Roger Federer

Federer-Fanatics sind falsche Fans

Am Verhalten von Roger ­Federer gibt es nichts auszusetzen. Viele seiner Anhänger nerven dagegen nur noch – eine Abrechnung. 

Roger Federer ist ein absolut untadeliger Sportsmann. Selbst wenn es im Herbst seiner Karriere mal nicht so gut läuft und er öfter mimisch den „Grumpy old Man“ heraushängen lässt: Ungerecht oder gar unfair seinen Gegnern oder dem Platzpersonal gegenüber wird er normalerweise nicht – eine weitere sehr positive Besonderheit in einer Ego-geprägten Zunft über seine rein sportlichen Meriten hinaus. Für manche seiner Fans gilt das aber nicht im selben Maße.

Dass eine gewisse Mirka im Eifer des Gefechts vor einigen Jahren bei den ATP-Finals den Roger mal so sehr anfeuerte („Hopp, hopp! Chum jetzt!“), dass sich Gegner Stan Wawrinka in seiner Konzentration gestört fühlte und späteren Klärungsbedarf sah, wollen wir aufgrund einer gewissen engen Verbundenheit zum Maestro großzügig verzeihen.

Was aber der Eine oder Andere veranstaltet, der mit dem 20-fachen Grand Slam-Sieger weder Tisch noch Bett teilt, verwundert und nervt. Es geht gar nicht (nur) um die Pfiffe gegen Zverev bei den ATP-Finals. Es geht darum, dass sich einige „Federer-Fanatics“ schon länger dazu berufen fühlen, in kritischen Situationen dazu beizutragen, dass zu den mickrigen gut 250 Karriere-Niederlagen Rogers kurz vor Toresschluss möglichst wenige hinzu kommen. Wenn nötig auch mit Zwischenrufen oder Klatschen zur Unzeit.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Nämlich: Dass Federer den Platz am Ende nicht als strahlender Sieger verlässt. Die Gentleman-Attitude, die viele an ihm so schätzen, wird von seinen vermeintlich größten Fans nicht gelebt. Der Personenkult überdeckt den Blick auf das große Ganze. Wir sind und waren immer der Meinung, dass auch die größten Stars nicht größer sind als die Sportart, der sie sich verschrieben haben. Mittlerweile besteht aber der Eindruck, dass ein großer Anteil an Zuschauern existiert, deren „Fan-Tum“ sich fast ausschließlich auf die Person Federers und nur wenig auf den Tennissport an sich kapriziert. 

Wenn Endspiele ihre „Wertigkeit” verlieren

Das kommt aber auch nicht von ungefähr: An manchen Turnierorten drängt sich beim Blick aufs Marketing der Verdacht auf, dass dort Federer-Festspiele stattfinden – und nebenbei noch ein Tennisturnier. Kein Wunder, dass sich das in vielen Köpfen festsetzt. Kein Wunder, dass Endspiele plötzlich ihre „Wertigkeit“ verlieren, wenn der GAU, ein vorzeitiges Ausscheiden des Schweizers, wahr geworden ist. Kein Wunder auch, dass es schwierig wird, neue Stars zu etablieren.

Wenn man liest, dass Turnierveranstalter „bangen“, ob Federer sie denn nun auch 2019 beehrt, bangen wir eher darum, ob dort irgendwelche Strategien für den Zeitpunkt existieren, an dem auch doppelte und dreifache Antrittsprämien den Schweizer nicht mehr locken können, weil er sich verdient und selbstbestimmt in den Ruhestand verabschiedet hat. Wehklagen unter Fans, dass das Tennis ganz oder aber wenigstens an bestimmten Orten am Ende ist, wenn sich Topstars verabschieden, gab es auch bei Björn Borg, John McEnroe, Boris Becker oder Andre Agassi. In der Causa Federer hat man aber manchmal das Gefühl, dass die Veranstalter in diesen Klagechor einstimmen, statt ihm entgegenzuwirken.     

Vergötterung durch die Fans überall auf der Welt, absolute Fokussierung auf ihn als Zugpferd durch Turnierveranstalter, etliche Social-Media-Accounts mit Roger-Profilbild, die bereit sind, einen Shitstorm zu entfachen, sobald sie der Meinung sind, dass sich eine mediale Veröffentlichung zum Objekt ihrer Obsession nicht vollständig unter die Abkürzung GOAT subsumieren lässt. Und dann in der Mitte dieses Orkans der Zuneigung und Aufmerksamkeit ein Roger Federer, der dieses Tamtam um seine Person einfach zur Seite schiebt. Sich, sein Spiel und seine Erfolge sehr realistisch und rational einordnet. Nicht vergisst, auch andere Größen des Sports, sei es die aktuelle Konkurrenz oder Spieler der Vergangenheit, lobend zu erwähnen. Neben all den Titeln und Rekorden halten wir das für eine seiner größten Leistungen.

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