Ivo Karlovic

Mail aus Melbourne: Ivo Karlovic – der ewige „Dr. Ivo”

Ivo Karlovic ist das Phänomen auf der ATP-Tour. Der Kroate wird im Februar 40 Jahre alt und spielt sich zurück zu alter Stärke. Bei den Australian Open hämmerte er sich erneut in die Rekordbücher.

Die Schläfen sind etwas ergraut und auch an den Barthaaren kann man es erkennen. Die Zeit steht auch für Ivo Karlovic nicht still. Auch wenn „Dr. Ivo“, so der Spitzname des Kroaten, nicht zu altern scheint. Der Aufschlaghüne hämmert weiterhin Ass für Ass in das Feld seiner Gegner und verbreitet Angst und Schrecken. Bloß nicht gegen Karlovic spielen müssen, ist der Wunsch vieler Spieler bei der Auslosung. 13.060 Asse vom Kroaten sind es vor Turnierbeginn bei den Australian Open gewesen – und das nur in offiziellen Matches auf der ATP-Tour. Heute sind 39 Asse hinzugekommen. Karlovic servierte sich in die zweite Runde und besiegte den talentierten Polen Hubert Hurkacz. Das Ergebnis: standesgemäß. 6:7 (5:7), 7:6 (7:5), 7:6 (7:3), 7:6 (7:5). Hat jemand tatsächlich etwas anderes erwartet?!

Ivo Karlovic auf den Spuren von Ken Rosewall

In Matches mit Karlovic ist es wie bei einem Besuch bei McDonalds. Man weiß, was man bekommt für sein Geld. Und zwar reichlich Asse, Serve-and-Volley, viel Rückhand-Slice und kurze Ballwechsel. Der Kroate ist ein Phänomen. In einem Monat (am 28. Februar) wird er 40 Jahre alt. 2018 hat er sich über Erfolge auf der Challenger-Tour zurückgespielt in die Top 100. Sein Saisonstart lief prima. Im indischen Pune schrammte er nur hauchdünn an seinem neunten ATP-Titel vorbei – Niederlage im Tiebreak-Finale gegen Kevin Anderson. Karlovic wurde zum ältesten Finalisten auf der ATP-Tour seit Ken Rosewall (43 Jahre alt) in Hongkong im Jahr 1977. Hier in Melbourne ist der 2,11-Meter-Riese wieder auf Rosewalls Spuren. Sein Erstrundensieg gegen Hurkacz macht ihn zum zweitältesten Sieger in einem Hauptfeld seit Rosewall im Jahr 1978 sowie zum ältesten Sieger bei einem Grand Slam seit Jimmy Connors bei den US Open 1992.

„Es ist schön zu hören, dass man solche Rekorde hat“, gibt Karlovic in einer kleinen Presserunde über seinen Sieg Auskunft. „Ich spiele aber nicht für Rekorde. Siege sind es, die mich antreiben. Es gibt nichts Vergleichbares mit einem Sieg.“ Der bald 40-Jährige spricht leise und wohlüberlegt. Er meidet das Rampenlicht, so gut es geht. Er lässt lieber seinen Schläger sprechen, vor allem seinen Aufschlag, und schreibt lieber, als zu sprechen – er ist bekannt für seinen ironischen Humor auf Twitter. Der Grund für seine Zurückhaltung: Karlovic stottert immer noch leicht, aber nicht mehr so viel wie zu Beginn seiner Karriere. Ob er vor einem Grand-Slam-Match immer noch nervös ist? „Nein, nicht wirklich. Meine Vorbereitung hat sich im Laufe des Alter auch nicht geändert.“

„Ich wusste weder meinen Namen, noch welches Jahr wir haben”

Karlovic genießt jede Sekunde auf dem Tennisplatz. Siege wie heute geben ihm die Bestätigung, dass er auch in den Vierzigern Erfolg haben kann. „Ich liebe dieses Leben. Ich liebe das Reisen, auch wenn es schwierig ist, wenn meine Frau und Kinder zu Hause sind. Ich versuche, so lange wie möglich zu spielen.“ Seine Karriere wäre 2013 beinahe zu Ende gewesen. Nachdem er aus den Top 100 gefallen war, wurde bei ihm eine Hirnhautentzündung diagnostiziert. „Die Ärzte wussten nicht wirklich, ob ich mich zu hundert Prozent erholen würde. Ich war lange bewusstlos. Ich wusste weder meinen Namen, noch welches Jahr wir haben. Ich hatte große Schmerzen. Mein rechter Arm und mein Gesicht waren taub. Die Kopfschmerzen hielten fast zehn Tage an. Erst nach vier Tagen wusste ich wieder, wie ich heiße. Die Taubheit verschwand nach fünf Tagen“, sprach Karlovic damals über seine Leidenszeit.

Mit 39 Jahren ist der Kroate kerngesund. Sein Grundlinienspiel und seine Bewegung verbessern sich stetig. Sein Aufschlag und seine Netzabdeckung sind ohnehin ohne Zweifel erhaben. Karlovic ist neben Mischa Zverev der letzte verbliebene reine Serve-and-Volley-Spieler auf der Tour. Der Kroate zieht seinen Spielstil kompromisslos durch. An eine Renaissance von Serve-and-Volley in den nächsten Jahren glaubt er nicht. „Heute ist jeder Spieler fitter. Jeder kann härter schlagen im Vergleich zu den 80ern und 90ern. Jeder Spieler ist ein richtiger Athlet. Wenn man den Ball nicht hart genug schlägt, wird man zerstört. Das ist nicht allzu einfach, immer ans Netz vorzurücken.“ Sein Aufschlag und sein Serve-and-Volley-Spiel werden in der zweiten Runde sehr gefordert sein. Karlovic trifft auf einen der besten Returner und Konterspieler auf der Tour – Kei Nishikori. Karlovic ist längst noch nicht altersmüde. In den nächsten Monaten wird weiter von erfolgreichen Operationen von „Dr. Ivo” zu hören sein. Vielleicht schon am Donnerstag danke eines Sieges gegen Nishikori.