Günter Bresnik, Dominic Thiem

Günter Bresnik im Interview: „Ich muss mich überflüssig machen”

Ein Gespräch mit Günter Bresnik über modernes Coaching, Dominic Thiem, Boris Becker, Ion Tiriac und die Gnade, kein Geld verdienen zu müssen. 

Herr Bresnik, was zeichnet einen modernen Coach aus?

Ich möchte gar keinen großen Unterschied zwischen früher und heute machen. Ich bin seit über 30 Jahren Coach und meine Aufgabe hat sich seitdem nicht groß verändert. Um es vereinfacht zu sagen: Das Ziel ist es, dass der Spieler mit Coach mehr Matches gewinnt als ohne Coach. Mit welchen Mitteln man bei welchem Spieler zum Erfolg kommt, ist eine pikante Angelegenheit. Früher waren die Trainer deutlich „autoritärer“, hatten mehr Einfluss auf ihre Schützlinge. Heutzutage ist es mehr Geschäft: Trainer werden engagiert, um den Spielern zu helfen, werden aber von diesen bezahlt. Für die Coaches gibt es keine Sicherheit, da sie ihren Job im Zweifelsfall schon nach wenigen Wochen wieder los sein können. Das ist im Tennis anders als beispielsweise in Mannschaftssportarten wie Fußball. Auch dort ist der Trainer vom Erfolg der Mannschaft abhängig, kann aber deutlich mehr Autorität ausstrahlen als in einem 1:1-Arbeitsverhältnis.

Darf ein Tenniscoach heute nicht autoritär sein?

Es kommt darauf an, wie alt ein Spieler ist, in welcher Karrierephase er sich befindet und wie groß der Altersunterschied zum Coach ist. Ein Akzeptanzproblem gibt es häufig dann, wenn der Trainer fast gleichalt wie der Spieler ist, dieser aber als Profi viel erfolgreicher ist, als es der Trainer zu seiner aktiven Zeit war. Ein älterer Coach, der sich seine Meriten bereits verdient hat, kann sich automatisch mehr Respekt verschaffen.

Was macht einen guten Coach aus?

Er muss sämtliche Bereiche abdecken, also den tennisspezifischen wie Technik und Taktik, aber auch den konditionellen und mentalen Bereich. Darüber hinaus muss er viele Termine organisieren, was nicht immer vom Management übernommen wird. Wenn ein Spieler beispielsweise überraschend in der ersten Runde verliert, liegt es am Coach, schnellstmöglich einen Rückflug zu organisieren und dafür zu sorgen, dass der Spieler sich über solche Dinge nicht noch zusätzlich Gedanken machen muss. Auch die Erweiterung des Teams, etwa durch Konditionstrainer, Physiotherapeuten oder Mentaltrainer, gehört zu den Aufgaben eines guten Coaches.

Heute gibt es für jeden Bereich Spezialisten. Werden die Teams künftig noch größer?

Das hängt davon ab, was für den Spieler gut ist. Wenn fünf oder sechs Leute alle gleichzeitig auf ihn einreden, muss man als Coach gegensteuern. Für mich ein absolutes Horrorszenario, das leider einige Kollegen praktizieren: Wenn es dem Schützling an Selbstvertrauen mangelt, versuchen sie dies durch ein möglichst großes Umfeld zu kaschieren. Ein guter Coach muss abschätzen können, wann der Spieler Zeit für sich braucht, urlaubsreif ist oder viele Matches spielen sollte. Bei einem Top 20- oder Top 30-Spieler ist der Spielplan meistens vorgegeben, bei jemandem, der um Platz 300 positioniert ist, muss man genau abwägen, wann man ihn aus Challenger-Turnieren herausnimmt und ihn wieder auf die Future-Tour schickt oder umgekehrt. Bei diesen Entscheidungen darf man nicht allzu viel Zeit verlieren. Das sind alles Dinge, die für den Erfolg eines Sportlers extrem wichtig sind.

Gibt es eine natürliche Größe für ein Team?

Nein. Es ist immer abhängig vom Sportler.

Wie handhaben Sie das?

Es gibt Wochen, die ich ganz allein mit dem Spieler verbringe. Dann reist auch mal nur der Physiotherapeut mit. Im Fall von Dominic Thiem fahre ich aufgrund seiner Ranglistenposition mittlerweile überall mit hin. Man muss aber auch ein gewisses Gespür mitbringen. Kommt es zu Spannungsverhältnissen, sollte man genau überlegen, ob und wie viele weitere Personen ein Spieler gerade um sich braucht oder ob man ihn auch mal mit seiner Freundin allein zu einem Turnier reisen lässt.

Nähe und Distanz müssen also genau austariert sein? Geht man sich sonst auf die Nerven?

Ganz richtig. Wenn man jeden Tag das Gleiche hört und sagt, egal ob als Trainer oder als Spieler, dann gibt es gewisse Abnutzungserscheinungen – selbst wenn es gerade erfolgreich läuft. Mein Anspruch als Trainer ist es, mich quasi überflüssig zu machen. Am erfolgreichsten habe ich dann gearbeitet, wenn ich nicht mehr vonnöten war.

Heißt, der Spieler coacht sich selbst?

Nein, aber er braucht kein Coaching im eigentlichen Sinne mehr. Ein Lehrer setzt sich schließlich auch zum Ziel, dass der Schüler am Ende mehr weiß als er selbst. Auch die Vermittlung von Selbstständigkeit gehört zu den Aufgaben sowohl eines Lehrers oder Erziehers als auch eines Tenniscoaches. Ich bin dafür da, in organisatorischen Dingen oder buchstäblich auf dem Platz, den Ball anzuspielen. Der Schützling muss irgendwann für sich selbst entscheiden, wann er mit welcher Intensität vor und nach dem Match trainiert oder wie er sich ernährt. Er soll lernen, sich und seinen Körper genau zu verstehen und mir dann nur ein Feedback geben.

Sie stellen die Weichen im Hintergrund.

Die Bälle fürs Training zu organisieren, das Licht auf dem Platz auszuschalten – das sind alles Dinge, mit denen sich ein Spieler ab einem gewissen Niveau nicht mehr beschäftigt. Das ultimative Ziel ist es, den Spieler dahin zu bekommen, dass er die richtigen Fragen stellt und nicht einfach nur Befehle empfängt. Dominic ist jemand, der bei mir bestimmte Sachen konkret einfordert. Ist er zum Beispiel mit seinem Rückhandreturn nicht zufrieden, möchte er diesen so lange trainieren, bis er passt. Er fragt mich, wo er sich am besten positionieren, ob er lieber mit Slice oder Topspin returnieren sollte. Am Ende geht es darum, dass ein Coach seinen Spieler nicht auf solche essenziellen Aspekte hinweisen muss, sondern dieser selbst Verantwortung für sein Spiel übernimmt. Die praktische Umsetzung findet dann wieder gemeinsam statt.

Wie viel haben Sie denn mit Dominic Thiem schon umgesetzt? Oder anders formuliert: Wie weit ist er von seinem Optimum entfernt?

Er hat in einigen Belangen noch viel Spielraum nach oben und ist bei weitem noch nicht am Limit. Er hat sich hohe Ziele gesteckt, die sich in seinem Kopf förmlich eingebrannt haben, und solange er die nicht erreicht hat, bleibt er hungrig und arbeitet jeden Tag sehr hart.

Was wäre ein Beispiel für typisches hartes Training?

Die vier bis fünf Wochen Vorbereitungszeit auf Teneriffa, wo wir die letzten Jahre in der Off-Season aktiv waren, sind sehr intensiv. Morgens um halb acht geht es mit einem Lauf los und den Rest des Tages wird das Programm zusammen mit Physiotherapeut, Konditionstrainer und anderen Spielern genau auf die Leistungsfähigkeit von Dominic abgestimmt.

Wie ist das Verhältnis zwischen Fitness und On-Court-Training während der Vorbereitung?

Dominic arbeitet so gut wie gar nicht im Kraftraum, sondern macht viel mit dem eigenen Körpergewicht. Für die Kondition eines Tennisspielers ist die reine Kraft gar nicht so ausschlaggebend – Schnelligkeit, Agilität und Beweglichkeit stehen im Vordergrund. Wenn ein Spieler dies über drei bis vier Stunden annähernd konstant abrufen kann, ist er in meinen Augen fit. Es geht dabei sowohl um die Beine als auch die Schläge, denn egal, ob in einer Trainingseinheit oder während eines Matches: Es muss ein großer Umfang an Schlägen gespielt werden.

Wie fit ist Dominic aktuell?

Er gehört auf jeden Fall zu den Fitteren auf der Tour, kann sich aber noch verbessern. Auf einem Ausnahmeniveau wie Djokovic, Wawrinka, Federer oder Nadal sehe ich ihn noch nicht. Von den restlichen Spielern gibt es aber kaum einen, der deutlich austrainierter ist als er.

Sie haben seinen Weg von der Kindheit an wunderbar in Ihrem Buch „Die Dominic Thiem Methode“ beschrieben. Kann man sich als Coach einen besseren Schützling als Thiem vorstellen, der als extrem ehrgeizig und voll fokussiert gilt?

In meiner heutigen Position würde ich niemals mit einem Spieler zusammenarbeiten, der diese Bereitschaft nicht mitbringt. Ich habe mit Dominic angefangen richtig zu trainieren, als er neun oder zehn Jahre alt war. Zuvor stand ich bereits ein- bis zweimal pro Woche auf dem Platz und habe seinem Vater gesagt, was er machen soll. Im Winter ließ ich Dominic auf dem See Eishockey spielen, im Sommer Fußball. Er hat alles mit Freude gemacht.

Ein Musterschüler.

Ich habe ihn nie anders kennengelernt. Es gibt sicher Spieler, die nicht mit der gleichen hohen Intensität und Leidenschaft zu Werke gehen wie er, aber das hängt auch immer damit zusammen, wie jemand erzogen worden ist. Wenn Eltern ihrem Sprössling die richtigen Werte vermitteln und voll hinter der Trainingsarbeit stehen, macht es das für einen Coach leichter, als wenn man ihm selbst erst noch alles beibringen muss. Im Falle von Dominic gab es die Idealsituation, dass er als Kind sowohl die körperlichen Voraussetzungen als auch die Leidenschaft und den Willen mitgebracht hat. Dazu noch ein Elternhaus, das ihn immer unterstützt hat, und einen Coach wie mich, der von mehr als 20 Jahren Erfahrung auf der Tour profitiert. Als ich noch studiert habe, habe ich viel mit Kindern trainiert. Die Konstellation, dass alle – Kind, Eltern, Trainer – an einem Strang ziehen, habe ich nicht häufig erlebt.

Wie würden Sie das Verhältnis zwischen den sogenannten Supercoaches, also ehemaligen Topspielern, und normalen Trainern beschreiben? Können Grand Slam-Sieger ihren Schützlingen bessere Tipps geben, wie man beispielsweise in großen Finals spielt, haben aber Defizite im handwerklichen Bereich?

Wenn ich ehemaligen Superstars ihre Fähigkeit abspräche, würde man mich wahrscheinlich lynchen. Sie verstehen den Tennissport mit Sicherheit besser als jeder andere. Ich behaupte lediglich, dass es auch von Nachteil sein kann, wenn jemand seinen Spieler dazu bringen möchte, mit bestimmten Situationen genauso umzugehen, wie er es getan hat. Für mich ist ein Coach erfolgreich, wenn er ein Gespür dafür entwickelt, was der Spieler braucht und was ihm gut tut. Um das eigene Befinden geht es nicht. Einige können mit Stress besser, andere schlechter umgehen. Wie gewöhne ich meinen Schützling daran? Das ist immer personenabhängig. Ehemaligen Topstars fehlt es eventuell an Verständnis für jeweilige Spiel- und Verhaltensweisen auf dem Platz.

Das heißt?

Ein Boris Becker wird beispielsweise nicht verstehen, wie jemand nicht bei 30:40 mit 230 km/h auf die Linie servieren kann. Gewisse Dinge waren für die Ex-Stars in ihrer aktiven Zeit so selbstverständlich, dass sie sich etwas anderes schier nicht vorstellen können. Auch ich ertappe mich des Öfteren dabei, über Entscheidungen von 15-, 16-Jährigen auf dem Platz den Kopf zu schütteln. Obwohl ich in dem Alter sogar noch schlimmer war – meine Mutter kann es bezeugen. Den Fehler, nur von sich selbst auszugehen, darf ein guter Coach nicht machen.

Es heißt ja immer, dass die Beckers, Edbergs und Co. viele Dinge auf dem Platz erlebt haben und von ihren Schützlingen wie Djokovic gezielt danach gefragt werden, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollen.

Es mag sein, dass das auch genau so stattfindet. Ich glaube allerdings nicht, dass sich der Job eines Supercoaches rein aufs Geschichtenerzählen beschränkt. Sie verstehen den Sport unglaublich gut, bringen für konkrete Matchsituationen auch mehr Verständnis mit als andere Trainer, weil sie sie am eigenen Leib erfahren haben. Dieses Verständnis ist aber unter Umständen nicht deckungsgleich mit dem, das ich als Trainer vermitteln muss. Dennoch erkennen selbstverständlich auch sie technische Mängel oder taktische Schwächen, an denen sie dann mit dem Spieler arbeiten.

Aber die Supercoaches trainieren in der Regel auch Champions wie Murray oder Federer, die selbst schon Grand Slam-Turniere gewonnen haben und teilweise lebende Legenden sind.

Das stimmt. Interessant wäre es zu sehen, wie ein Edberg oder Lendl einen Spieler, der um Platz 200 in der Weltrangliste steht, in die Top 50 führt. Ein guter Coach zeichnet sich dadurch aus, dass er seinem Schützling unabhängig von seinem Ranking hilft, besser zu werden – immer unter Berücksichtigung seines Potenzials. Ich habe Dominic auch schon mal mit den Großeltern zu Jugendturnieren geschickt – die er dann gewonnen hat, obwohl ich nicht dabei war. Die wichtigen Dinge werden sowieso bereits in der Vorbereitungszeit getroffen. Die Topspieler spielen 20 Turniere im Jahr, haben aber die anderen 30 Wochen nicht frei, sondern ackern wie die Ochsen und planen den weiteren Saisonverlauf. Urlaub gibt es für die meisten Profis nur zwei bis vier Wochen.

Übertrieben formuliert ist es also gar nicht entscheidend, wer einen Spieler zu einem Turnier begleitet?

Durchaus. Wichtig für den Spieler ist, dass er sich in einer gewohnten Umgebung befindet und die gleichen Bedingungen und Abläufe vorfindet. Die Organisation von Bällen, Hittingpartner und ähnlichem sollte schon nach dem gleichen Muster vonstatten gehen. Auch eine gute Harmonie im Team ist wichtig. Die Spieler müssen sich in einer Turnierwoche so wohl wie möglich fühlen, um dann ihre besten Leistungen abrufen zu können.

Wann ist Ihre Arbeit mit Dominic Thiem beendet? Wann ist er für Sie am Ziel? Geht es darum, die Nummer eins zu werden und Grand Slams zu gewinnen oder ist das gar nicht die ultimative Zielsetzung?

Ein Ziel muss erst einmal klar definiert werden und es muss messbar sein – schlussendlich muss ich selbst dafür verantwortlich sein, ob ich es erreichen kann oder nicht. Das Nahziel ist, dass Dominic tennismäßig sein Potenzial voll ausschöpft und an einen Punkt kommt, wo er sich technisch und taktisch nicht mehr verbessern kann, er alles weiß, versteht und anwenden kann. Dann werden sich die Ergebnisse von selbst einstellen. Schon jetzt hat er einige Erfolge vorzuweisen, aber er ist in allen Bereichen noch längst nicht am Limit. Mein Weg mit Dominic wird dann beendet sein, wenn er aufhört, Tennis zu spielen. Wir kennen uns extrem gut und haben ein ausgesprochen gutes Vertrauensverhältnis, treffen die meisten Entscheidungen gemeinsam. Manchmal brauche ich ihn nur anzuschauen und behaupte zu wissen, was er denkt oder wie er sich fühlt.

Gibt es einen Zeitplan oder macht das keinen Sinn, weil man nicht weiß, was passiert?

Im Tennis ist eine Planung absolut nicht möglich. In Paris hat Dominic relativ gut gespielt, aber leider ein sehr schlechtes Halbfinale (gegen Rafael Nadal; d. Red.) weit unter seinen Möglichkeiten abgeliefert. Er hatte keine Chance, ins Finale einzuziehen und das Turnier vielleicht sogar zu gewinnen. Für mich war es aber trotzdem keine erfolgslose Zeit oder gar eine Katastrophe.

Zumal er das Ergebnis aus dem Vorjahr bestätigt und Novak Djokovic im Viertelfinale förmlich vernichtend geschlagen hat.

Richtig, er hat zum ersten Mal gegen ihn gewonnen und seine Fähigkeiten auf Sand auch schon in den Wochen zuvor eindrucksvoll bestätigt. Dominic ist jemand, der zwar durchaus unter schmerzvollen Niederlagen leidet, dann aber relativ schnell den Fokus auf die kommenden Aufgaben legt und neue Motivation schöpft.

Wenn Sie alle Ihre bisherigen Schüler, darunter auch Boris Becker, miteinander vergleichen, ist Dominic dann so etwas wie Ihr „Meisterstück“?

Ich fände es schrecklich, wenn ich einen Spieler als mein „Meisterstück“ bezeichnen würde, das habe ich auch in meinem Buch nicht gemacht. Sicherlich ist die Zusammenarbeit mit Dominic in gewisser Weise einzigartig, da sie schon von Kindesbeinen an besteht. Sein Vater ist beispielsweise einer meiner besten Freunde, ich habe generell einen sehr guten Draht zur Familie. Ich bin Trainer und Manager in Personalunion, nur die Finanzen sind ausgelagert.

Ist ein Geheimnis Ihre Unabhängigkeit?

In diesem Fall würde ich sagen Nein, das Geheimnis ist das uneingeschränkte Vertrauen zwischen Spieler und Trainer.

Würden Sie einen Vergleich zwischen der Beziehung Bresnik und Thiem zu Toni und Rafael Nadal ziehen?

Es ist ein großer Unterschied, ob eine familiäre Bindung da ist oder ob das Vertrauen auf einem anderen Verhältnis fußt. Ich würde mich auch leichter tun, mich meiner Schwester oder meinem Bruder anzuvertrauen als einer familienexternen Person. Außerdem haben die Nadals Erfolge gefeiert, an die unsere längst nicht heranreichen. Dafür ist sicher zu einem großen Teil Toni verantwortlich. Selbst wenn sich Rafa jetzt in einer späteren Karrierephase Unterstützung von außen holt, die konkreten Absprachen und das große Vertrauen bestehen nach wie vor zwischen ihm und Toni. Alle anderen sind im Grunde nur Statisten.

Kommen die Supercoaches zu Ihnen und fragen Sie um Rat?

Ich spreche sehr häufig mit ihnen. Ivan Lendl ist für mich so ein Supercoach, aber er könnte meiner Meinung nach auch das eben angesprochene tägliche Geschäft eines Trainers stemmen. Die meisten würden den hohen Zeitaufwand nicht investieren, Familie und Freunde über Monate hinweg allein lassen und alles dem Erfolg des Spielers unterordnen. Mein Wissen beruht auf der Erfahrung mit vielen verschiedenen Spielertypen. Da habe ich ehemaligen Aktiven sicher etwas voraus. Reines Bälleschlagen mit dem Schützling gibt es heute nicht mehr. Früher haben die Spieler fast ausschließlich mit ihrem Coach trainiert, heutzutage wäre ein Programm ohne einen Hittingpartner gar nicht denkbar. Supercoaches sind auch öffentlichkeitswirksam. Man kennt die Namen, weiß, dass sie in diesem oder jenem Jahr mal Wimbledon oder die French Open gewonnen haben. Da herrscht ein ganz anderes mediales Interesse.

Vor zwei, drei Jahren, als Becker, Edberg und Co. bei den Australian Open in den Spielerboxen aufeinander trafen, war das Medienecho gewaltig.

Richtig, das war gut für den Sport und die Spieler und nicht zuletzt ein großes Thema in den sozialen Medien, die ich persönlich nicht mag. Mittlerweile definiert sich Erfolg abseits des Platzes ja fast nur noch dadurch, wie viel Likes ein Beitrag oder ein Foto hat. Dieser Zeitgeist geht mir auf die Nerven.

Wie viele gute Coaches gibt es auf der Tour?

Damit beschäftigen sich wahrscheinlich nur die vermeintlich guten Coaches in der Umkleidekabine. Sie stellen sich dann Fragen wie: Welchem Trainer würde ich meinen Schützling übergeben, wenn ich selbst nicht mehr arbeiten würde?

Über wie viele gute Coaches reden wir?

Ich schätze, es gibt etwa zehn richtig gute Trainer auf der Tour. Früher hieß einer Ray Ruffels (ein Australier, der als Spieler zu den Top 30 zählte; d. Red.). Er hat Spieler wie Mark Woodforde und Todd Woodbridge gecoacht. Ion Tiriac ist für mich der Tennispapst. Auf seine Meinung lege ich am meisten Wert. Als ich 16 oder 17 Jahre alt war, bin ich zum Turnier nach Kitzbühel gefahren und habe mir angeschaut, wie Tiriac mit Guillermo Vilas in der Mittagspause trainiert hat. Da war die Ballmaschine noch modern und das Programm, das die beiden abgespult haben, war brutal. Wenn ich mich heute mit Tiriac zehn Minuten über Tennis unterhalte, erfahre ich mehr, als wenn ich drei Fortbildungsseminare bei der USTA besuche.

Gibt es für Sie weitere Trainer-Helden?

Als ich damals Lehrling war, habe ich mit Bob Brett einen super Lehrer gehabt, der eine sehr gute Definition unseres Jobs parat hatte: Ein guter Coach war für ihn jemand, der einen erfolgreichen Spieler betreut. Ob er ihn jetzt aufgebaut hat oder ein anderer, ist für ihn kein Thema gewesen. Das lasse ich gelten, das ist auch der Grundtenor in der Öffentlichkeit. Für mich zeichnet einen guten Trainer ebenfalls aus, dass er einer Hausfrau, einem kleinen Kind und einem Spitzenspieler immer weiterhelfen kann, wenn auch nicht in gleichem Maße.

Eine interessante Definition.

Mir gefällt es, wenn man imstande ist, einem fünfjährigen Kind in zwei Wochen beizubringen, den Ball 20-mal hin und her zu spielen oder wenn man mit 50 Kindern trainiert und die meisten von ihnen nach zwei, drei Jahren schöne Vorhände, Rückhände, Volleys und Aufschläge spielen können. Auch Paul Annacone ist für mich ein Riesentrainer. Egal, ob er mit Pete Sampras, Tim Henman oder Roger Federer trainiert hat – er war immer dabei, wenn seine Schützlinge große Erfolge gefeiert haben. Aber er wird sich, bösartig formuliert, vermutlich schwer damit tun oder gar kein Interesse haben, ein Kind oder einen Jugendlichen zu coachen.

Das ist bei Ihnen anders?

Ja. Ich halte es für eine Voraussetzung für einen guten Coach, dass er einem Zwölfjährigen einen vernünftigen Rückhandvolley beibringen kann. Man kriegt ein extrem gutes Auge dafür, wenn man mit verschiedenen Spielern jeder Spielstärke und jeden Alters zusammenarbeitet. Die Bewegungsabläufe eines alten Mannes oder kleiner Kinder unterscheiden sich grundlegend. Man muss sich eine Vielzahl neuer Übungen ausdenken, die auch bei Spitzenspielern oft funktionieren. Da gehört selbstverständlich auch Leidenschaft dazu. Ich habe mit 56 Jahren immer noch eine große Freude an meinem Beruf. Ich genieße es, Dominic auf dem Platz zuzuschauen, freue mich aber auch, wenn Ernests Gulbis in Wimbledon nach langer Zeit endlich mal wieder ein Match gewinnt.

Sie haben ihn auch dort betreut.

Er war vor Wimbledon ein paar Tage in Wien, ich hatte ihn eingeladen. Da frage ich nicht nach Geld, sondern ich freue mich, wenn ich ihm helfen kann. Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich mir das zeitlich und finanziell erlauben kann. Auch mein familiärer Background ist wichtig. Ich bin seit 23 Jahren mit der gleichen Frau verheiratet, habe vier Kinder, die alle gesund und glücklich sind, und die sich freuen, wenn sie ihren Vater sehen – ein Traumzustand. Da kann ich mir nicht anmaßen, über andere Leute zu urteilen, die vielleicht nicht mit der gleichen Leidenschaft arbeiten wie ich. Ich hatte meine Schäfchen bereits 1995 im Trockenen, als ich aufgehört hatte, Henri Leconte zu trainieren. Meine Tochter ist im selben Jahr auf die Welt gekommen. Da habe ich dann erst einmal ein paar Jahre nicht international gearbeitet, weil ich zuvor schon gutes Geld verdient hatte.

Das erleichtert das Leben.

Absolut. Ich komme aus guten Verhältnissen, habe nie großen Druck verspürt. Ich habe mein Medizinstudium abgeschlossen, war aber nie darauf angewiesen, eine bestimmte Qualifikation zu erreichen. Mein Vater hatte ein paar Wohnungen, ein Haus und ein bisschen was gespart. Da wäre es finanziell gesehen keine Katastrophe gewesen, wenn aus mir nichts geworden wäre.

Letzte Frage: Haben Sie einen Tipp für die Coaches an der Basis, die Breitensportler trainieren?

Vor ein paar Wochen habe ich in Wien ein Coachseminar gegeben. Dort hat mich ein Trainer angesprochen. Er sagte, dass ihm ein Schlag bei einem seiner Schüler nicht gefalle und was man da machen könne. Ich antwortete, dass er das selbst in Ordnung bringen müsse und sich von seiner Überzeugung nicht abbringen lassen dürfe. Wenn der Spieler deswegen weniger Trainerstunden bei dir nimmt, musst du das akzeptieren, aber du darfst dich nicht verkaufen. Jemand der anfängt, nur des Geldes wegen und gegen seine Überzeugung zu arbeiten, kann nur scheitern. Ich bin kein Freund von Kompromissen, das ist für mich immer der direkte Weg ins Mittelmaß. Lieber gehe ich den extremen Weg und eventuell auch mit wehenden Fahnen unter als lauwarm irgendwo mitzuschwimmen. Das würde ich generell jedem empfehlen, egal, ob er Tenniscoach ist oder einen Bürojob hat. Mein Erfolg beruht einzig und allein darauf, dass ich wissbegierig war und bin und schon als junger Trainer täglich von morgens bis abends Stunden gegeben habe. Da habe ich nicht nur gutes Geld verdient und war stets braungebrannt, ich habe auch eine Menge gelernt.

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