Davis Cup

Davis Cup-Reform: Kampf um den Pott

Neuer Modus, neuer Name und jede Menge Preisgeld: Der Tennis-Weltverband will den Davis Cup ab 2019 radikal reformieren. Doch der Widerstand in der Szene wächst. Zumal es 2020 noch ein zusätzliches Team-Format auf der ATP-Tour geben soll.

Die Szene des Nachmittags wirkte vertraut, die Spannungen dieses Handschlags erschlossen sich nicht jedem: Davis Cup-Viertelfinale zwischen Italien und Frankreich in Genua. Lucas Pouille hatte gerade den dritten Punkt für den Titelverteidiger gegen Italiens Fabio Fognini geholt, als er die Glückwünsche von Bernard Giudicelli entgegennahm. Giudicelli ist ein wichtiger Mann im Welttennis. Er ist nicht nur Präsident des französischen Tennisverbandes FFT, sondern auch noch Vorsitzender des Davis Cup-Komitees und somit Mitglied im höchsten Gremium des Weltverbandes: das „ITF Board of Directors“.

Giudicelli hat trotz seiner Macht derzeit einen schweren Stand im französischen Tennis. Oft hat er sich dafür ausgesprochen, den Davis Cup zu verändern, ihn umzukrempeln. Er ist damit auf der Linie von David Haggerty, dem ITF-Präsidenten, der mit seinen Plänen für eine ­Radikalreform des Davis Cups mindestens für Aufsehen, in der Szene selbst aber vor allem für Entsetzen sorgte – etwa bei Lucas Pouille. Deswegen war der Handshake von Genua so symbolträchtig.

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REFORMGEGNER: Französische Fans mit einem Plakat beim Auswärtsspiel in Italien im April 2018 – „Der Davis Cup ist in unseren Genen“.

Giudicelli verkörpert in einem seit Wochen schwelenden Konflikt rund um die Zukunft des Davis Cups die klassische Funktionärsriege – öffentlich diplomatisch zurückhaltend, aber immer darauf bedacht, sich für mögliche neue Posten in Stellung zu bringen. Profi Pouille dagegen ist der aufbrausende Hitzkopf, der den alten Davis Cup, so wie ihn jeder kennt, wie ein Löwe verteidigen will. Dass gerade dieses ungleiche Paar sich gemeinsam über den Einzug der Franzosen ins Davis Cup-Halb­finale freute, ja freuen musste, zeigt, wie unvorhersehbar die Kluft zwischen Befürwortern und Gegner der Reform verlaufen kann.

Fußballstar Piqué mischt mit

Frankreich ist ein Davis Cup-Land wie aus dem Werbeprospekt. Die Fans sind legendär, der Zusammenhalt im Team ist seit Jahrzehnten beneidenswert. Heimspiele – und auch oft Auswärtspartien wie jüngst in Italien – arten stets in Volksfeste aus: „Allez les Bleus!“ Und doch sagt FFT-Präsident Giudicelli solche Sätze: „Der Davis Cup ist in Gefahr. Wir müssen ihn retten. Wir brauchen die Garantie, dass die besten Spieler antreten. Es geht nicht um Frankreich, es geht um etwas Größeres.“

Tatsächlich sind die von der ITF geplanten Umwälzungen im Davis Cup immens. Sollten sie umgesetzt werden, wäre es so, als würde jemand eine „Bombe in die Tennis-Landschaft fallen lassen“, wie es der australische Ex-Profi Todd Woodbridge formuliert. Der Davis Cup wäre dann nicht mehr der Davis Cup. Die ITF, allen voran ihr Präsident David Haggerty, ordnet in ihrem Vorhaben alles einem Ziel unter: Mehr Topspieler sollen wieder für ihr Land antreten. Haggerty will das mit einem kompakten Modus an einem neutralen Ort mit allen Teams innerhalb einer Woche Ende November und mit viel Preisgeld erreichen.

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TENNISFAN: Gerad Pique (Mitte), Fußball-Star beim FC Barcelona, als Zuschauer beim ATP-Event in Barcelona.

20 Millionen US-Dollar sollen insgesamt ausgeschüttet werden. Das Geld kommt von einer Investmentgruppe namens „Kosmos“, die von Fußballstar Gerard Piqué gegründet wurde. Piqué ist ein großer Tennis­fan. Kosmos wird zusätzlich vom japanischen Milliardär Hiroshi Mikitani unterstützt, der sein Geld vor allem im Onlinehandel verdient. Mikitani ist Chef des E-Commerce-Unternehmens „Rakuten“, das wiederum Haupt­sponsor von Piqués Verein, dem FC Barcelona, ist. Kosmos bot der ITF einen Deal an, der im Welttennis alle bisherigen finanziellen Dimensionen sprengt: Der Weltverband soll drei Milliarden Dollar, verteilt auf 25 Jahre, bekommen. Das bedeutet: Mehr als 100 ­Millionen Dollar kommen jährlich dem Weltverband zu Gute, der das Geld, so heißt es, auch für seine ­Entwicklungsprogramme und die Nachwuchsförderung einsetzen will.

Entscheidung im August

Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Doch selbst wenn die Versprechungen eintreten sollten: Die direkten Auswirkungen des neuen Formats erzürnt viele Spieler, Fans und auch einige Funktionäre – egal, welche Summen nun im Spiel sind. Das Allein­stellungsmerkmal des Davis Cups würde verloren gehen: Die Teams hätten keine Heim- bzw. Auswärtsspiele mehr. Und durch die Verkürzung auf zwei Gewinnsätze würden epische Schlachten über fünf Durchgänge der Vergangenheit ange­hören. Es ist eine krasse Radikalkur, die der Weltverband dem Davis Cup verabreichen will.

Ob sie aber wirklich so umgesetzt wird, ist noch fraglich. Haggerty braucht für seinen Reformplan die Zweidrittel-Mehrheit aller Delegierten beim jährlichen ITF-Treffen, das vom 13. bis 16. August 2018 in Orlando, ­Florida, stattfindet. Zur Erinnerung: 2017 scheiterte Haggerty bei der ITF-Generalversammlung mit seinem ersten Reformversuch. Damals wollte er eine gemeinsame Finalwoche von Davis- und Fed Cup durchdrücken, bekam aber schon im Vorfeld keine Mehrheit – der Punkt wurde nicht zur Abstimmung gestellt.

Keine Frage: Der Davis Cup hat Veränderungen nötig, weil ihm sonst die Stars abhanden kommen. In dem Punkt hat Haggerty sicher Recht: Federer, Nadal und Co. räumen dem Traditionswettbewerb längst nicht jene Bedeutung ein, die sich nicht nur der Weltverband, sondern die gesamte Szene wünscht. Die „Big Names“ treten dann an, wenn es sich gut mit den sonstigen Terminen auf der Tour vereinbaren lässt. Hätte Nadal gegen Deutschland gespielt, wenn er nicht gerade aus einer Verletzungspause gekommen wäre und seine geliebte Sandplatzsaison vor der Tür gestanden hätte? Eher nicht.

Cilic für die Reform

Es wird von Fall zu Fall entschieden, ein grundsätzliches Bekenntnis der Topspieler zum Davis Cup blieb in den letzten Jahren aus. Dagegen wurden immer wieder Rufe der Stars nach Reformen laut. Beim Treffen des ATP-Spielerrats ­während der US Open 2017 soll sich die Mehrheit der Profis dafür ausgesprochen haben, dass vier Wochen Davis Cup pro Jahr – für die beiden Teams, die es bis ins Endspiel schaffen – zu viel seien. Die Frage ist nun: Muss der Reformeifer so weit reichen, dass der Davis Cup bald kaum wiederzuerkennen ist? Würde nicht auch ein dosiertes „Face-Lifting“ reichen?

Seit die ITF-Pläne auf dem Tisch liegen, vergeht kaum eine Pressekonferenz mit ATP-Spielern, die nicht zu den Reformvorhaben befragt werden – es ist das beherrschende Thema im Circuit. Ein erstaunliches Statement gab dabei Marin Cillic ab: „99,9 Prozent der Spieler stehen hinter den Plänen. Sie sind unglaublich gut für das Tennis. Ein einwöchiger Davis Cup wird mehr Aufmerksamkeit bekommen, weil alle Spieler involviert sind und nicht nur zwei Teams.“ Auch wenn die 99,9 Prozent mit Sicherheit übertrieben sind: So offensiv protegierten nur wenige Spieler die Reform.

Selbst Rafael Nadal und Novak Djokovic, die beide stets Veränderungen einforderten, waren zurückhaltender. „Das ist eine gute Idee, die funktionieren könnte“, sagte Nadal. Und Djokovic ergänzte: „Wir wollen alle für unser Land spielen, aber ich sage schon seit Jahren, dass es in dem ­aktuellen Format nicht geht.“ Und Roger Federer? „Ich bin überrascht, weil ich den Davis Cup nur so kenne, wie er ist. Ich habe viele extreme Meinungen – positive und negative – zu den Plänen gehört“, sagte der Schweizer.

Pouille: „Das mache ich nicht mit”

Wer allerdings während der vier Davis Cup-Viertelfinals Anfang April die Posts und Tweets vieler Spieler in den sozialen Netzwerke verfolgte, bekam eher den Eindruck, dass sich nun ein vehemmenter Widerstand gegen die Reform formiert.

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MATCHWINNER: Frankreichs Lucas Pouille mit seinen Teamgefährten Nicolas Mahut (li.) und Jeremy Chardy (re.).

Lucas Pouille, Frankreichs Matchwinner, drohte sogar öffentlich mit einem Boykott: „Wenn die Reform durchgesetzt wird, verkommt der Davis Cup zu einem Show-Event. Das mache ich nicht mit. Wenn ich für die französische Mannschaft antrete, dann spiele ich nicht für Geld. Und der Termin in der letzten Novemberwoche passt nicht. Es ist merkwürdig, dass viele Spieler dafür sind, obwohl sie sich über den vollen Terminkalender beschweren. Schade, dass die Größten in unserem Sport die Reform unterstützen.“

Der Termin am Ende der regulären Saison, noch nach den ATP-Finals in London, wird von Kennern der Szene explizit kritisiert. Tenor: So würde man die wichtige Spielpause zur Regeneration für eine Vielzahl von Profis weiter verkürzen.

„Die Saison ist schon sehr lang, und noch nie gab es so viele verletzte Spieler wie jetzt. Wenn nun 18 Nationen mit vier oder fünf Profis am neuen Format teilnehmen, dann müssen zwischen 60 und 70 Tennisprofis vier Wochen länger trainieren – da kann man die Uhr danach stellen, wann die nächsten Verletzungen kommen“, warnt etwa Davis Cup-Teamchef Michael Kohlmann. Andererseits war es in der Vergangenheit oft so, dass die Profis die eigentliche Pause für Showkämpfe nutzten – die mittlerweile eingestampfte IPTL in Asien lässt grüßen.

Ja zu Anpassungen, nein zur Radikalreform

Kohlmann sieht trotz seiner Kritik an der geplanten Reform einen gewissem Handlungsbedarf: „Das aktuelle Format des Davis Cups ist nicht mehr zeitgemäß, es muss etwas geändert werden.“ Ja zu kleineren Anpassungen, nein zur Radikalrefrom – so lässt sich die grundsätzliche Marschroute des Deutschen Tennis Bundes (DTB) zusammenfassen. Damit ist auch klar, dass der DTB im August nicht für die Haggerty-Pläne stimmen wird.

Dem DTB geht es grundsätzlich um die Sache. Aber im deutschen Dachverband ist man auch über die Vorgehensweise der ITF erstaunt. Weil der DTB keinen Vertreter in den entscheidenen ITF-Gremien hat, wurde er – wie viele andere Tennisverbände auch – von den Reformplänen eiskalt erwischt. Ein typischer Alleingang von ITF-Präsident David Haggery, es fehlte die Abstimmung mit den Mitgliederverbänden. Auch deswegen äußerte sich DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff vernichtend zu den ITF-Plänen. „Der Weltverband fügt dem Davis Cup damit einen großen Schaden zu“, wetterte er.

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ITF-BOSS: David Haggerty will die große Davis Cup-Reform durchdrücken.

Trotz der massiven Kritik, die dem ITF-Präsidenten entgegenschlägt, gibt sich ­Haggerty hoffnungsvoll, spricht feierlich von einem „Festival des Tennis und der Unterhaltung mit den weltbesten Spielern“, wenn es um seine Zukunftsvision des Davis Cups geht. Der London Times vertraute er an: „Ich bin nicht besorgt, jede Meinung ist willkommen.Viele Spieler haben aber sehr positiv auf die Vorschläge reagiert.“ Letztlich muss sich Haggerty vor allem der Unterstützung der nationalen Verbände sicher sein, um nicht noch einmal mit einer Reform krachend zu scheitern. Denn: 2019 steht seine Wiederwahl an.

Drei Teamformate bei den Herren?

Unterstützung bekommt Haggerty, so viel ist sicher, vom Schweizer Tennisverband. René Stammbach, Präsident von SwissTennis und ITF-Vizepräsident, ist davon überzeugt, dass der Davis Cup „diese Revolution“ braucht: „Aus Sicht der Spieler ergeben sich massive Vorteile. Anstatt drei- oder viermal im Jahr müssen sie nur noch einmal antreten, dazu ­erhalten sie viel mehr Geld.“

Es sind aber nicht nur die Profis, die von dem angekündigten Kosmos-Deal profitieren würden. Haggerty stellt den ITF-Mitgliederverbänden üppige Zahlungen in Aussicht. Vor allem, weil die Davis Cup-Heimspiele als Einnahmequelle wegfallen würden.

Ob sich einige unentschlossene Verbände so umstimmen lassen? Möglicherweise werden sich nicht alle mit den Kosmos-Geldern locken lassen, denn die Investment-Gruppe hat nicht unbedingt gesteigertes Interesse am Produkt Davis Cup. Vor dem Pakt mit der ITF verhandelten Piqué und Co. mit der Herrentour, um eine Wiederauflage des „ATP World Team Cups“ zu ermöglichen, der lange in Düsseldorf ausgetragen wurde. Kosmos kam bei der ATP-Tour nicht zum Zuge, aber die frühere Team-WM soll trotzdem reanimiert werden. „Wir arbeiten seit 18 Monaten daran, den ATP World Team Cup zurückzubringen“, bestätige ATP-Boss Chris Kermode in Miami. 2020 soll es so weit sein, angeblich während der ersten Woche des Jahres in Brisbane – hohes Preisgeld und Weltranglistenpunkte inklusive.

Es wäre ein Zukunftsszenario, das keiner ernsthaft haben will: ein straffer, einwöchiger Davis Cup am Ende der Saison und fünf Wochen später, zum Start der neuen Saison, das mehr oder weniger gleiche Team-Format, dann nur unter ATP-Ägide. Zusammen mit dem Laver Cup hätte das Herrentennis dann drei Mannschafts-Wettbewerbe pro Jahr – was für ein Irrsinn. Zumal viele Fragen bislang nicht geklärt sind. Was passiert mit dem Fed Cup bei den Damen? Und was geschieht mit den drei freien Wochen auf der Herrentour, sollte der Davis Cup tatsächlich nach den Ideen von David Haggerty reformiert werden?

Glaubt man Bernard Giudicelli, Präsident des französischen Verbandes, könnte alles glimpflich ausgehen: „Es ist noch viel Zeit bis zur ITF-Generalversammlung. Bis dahin kann sich noch einiges entwickeln.“

Die geplante Davis Cup-Reform des Weltverbandes im Überblick: 

Neuer Name

Innerhalb des „World Cup of ­Tennis Finals“ wird der neue Davis Cup-Champion ermittelt.

Kompakter Spieltermin

Statt übers Jahr verteilt, soll es ein Turnier über sieben Tage im November geben, an dem alle qualifizierten Teams teilnehmen.

Neutraler Spielort

Das komplette Turnier wird zentral an einem Ort ausgetragen, Heim- und Auswärtsspiele der einzelnen Teams werden abgeschafft.

Schnelleres Spielformat

Eine Begegnung wird nur noch drei Partien (zwei Einzel, ein Doppel) umfassen. Jedes Match wird nach zwei Gewinnsätzen entschieden.

Mehr Teams

Insgesamt sind 18 ­Mannschaften am Start: 16 qualifizieren sich direkt, zwei erhalten Wildcards.

Neuer Modus

Alle Teams treten zuerst in Round Robin-Gruppen gegeneinander an. Ab dem Viertelfinale folgt ein K.o.-System mit den acht besten Mannschaften.

Jede Menge Preisgeld

Drei Milliarden US-Dollar erhält der Weltverband in den nächsten 25 Jahren von Sponsoren. Davon sollen jährlich 20 Millionen Dollar Preisgeld in die „World Cup of Tennis Finals“ fließen.

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