sie mit der Halbfinalteilnahme in Miami in die Top 100 einzog. 2026 folgte der erste WTA-Titel in Washington. Ihr bestes WTA-Ranking: Platz 18.
