2018 US Open – Day 11

Serena Williams vor US Open-Finale: Historische Rekordjägerin

Serena Williams steht zum neunten Mal im Finale der US Open – ihr 2. Grand Slam-Finale 2018, und das 31. überhaupt. Gegen Naomi Osaka kann die Amerikanerin am Samstag ihren 24. Grand Slam-Titel holen und mit Rekordhalterin Margaret Court gleichziehen. Nur einer von vielen Meilensteinen. 2015 scheiterte sie hauchzart am Kalender Grand-Slam. tM-Chefredakteur Andrej Antic erinnert sich.

Rein in der Zeitrechnung der Open Era ist Serena Williams bereits Rekordhalterin bei den Grand Slam-Titeln (23). Seit den Australian Open 2017 hat sie einen mehr als Steffi Graf. Die Zeit vor 1968 hinzugerechnet, fehlt ihr noch ein Majortitel auf die große Margaret Court, die Titel in beiden Zeitrechnungen ergatterte. Der Egalisierung steht somit nur noch Debütantin Naomi Osaka im Weg (Finale am Samstag, 22 Uhr MEZ). Mit sechs bisherigen US Open-Titeln ist Williams in der Open Era Rekordhalterin zusammen mit Chris Evert.

Von allen aktiven Spielerinnen und Spielern hat sie nun die meisten Grand Slam-Finals erreicht (31) – eines mehr als ein gewisser Roger Federer. Von den ehemaligen Spielern haben nur Evert (34), Martina Navratilova (32) und Graf (31) mehr oder gleichviele. Exklusiv hat die 37-Jährige den Karriere Grand-Slam im Einzel und Doppel inklusive Olympia. Am Kalender Grand-Slam scheiterte der Superstar im Jahr 2015 hauchzart.

Unser Chefredakteur Andrej Antic hat den historischen Versuch damals potraitiert.

Druck. Was passiert im Kopf, wenn man 26 Grand Slam-Partien innerhalb eines Jahres in Serie gewonnen hat? Wenn man zum Rendevouz mit der Historie verabredet ist? Wenn man weiß, dass nur drei Damen das Kunststück geschafft haben, was unmittelbar bevorsteht? 1953 Maureen Connolly, 1970 Margaret Court, 1988 Steffi Graf. 2015 Serena Williams?

Eine wie Serena Williams wird nur alle 100 Jahre geboren

Wann immer in den letzten Wochen und Monaten die Rede vom Grand Slam war, dem echten Grand Slam, bei dem man die Turniere in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York innerhalb eines Kalenderjahres gewinnen muss – und das war oft der Fall – wann immer also über diesen Mythos gesprochen wurde, sagte die Hauptperson stets: Die Leistung, auf die sie stolz sei, habe sie schon hinter sich. Alles was noch komme, sei ein Bonus. Sie sei entspannt. Sie müsse sich nichts mehr beweisen.

Denn: Sie hat den „Serena Slam“, vier aufeinanderfolgende Siege bei den Grand Slams, geschafft – angefangen letztes Jahr bei den US Open, beendet in diesem Jahr in Wimbledon. Nur: War das nicht pure Taktik, um von etwas Unfassbarem abzulenken? Und: Hatte ihr der „Serena Slam“, den sie 2002/2003 schon einmal gewonnen hatte, wirklich gereicht? Einer Spielerin, die praktisch auf die Welt kam, um Rekorde zu knacken?

Chris Evert schwärmt: „Eine wie sie wird nur alle hundert Jahre geboren.“ John McEnroe urteilt: „Sie ist die größte Spielerin, die es je gab.“ Willkommen in der Ewigkeit.

Der Titel bei den US Open 2015 war das fehlende Puzzlestück. Dass die vermeintliche „Miss Perfect“ nebenbei noch den Open Era-Rekord von Steffi Graf mit 22 Grand Slam-Siegen eingestellt hätte – nur ein Randaspekt. Dass ihr dann nur zwei Slams zur ewigen Bestmarke von Margaret Court gefehlt hätten – geschenkt.

Was zählte, war New York. Und was passierte, war so unwahrscheinlich wie die US Open ohne Regen. Der Freitag der zweiten Woche, der Tag des Halbfinals, war Serenas Black Friday. Nichts klappte. Sie, die es, auch wenn sie mies spielte, immer wieder geschafft hatte, als Siegerin vom Platz zu gehen, patzte grandios. Bei der 6:2, 4:6, 4:6-Niederlage wirkte die Amerikanerin so nervös, als spiele sie zum ersten Mal auf dem Centre Court.

AM BODEN: Williams unterliegt im Halbfinale 2015 überraschend Roberta Vinci.

Es folgte ein Beben. Es war, da waren sich die Gazetten einig, eine der überraschendsten Niederlagen im Sport überhaupt. Die Nummer eins gegen die Nummer 43, eine Gegnerin, gegen die sie nie einen Satz verlor – was sollte schief gehen?

Es ging schief, weil der Druck zu groß war. Tonnenschwer wogen die Geschichtsbücher auf ihren Schultern. Und als der letzte Punkt an diesem Horrortag gespielt war, wollte sie nur noch weg. Hinein in die Limousine, die sie in ihr Hotel in Manhattan bringen würde. Den nervenden Fragen der Reporter entkommen.

Der geplatzte Traum ändert nichts daran, dass Serena Williams eine der faszinierenden Figuren des Welttennis ist. Zum ersten Mal in der Geschichte war das Damenfinale vor dem Herrenfinale ausverkauft. Der durchschnittliche Preis für ein Finalticket auf dem Schwarzmarkt: 1.529 Dollar.

Um Einblicke in die Person Williams zu bekommen, spricht man am besten mit ihrem Coach. Serena selbst teilt ihre Karriere in drei Phasen ein. Die Phase, in der sie konstant um Platz eins mitspielt, sich mit Martina Hingis, Jennifer Capriati, Lindsay Davenport und ihrer Schwester Venus duelliert. Den zweiten Part, der die Ups und Downs in den Jahren 2006 bis 2011 umfasst, als sie nach einer Knieverletzung bis auf Rang 139 der Weltrangliste herunterrauscht. Als sie sich wieder an die Spitze arbeitet, um dann erneut abzustürzen. Nach ihrem Wimbledonsieg 2010 tritt sie bei der Siegesfeier in München in eine Glasscherbe und wird mit schweren Schnittwunden in die Notaufnahme eingeliefert. Kurz darauf erkrankt sie an einer Lungenembolie. Rückkehr auf die Tour: ungewiss.

Phase drei ist ihre Zeit mit Patrick Mouratoglou, den sie 2012 nach ihrer Erstrundenniederlage bei den French Open als Trainer engagiert. Serena: „Der Wendepunkt meines Tennis-lebens.“ Dass der Sohn des millionenschweren, griechischen Industriemagnaten Paris Mouratoglou phasenweise auch ihr Liebhaber war, ist ein offenes Geheimnis. Vor allem aber ist er ihr Mentor. Ein Mann, der sagt: „Ich glaube nicht an Glück. Es existiert nicht. Du kannst Glück in einem Match haben, aber nicht in einer Karriere.“ Mouratoglou glaubt an Pläne. Er studierte seine neue Schülerin, las ihre Biographie, sah sich alle Filme, Spielszenen und Interviews an, die er im Internet finden konnte, und kreierte einen Vier-Stufen-Plan. Das Ziel: „Rekorde zu brechen.“

Beim ersten Training sagte er ihr: „Ich habe drei Regeln. Erstens: Du sagst „Hallo“, wenn du den Court betrittst. Zweitens: Wenn ich mit dir rede, antwortest du.“

„Und drittens?“, fragte sie. Sein Return: „Das weiß ich noch nicht. Wir werden es herausfinden.“ Später habe Serena ihm erzählt, sie habe diesen Auftritt geliebt. Sie habe ihn augenblicklich respektiert. Durchsetzen musste sich Mouratoglou vor allem gegen den übermächtigen Vater Richard. Der hatte ihn nach einem der ersten, etwas wackeligen Wimbledon-Matches öffentlich zusammengefaltet. „Was war denn da los? Es ist dein verdammter Job, sie zu coachen“, herrschte ihn Williams senior für alle Ohren hörbar im Fitnessraum an. Die smarte Antwort des Franzosen: „Ich erwarte Respekt. Wenn Sie weiter so mit mir reden, werde ich Sie auch nicht respektieren.“ Heute glaubt Mouratoglou: „Er wollte mich testen.“

Das Credo des Meistertrainers: The mind is the master. Frei übersetzt: Du bist, was du denkst. Und Serena, die er für die wahrscheinlich mental stärkste Spielerin der Tennisgeschichte hält, sei das beste Beispiel dafür. „Sie hat die Fähigkeit, Niederlagen abzuwenden wie keine andere. Wenn sie merkt, dass sie auf dem Platz stirbt, findet sie eine unglaubliche Energie.“ Was ihr Mouratoglou beigebracht hat: Dass sie auch Niederlagen akzeptieren muss. Dabei wird er geradezu philosophisch. „Wenn man die Möglichkeit des Todes nicht einkalkuliert, kann man nicht leben.“

Spurensuche in der Players Lounge

Wie tickt Serena Williams? Die Spurensuche führt auch in die Players Lounge in der zweiten Etage des Arthur Ashe-Stadiums. Eine Verabredung mit Sascha Bajin, der in einem flauschigen Sessel sitzt, während im Hintergrund die Matches auf Riesenscreens flimmern. Der Kroate, der in München aufwuchs und heute in Florida lebt, ist aktuell der Co-Trainer von Victoria Azarenka. Bis Ende 2014 war er Serenas Hittingpartner. „Ich habe acht Jahre mit ihr gearbeitet und oft gedacht, ich kenne sie nicht“, sagt Bajin.

Wobei: Es war viel mehr als ein Job. Drei Jahre hat er mit Serena und Venus in der Familienvilla in Palm Beach Gardens gewohnt. Näher dran kann man nicht sein. Bajin hat alle Höhen und Tiefen miterlebt. Er hat ihr Bälle zugeworfen, als sie auf dem Trainingsplatz am Boden saß, weil sie nach der schweren Knieverletzung nicht stehen konnte. Als er sich eine Lebensmittelvergiftung zugezogen hatte, wachte sie an seinem Krankenhausbett – „in einem Stuhl, der nicht sehr bequem aussah“. Als er wieder zuhause war, kochte sie ihm Suppe. „Hey“, entfährt es Bajin, als erlebe er gerade noch einmal den Augenblick, „da ist die Legende Williams und kocht mir Suppe!“

Wie ist der Mensch Serena? Bajin: „Sie ist eigentlich ein herzensguter Mensch, ein liebes Mädchen. Sie kann aber auch morgens aufstehen und schlecht gelaunt sein. Wenn sie verloren hat, kam es vor, dass keiner im Auto zwischen Anlage und Hotel ein Wort sprach.“ Physiotherapeutin, Assistentin, Köchin, Hittingpartner – sie trauten sich nicht, etwas zu sagen, bevor Serena, der Boss, Einblicke in ihr Seelenleben gab. „Ich konnte drei Stunden die Klappe halten“, sagt Bajin und sieht nicht so aus, als hätte er ein Problem damit gehabt.

ERFOLGREICHES DUO:
Sascha Bajin war acht Jahre lang Serenas Hittingpartner.

„Ich habe Serena alles zu verdanken. Ich kam mit zwei Taschen nach Amerika. Heute habe ich ein schönes Haus, einen Jeep, einen 1972 Chevrolet Cheyenne und fahre Jetski, wenn ich mich entspannen will“, erzählt Bajin. Großzügig sei seine Ex-Chefin, die auch die Diva rauskehren konnte. Aber das sei okay, „sie hat sich das hart erarbeitet“. Einmal hat sie das komplette Haus in einen SPA umgewandelt. Es gab Gurkenmasken, Pediküre, Maniküre für die Angestellten.

Im Dezember 2013 hat sie einen „Employee Appreciation Day“ veranstaltet – ein Tag, an dem die Arbeit der Angestellten wertgeschätzt wird. Große amerikanische Unternehmen machen so etwas. Bajin: „Wir waren zu fünft. Sie hat eine Acht-Schlafzimmer-Yacht gemietet. Wir sind dann auf Wasserreifen mit einem Affentempo durch den Hafen von Miami gedüst.“ Hat sie mitgemacht? „Klar, Serena liebt Tempo.“ Ein anderes Mal war Serena zu einem Konzert des Rappers Eminem im New Yorker Yankee-Stadium eingeladen. Bajin wollte unbedingt mit, er liebt diese Musik, aber es gab keine Karte. Serena sagte: „Du musst dich als mein Bodyguard verkleiden.“ Also zog er einen schwarzen Anzug an, steckte sich Kabel ins Ohr – „Die Leute haben sich nur gewundert, dass der Bodyguard mehr abging als Serena.“

Was ist das Geheimnis der Spielerin Serena Williams? „Sie ist von Gott mit Talent gesegnet. Sie ist eine Athletin. Sie kann ihren Körper unglaublich verbiegen. Sie könnte im Cirque du Soleil auftreten“, sagt Bajin. Und: „Sie hat den Killerinstinkt.“ Er hat mit ihr oft diskutiert vor Grand Slam-Turnieren. Sie haben sich gefragt, wie viele der anderen 127 Spielerinnen wohl mit dem Gedanken anreisen, das Turnier gewinnen zu wollen – „vielleicht drei, vier.“ Für das „Arbeitstier“ Serena, die nach zwei Stunden Training auf dem Platz noch Krafteinheiten im Gym, Yoga oder Sprints auf dem Football-Feld einschiebt, gehe es nur ums Gewinnen.

Serena zerhackte drei Schläger

Bajin hat mit ihr oft auf dem Platz gestanden. Auch er hat den Druck, die Präsenz gespürt. Einschüchternd sei das. Man behandelt den Ball automatisch anders, wenn er von ihr kommt. Die Motorik, die Gestik, das Stöhnen – das alles könne man nicht lernen. Seine Bilanz gegen sie? Bajin grinst: „Ich sage nur, dass sie drei Schläger zerhackt hat.“

Selbstzweifel? Habe sie, wie jeder, aber sie finde immer einen Weg, negative Gedanken auszublenden. Sie sei „eine unglaubliche Problemlöserin“. Williams selbst hat die Fähigkeit, mit widrigen Umständen fertig zu werden, einmal so beschrieben: „Ich umarme Furcht und Zweifel, stecke sie in eine Flasche, schraube einen Deckel darauf und werfe sie weg.“

Spricht man mit anderen Personen aus ihrem Umfeld, kommt man zu dem Schluss, dass der Schlüssel zu ihrer Persönlichkeit in der Kindheit liegt. Sogar von Gehirnwäsche ist die Rede. Anders sei es nicht zu erklären, dass sie sich schon als 13-Jährige vor Kameras gestellt und erklärt habe: „Ich werde die Nummer eins der Welt.“ Es seien nicht die Augen eines Kindes, die man sieht.

DER ERSTE GROSSE SIEG:
1999 gewann die 17-jährige Serena erstmalig die US-Open

Die amerikanische TV-Kommentatorin Mary Carillo hat in den Tagen von New York einen sehr witzigen Satz gesagt. Er bezieht sich darauf, dass Serenas Vater Richard, als er vor mehr als 30 Jahren im Fernsehen sah, wie die Rumänin Virginia Ruzici einen 40.000-Dollar-Scheck gewann, sagte: „Ich werde zwei Töchter großziehen und sie werden die Nummer eins.“ Carillos Reaktion: „Ich bin froh, dass er in diesem Moment nicht beim Bowling zusah.“

Der vielbelächelte Richard Williams schrieb nach seinem Aha-Erlebnis ein 75-seitiges Trainingsbuch. Er ließ, wie er in seiner Biographie „Black and White: The Way I See It“ schrieb, Busse voll von Schulkindern zu den Tenniscourts nach Compton, eine der übelsten Gegenden im Großraum L.A., karren. Sie sollten seine Töchter auf dem Platz beschimpfen. Williams: „Ich habe sie bezahlt, dass sie ihnen die schlimmsten Schimpfwörter zuriefen.“

Hat sich die Methode ausgezahlt? 1999 gewann Serena, das jüngste von fünf Kindern, als 17-Jährige die US Open. 16 Jahre später sollte sich der Kreis in New York eigentlich schließen. Wird sie den Grand Slam 2016 schaffen? Eher nicht. Aber man hätte ihr auch nicht zugetraut, dass sie nach ihrem 30. Lebensjahr in der Lage sein würde, acht Grand Slam-Turniere zu gewinnen.

Zwei Tage nach ihrer Pleite hatte sie sich wieder sortiert. Sie twitterte der Siegerin Flavia Pennetta, die nach ihrem Glanzstück zurückgetreten war: „Herzlichen Glückwunsch. Ich werde dein Lächeln vermissen.“ Es wird spannend zu beobachten sein, wann sich Serena Williams verabschiedet.