John Isner

John Isner im Interview: „Ich war noch nie so gut”

Mit 33 Jahren spielt John Isner die Saison seines Lebens. Je älter desto besser? Im Interview spricht der Amerikaner über mentale Stärke, das dramatische Aus im Wimbledon-Halbfinale, das Vaterwerden und über seinen Kumpel Alexander Zverev. 

John, Sie waren an den zwei längsten Matches der Tennishistorie beteiligt. Wenn uns jemand etwas über mentale Stärke in Kombination mit Athletik erzählen kann, dann Sie!

Das Mentale ist definitiv ein nicht greifbarer Aspekt da draußen auf dem Court. Wie in allen Sportarten ist die Psyche meiner Meinung nach wichtiger als die Physis. Wir alle arbeiten hart, um topfit zu sein. Für mich ist das aber nur die Voraussetzung, um mental stark zu sein. Um sich in kritischen Situationen am Ende durchzusetzen. Was mich betrifft: Ich glaube, dass ich in dieser Hinsicht einen guten Job gemacht habe dieses Jahr. Klar gab es auch Momente, in denen ich mental etwas nachgelassen habe, vielleicht auch physisch. Aber unter dem Strich beherrsche ich das mentale Spiel ziemlich gut. 

Ist das etwas, das Sie speziell trainieren? 

Ja, aber Genaueres werde ich nicht verraten. Es arbeitet auch jeder anders an diesem Aspekt. Ich glaube, dass Erfahrung hilft. Ich bin seit Ewigkeiten dabei. In all den Jahren auf der Tour bin ich sehr viel weiser geworden. Das hat mir geholfen, mich ruhiger auf dem Platz zu verhalten. 

Sie sind jetzt 33 Jahre. Stimmt das, was man derzeit bei vielen Profis beobachten kann: je älter desto besser?

Vielleicht. Ich sehe mir die Burschen an, die in der Weltrangliste immer vor mir standen. Ich denke da besonders an Roger Federer, der einfach einzigartig ist. Mit 34, 35, 36 Jahren noch Erfolg zu haben, ist ein sehr ermutigendes Zeichen für einen Spieler wie mich. Ich möchte körperlich so stark wie nur möglich sein. Wenn ich ein Turnier hinter mir habe, fliege ich nach Hause und bin in der Regel sofort im Fitnessstudio. Alles, was ich tue, ist darauf ausgerichtet, mich die ganze Saison über fit zu halten. In den elf Jahren auf der Tour habe ich mich physisch wahrscheinlich noch nie so stark gefühlt. Ein cooles Gefühl mit 33. Ich weiß, dass ich mein Tennis immer noch verbessern kann. Das sage ich zwar schon seit langem, aber momentan glaube ich sehr fest daran.

Woran arbeiten Sie besonders, damit Ihre Karriere so lange wie möglich dauert? Ist Ihr Spielstil dabei förderlich?

Mein Spielstil hilft mir definitiv. In der Lage zu sein, kürzere Punkte nach dem Aufschlag zu spielen und so die Aufschlagspiele zu halten, nimmt einem ein gewisses Level an Stress. Dazu kommt wie gesagt die Erfahrung. Es gibt eine Menge Spieler in meinem Alter, die sich stark unter Druck setzen, weil sie im Ranking Plätze verlieren und wissen, dass sie nicht mehr lange spielen werden. Ich habe mir bewusst vorgenommen, nicht in diese Falle zu tappen und alles dafür zu tun, mir den Druck zu nehmen. Dabei waren Gespräche mit meinen Coaches und meinem Umfeld sehr hilfreich. Ich bin in der Lage, mich selbst in eine sehr gute mentale Positon zu bringen. Das ist der Hauptgrund für meinen Erfolg in diesem Jahr.

Auf ihrer letzten Pressekonferenz in Wimbledon sagten Sie, dass Sie den Reset-Knopf drücken werden, um sich von der Niederlage gegen Kevin Anderson zu distanzieren. Wie meinen Sie das?

Die 24:26-Niederlage im fünften Satz war bitter, aber schon 48 Stunden später habe ich daran gedacht, was ich Tolles erreicht habe. Bei meinem nächsten Match in Atlanta wollte ich einfach nicht, dass die Niederlage immer noch in meinem Kopf herumschwirrt. Ich wollte das Match aus meinem Gedächtnis verbannen und das ist mir gut gelungen (Isner siegte in Atlanta, d. Red.). Ich bin für zwei Tage in die Heimat nach North Carolina geflogen. Dort habe ich Zeit mit der Familie verbracht und mit meiner kleinen Nichte und meinem kleinen Neffen gespielt. So konnte ich schon einmal üben, schließlich werde ich im September Vater (grinst). Ich habe einfach abgeschaltet. Das Wimbledonfinale habe ich mir nicht angeschaut. Es wäre mir schwer gefallen. Als ich dann in meine Base nach Dallas zurückkehrte, ging ich direkt ins Fitnessstudio und trainierte wieder hart.  

Sie haben erwähnt, dass Sie Vater werden. Welche Auswirkungen wird dies auf Ihren Turnierplan haben? Werden wir Sie im Herbst seltener sehen? 

Ja, mit Sicherheit. Der wichtigste Tag meines Lebens wird im September kommen. In Asien werde ich nicht spielen. Davon können Sie ziemlich sicher ausgehen, denn ich werde für meine Frau und für meine Tochter da sein. Wenn alles reibungslos verläuft,  sollte ich aber den ganzen Sommer über spielen können. Wenn die Arbeit getan ist, gehe ich nach Hause und freue mich auf meine Familie.

Sie haben einmal erwähnt, dass Sie in Zukunft smarter trainieren wollen. Wie meinen Sie das und inwiefern spielt die kommende Vaterschaft eine Rolle? 

Wenn ich zu Hause bin, liegt mein Hauptaugenmerk neben dem Platz. Das bedeutet aber nicht, dass ich das Training vernachlässige. Ich kenne meinen Körper ziemlich genau. Ich werde darauf achten, das er kräftig und flexibel bleibt. Ich werde so gesund wie möglich essen. Ich schwöre auf SoulCycle (neue Trendsportart in den USA, eine Kombination aus Radfahren und Tanzen, Anm. d. Red.). Ob Sie es glauben oder nicht: Ich mache auch eine Menge Pilates. Ich werde auch in meiner turnierfreien Phase im Herbst jeden Tag drei Stunden trainieren, damit ich fit bleibe.

Also mehr Fitness und weniger Bälle schlagen?

Ich bin schon so lange auf der Tour, habe schon so viele Bälle geschlagen, mein ganzes Leben hat sich nur um Tennis gedreht. Ich weiß, wie man aufschlägt, wie man einen Ball trifft. Ich lasse mich beim Training nicht mehr so stressen. 

Sie haben einen der besten Aufschläge der Tour. War Ihr Service schon so gut, als Sie jünger waren? Fiel es Ihnen schon immer leicht? 

Es ist kein einfacher Schlag, aber für mich fühlte es sich immer natürlich an. Eine Aufschlagbewegung wurde mir eigentlich nie wirklich beigebracht. Ich habe eine sehr gute, sehr klare Aufschlagbewegung. Das war schon immer so. Ich habe hier und da etwas herumgebastelt, aber ich habe noch nie drastische Änderungen an meinem Aufschlag vorgenommen. Ich hatte auch nie irgendwelche Coaches, die versucht haben, meinen Aufschlag zu ändern. Ansonsten hätte ich auch nie mit ihnen zusammengearbeitet (grinst). Andererseits: Ich habe mein Leben lang an ihm gearbeitet und deshalb ist er zu einer der vernichtendsten Waffen im Tennis geworden.  

Apropos Aufschlag: Was halten Sie von Alexander Zverev? Bei den Grand Slam-Turnieren bleibt er bislang unter den Erwartungen. Was muss er noch lernen? 

Er ist ein wirklich guter Freund von mir. Wir haben lange zusammen trainiert. Wir stehen über WhatsApp in Kontakt. Ich mag Sascha sehr. Er ist ein unglaublich netter Typ. Ich würde ihm aber keinen Ratschlag geben. Er wird alleine herausfinden, was er tun muss, um bei den großen Turnieren den Durchbruch zu schaffen. Er hat ein sehr gutes Team um sich herum. Es ist nur eine Frage der Zeit. 

Das Gespräch führte Tom Perotta.