Andy Murray

Mail aus Melbourne: „Fomo”-Syndrom und Murray-Mania

Der erste Turniertag bei den Australian Open schrieb mal wieder einige schöne und skurrile Geschichten. Im Fokus stand aber der Abschied eines ganz großen Spielers aus Melbourne: Andy Murray.

64 Einzelmatches gehen bei den Australian Open am ersten Spieltag (und am zweiten) über die Bühne. Das sind mehr als ein Viertel aller Einzelpartien insgesamt. Die schönen und skurrilen Grand-Slam-Geschichten werden in der Regel in den ersten Tagen geschrieben. Da wäre unter anderem das Melbourne-Märchen der Australierin Astra Sharma. Die Australierin spielte sich gegen jeden Widerstand ins Hauptfeld und legte heute den ersten Hauptfeldsieg bei einem Grand Slam nach (hier zum Nachlesen!)

Oder der verfrühte Jubel von Katie Boulter. Die Britin hatte die neue Tiebreak-Regelung bei den Australian Open falsch aufgefasst. Im Entscheidungssatz wird bei 6:6 nämlich kein regulärer Tiebreak gespielt, sondern ein Match-Tiebreak bis 10.

Die Sonne in Melbourne: Eincremen nicht vergessen!

Wer all die kleinen Randgeschichten, die Spiele der Topstars und Pressekonferenzen im Auge behalten möchte, der muss multitaskingfähig sein. In den ersten Tagen bei einem Grand Slam herrscht im Pressezentrum das „Fomo“-Syndrom. „Fomo“ was? Ja, „Fomo”! Das Wort steht für „Fear of missing out”, also die Angst, etwas zu verpassen. Und verpassen kann man eine ganze Menge, wenn man nicht gut organisiert ist. Den Überblick behält man am besten im Pressezentrum.

Aber: Live-Tennis ist doch am schönsten. Also raus auf die Anlage! Für alle Zuschauer empfiehlt sich in den ersten Tagen: Geht raus auf die Außenplätze! Die Geschehnisse in den großen Stadien sind meist sowieso vorhersehbar. So auch heute: Die Day Session in der Rod Laver Arena ist im Flug vorbei. Sharapova siegt 6:0, 6:0, Rafael Nadal und Angelique Kerber haben im Anschluss ebenso wenig Mühe.

Die Musik spielt woanders. So zum Beispiel auf Court 13, wo sich im Generationenduell der 19-jährige Miomir Kecmanovic und der 35-jährige Fernando Verdasco gegenüberstehen. Oder auf Court 3, wo Stefanos Tsitsipas von der griechischen Gemeinde in Melbourne frenetisch unterstützt wird.

Wer gerne Asse sehen möchte, der kommt auf Court 8 auf seine Kosten. John Isner (2,08 Meter) gegen Landsmann Reilly Opelka (2,11 Meter). Vier Tiebreaks, 87 Asse. Was will das Tennisherz mehr, oder auch nicht?! Allerdings: Bei 35 Grad im Schatten sollte man sich am besten ein schattiges Plätzchen suchen. Bereits nur wenige Minuten in der prallen Sonne können bleibende Schäden hinterlassen. Die australische Sonne ist unerbittlich. Daher gibt es auf der Anlage einige kostenlose Sonnencremestationen, um sich zu schützen. Ein gute Sache!

Hautnah dabei mit Rudi Molleker

Es geht in Richtung Court 20. Rudi Molleker ist mit 18 Jahren der jüngste Hauptfeldstarter bei den Herren. Man merkt dem Teenager an, dass er mit den Bedingungen zu kämpfen hat. Direkt am Spielfeldrand stehen Boris Becker und Michael Kohlmann und schauen interessiert zu. Becker wird von einigen Fans nach einem Selfie gefragt. Die Tennisikone gibt sich als Star zum Anfassen. Auf den Außenplätzen ist man hautnah dabei. Das bekomme auch ich zu spüren. Ein Querschläger von Molleker rast im Eiltempo in meine Richtung. Ich strecke den Arm aus, fange den Ball und werfe ihm dem Balljungen direkt zu. „Du hast mich gerettet“, sagt mein Platznachbar zu mir. Ein bisschen stolz bin ich darauf schon, zumal meine Fangqualitäten immer in Frage gestellt werden.

Zurück im Pressezentrum. Es geht Schlag auf Schlag. Wann ist welche Pressekonferenz geplant? Und wie sieht es bei Australiens neuem Liebling Alex de Minaur aus? Die PK mit Molleker ruft. Der Berliner hat einiges zu erzählen über sein Grand-Slam-Debüt sowie über die Meinungsverschiedenheiten mit dem Deutschen Tennis Bund (hier zum Nachlesen!). Unterdessen stehen die letzten beiden Deutschen am heutigen Spieltag auf dem Platz. Was macht „Struffi“ da bloß? 6:1, 4:1 mit Doppelbreak vorne und dann verliert er völlig den Faden. Ein Auf und Ab gibt es mal wieder bei Andrea Petkovic.

Der nächste Termin steht an: ein Interview mit Karen Khachanov. Ein 15-minütiger Plausch mit dem 22-jährigen Russen. Seine Agentin hört zu und auch seine Frau ist im Interviewraum dabei. Ja, Khachanov ist bereits verheiratet. Das Interview gibt es in der kommenden Ausgabe des tennis MAGAZIN zu lesen. Zurück zum Arbeitsplatz. Was ist bloß bei Petkovic passiert, warum läuft das Match nicht mehr? „Petko“ hat tatsächlich aufgegeben, nachdem sie auf dem Platz zusammengebrochen ist. Besser gesagt: Sie hat aufgeben müssen. Die Ärzte haben ihr ein Weiterspielen untersagt, ansonsten hätte die Deutsche weiter alles gegeben.

Melbourne-Arena feiert Andy Murray

Das letzte und das ganz große Highlight des Tages steht an. Andy Murray in der Melbourne Arena gegen Roberto Bautista Agut. Wird es das letzte Match des Schotten? Murray gibt alles, schreit, flucht, ballt die Faust – und humpelt immer wieder. Nach 0:2-Satzrückstand und Break zurück im dritten Satz scheint die Partie gelaufen. Doch es wird noch ein magischer Abend. Murray gibt alles, was er seinem geschundenen Körper abverlangen kann. Als er den dritten Satz im Tiebreak gewinnt, dreht das Publikum durch. Und die sozialen Medien laufen über mit Murray-Supportern. Unter ihnen Nick Kyrgios: „Let’s go muzz you absolute fkn legend, I want 5 sets“, schreibt der Australier. Und es werden tatsächlich fünf Sätze, Murray gewinnt auch Satz vier im Tiebreak.

Ich gehe rüber zur Melbourne-Arena, um die Stimmung aufzusaugen. Das Stadion, in das jeder auf der Anlage kann, ist fast bis zum letzten Platz gefüllt. Best-of-five-Tennis, darum geht es bei den Herren bei einem Grand-Slam-Turnier. Gerade als es scheint, dass Murray das Ding tatsächlich drehen kann, spielt Bautista Agut groß auf. Der Spanier bleibt in der frenetischen Atmosphäre cool. Auch als Murray bei 1:5-Rückstand vor seinem Aufschlag eine Minute lang gefeiert wird. Nach 4:10 Stunden ist die Murray-Mania in der Melbourne-Arena beendet. Ein Abschiedsvideo mit Statements von Spielerkollegen- und kolleginnen flimmert über die Bildschirme. Murray muss ein wenig mit den Tränen kämpfen. „Wenn das heute mein letztes Match war, dann war es eine brillantes Ende.“ Mit Standing Ovations verlässt Murray den Platz. Ein großer Grand-Slam-Abend geht dem Ende zu. Ich hätte es vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten, aber: Ich werde dich vermissen, Andy!