2019 Australian Open – Previews

Alexander Zverev vor den Australian Open: Jäger und Sammler

Alexander Zverev startet in der Nacht zum Dienstag in die Australian Open. Seine Attitüde als Weltklasse-Spieler mit den höchsten Ansprüchen hält er in diesen Tagen – zumindest nach außen hin – zurück.

Ein einziges Mal in diesen Tagen schimmerte die wahre Einstellung von Alexander Zverev öffentlich durch – kurz, aber prägnant. Als Nachbetrachtung auf den Hopman Cup in Perth wurde er während seiner offiziellen Presserunde am Samstag bei den Australian Open im 3.400 Kilometer entfernten Melbourne gefragt, ob er gerne öfter Mixed mit Angelique Kerber spielen würde.

„Bei den Olympischen Spielen werde ich hoffentlich mit Angie spielen, weil man da nicht nur für sich spielt, sondern für sein Land. Das wäre toll“, sagte Zverev, bevor er weiter ausführte: „Ansonsten spielt das Doppel speziell bei Grand Slams eine untergeordnete Rolle. Weil diese Turniere wollen wir Einzelspieler gewinnen.“

Zugegeben: Eine akute und gewollte Kampfansage für die Australian Open war das keineswegs. Zverevs generelle und langfristige Denkweise wurde trotzdem deutlich. Das ist insofern erstaunlich, weil der 21-Jährige an diesen Januartagen in Australien Prognosen zu seiner Leistungsstärke beim ersten Jahreshöhepunkt und zu seiner Rolle im Welttennis gekonnt umschifft. Gleiches gilt für die aufkeimende Aufregung um seinen Gesundheitszustand.

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Die deutsche Nummer eins trifft vor seinem persönlichen Turnierauftakt die leisen Töne. Zunächst spielte er seine Fußverletzung herunter. In einem Trainingsmatch am Donnerstag war er publikumswirksam umgeknickt und musste die Einheit nach einer kurzen Behandlungspause durch Physiotherapeut Hugo Gravil beenden. „Der Fuß tut ein bisschen weh, es ist wie ein blauer Fleck auf dem Knochen, aber nichts Großartiges – und es kann nicht schlimmer werden. Ich mache mir keine Sorgen“, sagte der Weltranglistenvierte, der am Dienstag gegen den Slowenen Aljaž Bedene auf dem Centre Court mit einem Tapeverband antreten wird.

Australian Open: Zverev will kein Favorit sein

Anschließend machte der Davis Cup-Spieler, der gewillt ist, am ersten Februarwochenende in Frankfurt gegen Ungarn anzutreten, deutlich, dass er nicht zu den Favoriten in Down Under gehört. Den Titelverteidiger Roger Federer zählt er neben Novak Djokovic und Rafael Nadal erneut zu den Favoriten auf den Titel in Melbourne. Sein eigener Status habe sich, so sagt er, durch den Triumph beim Saisonfinale in London im November nicht geändert.

Zverev mag zwar erst 21 Jahre alt sein und medientechnisch in der Vergangenheit längst nicht alles richtig gemacht haben. Doch einen gewissen Erfahrungsschatz hat der Wahlmonegasse gesammelt, schließlich liegt sein Sensationslauf ins Halbfinale der German Open in Hamburg bereits viereinhalb Jahre zurück. Seitdem hat er sich peu a peu in der Weltspitze etabliert. Die Erwartungshaltung stieg beständig. Der Erfahrungsschatz in den vergangenen zwei Jahren ebenfalls.

Zverev: „Es hat immer jemand auf mich geschaut“

In den letzten Jahren hat immer jemand auf mich geschaut“, sagt Zverev in der Pressekonferenz. Aber: „Ich bin hier noch nie über die dritte Runde hinausgekommen. Wir werden sehen, wie weit es geht.“ Das mit der dritten Runde hat Zverev verinnerlicht. Bereits zuvor erstickte die Nummer vier der Setzliste – ohne bösen Vorsatz – einen Ansatz von Euphorie bei Boris Becker. Der hatte Zverev im aufgezeichneten TV-Interview gefragt, wie er die aufkeimende Tenniseuphorie in Deutschland wahrnehme. Und nannte als Referenz den DTB-Kongress in Berlin, bei dem hunderte Begeisterte zusammen das Hopman Cup-Finale geschaut haben.

„Das ist natürlich schön zu hören, aber um ehrlich zu sein, konzentriere ich mich sehr auf mich“, antwortete der gebürtige Hamburger. Becker nickte zustimmend. Und Zverev erklärte zum wiederholten Male: „Für Euphorie ist noch nicht viel Platz. Ich bin hier noch nie über die dritte Runde hinausgekommen.“ Es wirkte fast ein bisschen so, als würde sich der Deutsche selbst dafür belächeln. Im Vorjahr schied er nach 2:1-Satzführung und langen Schiedsrichterdiskussionen über die Lichtverhältnisse in fünf Durchgängen gegen den späteren Halbfinalisten Hyeon Chung aus.

Klar ist: Der elffache ATP-Turniersieger hat zumindest intern noch eine Rechnung mit Melbourne offen. In unserer großen Auslosungsanalyse stellte Davis Cup-Teamchef Michael Kohlmann fest, dass je  nach Turnierverlauf auch das Viertelfinale als Erfolg gewertet werden könne. „Saschas eigener Anspruch spiegelt sich aber sicherlich in seiner Setzung wider.“ (Lesen Sie HIER alles zur Auslosung von Zverev)

Lendl und Zverev senior als Taktgeber

Vor der Medienarbeit hatte der deutsche Hoffnungsträger am Sonntag zwei Stunden mit Fernando Verdasco trainiert, sich dabei gut bewegt gegen den Hardhitter, der bereits am Montag in die zweite Runde einzog (Erfolg über Youngster Miomir Kecmanovic).  Beobachtet wurde die Einheit von Vater Alexander senior und Ivan Lendl, der während des Hopman Cups zum Team dazustieß. Ob er die von-Spiel-zu-Spiel-Mentalität vorgibt, die auch Physiotherapeut Hugo Gravil gegenüber tennismagazin.de predigte, ist nicht überliefert – aber wahrscheinlich. Aber Lendl, der Ex-Trainer von Andy Murray, schärft auch Down Under die Sinne und hält die Zügel fest in der Hand.

Halb im Scherz sagte Zverev, er habe gar keine Wahl etwas kürzer zu treten, um seinen Fuß zu schonen. „Ivan will jeden Tag vier Stunden trainieren. Da ist keine Zeit für Schonen.“  Zverevs Papa, der beim Training weiter ein gefragter Mann ist, kümmerte sich am Nachmittag um Sponsorentermine mit seinem Sohn.

Am Montag wurde die Trainingszeit deutlich reduziert: „Es kann sein, dass ich bereits am Dienstag fünf Sätze spielen muss“, sagte Zverev fast demütig. Davon gehen Experten und Fans nicht aus beim Match gegen Bedene. Und Zverev selbst wohl auch nicht. Aber die Rolle des Verfolgers scheint ihm zu gefallen und gut zu tun. Zverev weiß, dass er wieder hart gearbeitet hat. Er hat sich nichts vorzuwerfen. Und will jetzt jagen und sammeln: Erfolge versteht sich.

Zverevs Vorbereitung lässt hoffen

„Ich bin sehr zufrieden mit meiner Vorbereitung. Ich habe das Gefühl, dass ich erneut sehr viel harte Arbeit hineingesteckt habe und physisch nochmal auf dem nächsten Level bin. Die Saison geht mit diesem Grand Slam jetzt aber erst so richtig los und ich hoffe, dass ich bereit bin, hier gut zu spielen.“

Die Art und Weise wie der Erfolg bei den ATP-Finals in London zustandekam, hat Zverev entspannt. „Als Spieler musst du dein Programm immer professionell abspulen. Aber wenn du mal nicht gut spielst und verlierst, darfst du nicht gleich denken, das die Welt untergeht. Je mehr Spaß und Lockerheit man mitbringt und die Dinge genießt, desto mehr Erfolg wird man automatisch haben“, sagt die Nummer vier der Welt.

Mit dieser Einstellung dürfte Zverev in Melbourne gut fahren. Auch ohne große Kampfansagen.