Angelique Kerber

Mail aus Melbourne: Kerber-Wahnsinn! Raus aus der Wohlfühlzone

In einem der hochklassigsten Duelle des Turnierverlaufs hat sich Angelique Kerber ins Viertelfinale der Australian Open gekämpft. Gegen Su-Wei Hsieh musste sie die gesamte Bandbreite ihres wiederbelebten Spiels abrufen und war zeitweise weit entfernt von ihrer Wohlfühlzone. Doch auch das macht Kerber in diesen Tagen aus, weiß unser Reporter aus Melbourne zu berichten.

Die Taiwanesin Su-Wei Hsieh ist zweifelsohne eine der unkonventionellsten Spielerinnen der Tour. Beidhändig auf Rück- und Vorhand unterwegs, hat die Rechtshänderin eines der vielleicht größten Schlagrepertoires auf der WTA-Tour. Mit dem Abrufen von so viel Talent tun sich viele Spielerinnen und Spieler schwer, einfach weil sie so viele Optionen haben für einzelne Situationen. Ähnliches berichtete etwa Daniel Vallverdu über Grigor Dimitrov, als dieser den Bulgaren vor mehr als einem Jahr übernahm. Das könne mitunter überfordern, erklärte der Erfolgscoach damals.

Hsieh kann Winner von beiden Seiten des Platzes schlagen, zum Slice und zu unglaublichen Winkeln ansetzen, Stopps ansatzlos gegen die Laufrichtung platzieren. Die 32-Jährige stand dennoch erst einmal in der vierten Runde eines der vier großen Turniere, zehn Jahre ist das her, ebenfalls in Melbourne.

In diesen Tagen von Melbourne konnte sie, die ohne Coach unterwegs ist, zum ersten Mal seit langem alles gleichzeitig abrufen. Nachzufragen unter anderem bei Garbine Muguruza und Agnieszka Radwanska, die sie hier bereits besiegt hat. Drei mickrige Punkte haben am Montag gefehlt, um ebenfalls Angelique Kerber nach Hause zu schicken. Doch die einzig verbliebene Grand Slam-Siegerin im Turnier machte in den zwei Stunden und acht Minuten Spielzeit in fast jedem noch so kritischen Moment den Eindruck, den Platz ausschließlich als Siegerin verlassen zu wollen. Was die Deutsche grundlegend von ihrer verunsicherten Version aus 2017 unterscheidet.

Nur einen Moment gab es, da wackelte das noch recht frische Konstrukt, dass Neu-Coach Wim Fissette mit Kerber innerhalb kürzester Zeit in ihrem Spiel integriert hat: verbesserter Aufschlag, offensiveres Grundlinienspiel, weniger Negativität in der Körpersprache.

Mehr Netzangriffe

Mitte des zweiten Durchgangs war das. Hsieh spielte das beste Tennis ihrer Laufbahn, brachte nicht nur jeden guten Angriffsball von Kerber mit guter Länge zurück, sondern entwickelte aus „jedem Winkel des Platzes Winner. Sie hat wirklich unglaublich gespielt“, berichtete Kerber. Die zweifache Grand Slam-Siegerin schien von der Grundlinie aus kurz vor der Verzweiflung zu stehen. Sie spielte gut, mutig – aber es schien nicht zu reichen. Aus Kerbers Ecke kamen wiederholt Anweisungen, weiter ins Feld hineinzugehen, vor ans Netz, um die gut vorbereiteten Bälle, früher abschließen zu können.

Nachdem sich die 30-Jährige erst nicht so recht traute, fasste sie wegen des immer enger werdenden Spielstands dann doch die Entscheidung. Waren es in Satz eins nur zwei Netzangriffe, von dem einer erfolgreich war, fand Kerber im engen zweiten Satz immerhin elfmal den Weg ans Netz. Und obwohl sie siebenmal den Punkt machte, fühlte sie sich nicht so recht wohl. Nach einem verschlagenen Vorhandvolley folgte die ironisch angehauchte Reaktion gen Fissette und Co. Mit dem erhobenen Daumen rief sie ihrer Ecke zu: „Good job“.

Doch Kerber befreite sich innerhalb weniger Ballwechsel aus dieser negativen Grundhaltung, kratzte noch ein paar Prozentpunkte mehr Energie aus sich selbst raus und hielt wieder ausschließlich von der Grundlinie dagegen. Ab 4:6, 4:5 und 0:15 dominierte die Deutsche, die Fehlerquote der auf diesem Grand Slam-Niveau unerfahrenen Hsieh ging merklich nach oben. Auf die kurze Netzfehde angesprochen, entgegnete die überglückliche Siegerin: „Ich habe alle Optionen ausgetestet, nicht alles hat funktioniert. Aber ich muss glücklich und zufrieden darüber sein, dass überhaupt eine Option funktioniert hat.“

Glaube und positive Ausstrahlung wieder da

Ein Journalistenkollege entgegnete auf das Thema Netzspiel nach der Pressekonferenz augenzwinkernd, dass auch ein Novak Djokovic zwölf Grand Slams ohne Netzspiel gewonnen habe. Boris Becker hätte wegen der Verbesserung der Volleys unter seiner Leitung dazu sicherlich eine differenzierte Meinung. Bei Kerber ist der Erfolg oder Misserfolg am Netz aber weniger entscheidend. Wichtiger ist, dass sie wirklich alle Optionen ausgereizt hat, also auch das Netzspiel. Sie hat ihre Wohlfühlzone Grundlinie verlassen und hat – das ganze Match betrachtet – nicht den Kopf verloren.

Die positive Ausstrahlung während der Matches ist in diesen Tagen von Melbourne die vielleicht am einfachsten wahrnehmbare für Außenstehende. Selbst an diesem Montag, an dem sie von der Außenseiterin sicher an den Rand der Verzweiflung gebracht wurde, waren die lauten „komm jetzt“-Schreie in der Überzahl, de taffe Mentalität omnipräsent. „Bei mir war auch bei 4:5, 0:15 der Glaube größer, das Spiel noch gewinnen zu wollen. Ich habe weniger darüber nachgedacht, dass sie es am heutigen Tag vielleicht mehr verdient hätte.“

Die Pressekonferenz nach dem Spiel war die definitiv am besten besuchte seit Turnierbeginn. Kerber ist zurück. Also die Kerber, die hier 2016 eine ganze Stadt begeistert hat. Sie prankt hier übergroß auf Plakaten mit Rafael Nadal, wird auf- und abseits der Anlage regelmäßig erkannt, ist eine, der beliebtesten Spielerinnen Down Under.

Ihr Coach Fissette, so hört man, duldet kein Jammern, keine Negativität bei Kerber. Klare Kante ist an der Tagesordnung. Daran soll die ein oder andere erfolgsversprechende Zusammenarbeit in der Vergangenheit zerbrochen sein. Kerber und er haben sich aber, auch dank des frühen Erfolgs, gefunden. Den Kampf, den sie am Montag mehr als zwei Stunden lieferte, begeisterte auch das Publikum, das sie frenetisch feierte.

Neues Anspruchsdenken?

Falls es nochmals eine Initialzündung benötigt hat, dann ging sie gegen Hsieh deutlich von Kerber aus, die nun als Favoritin wahrgenommen wird. Bereits vor dem Achtelfinale gegen Hsieh rief die frühere Spielerin und TV-Analystin Rennae Stubbs in Erinnerung, dass „Angie mental einen Schritt vor allen anderen ist, da sie ein Slam schon zweimal gewonnen hat. Das ist verdammt noch mal hart, nervenaufreibend, eine Nicht-von-dieser-Welt-Erfahrung“. Kerber sei sowas von wieder in 2016 angekommen.

Diese Erkenntnis ist Stubbs nicht erst hier in Melbourne gekommen. Die Expertin war in Sydney Augenzeuge, als Kerber ganz enge Momente gegen Venus Williams und Lucie Safarova zu überstehen hatte: „Venus hat richtig gut gespielt und Angie hat sich irgendwie diesen zweiten Satz gekrallt und hat die Amerikanerin dann einfach überrannt. Seitdem hat sie nicht mehr zurückgeschaut.“ Für Stubbs ein Schlüsselmoment: „Es war wie, ich erinnere mich daran, wie Gewinnen geht. Gewinnen bedeutet, jeden Zentimeter dieses Platzes zu beackern und gewinnen gibt mir das Selbstvertrauen, das mich daran erinnert, dass ich wirklich gut bin.“ Seitdem behaupte jeder laut Stubbs, dass Kerber zurück ist. 2018 steht Kerber ungeschlagen 13:0.

Nach dem Sieg gegen Hsieh ist der Hype um die Deutsche tatsächlich wieder in seiner vollen Gänze da. 2017 drehte sich vieles ausschließlich nur um Erwartungen; 2018 ging vieles nur um das veränderte Tennis. Kerber wird gegen die Hardhitterin Madison Keys, die auch gegen Caroline Garcia keinen Satz abgab, zeigen müssen, wie sie nun mit dem Anspruchsdenken zurechtkommt. Die Viertelfinalistin hat ihr Spiel zusammen, das es benötigt, den dritten Majortitel ihrer Karriere zu erlangen. An dieser Ausgangslage hat auch Hsieh ihren Anteil. Die Taiwanesin krönte ihr Turnier mit einem atemberaubenden Match. Es wäre ihr zu wünschen, dass sie dieses Talent 2018 noch öfter abrufen kann.